Uzumaki

Uzumaki

Horror-Manga von Junji Itō.

Wir leben in einer aufgeklärten Welt, in der es keine Monster oder leeren Flecken mehr auf den Landkarten gibt, in welcher wir jede Krankheit identifizieren und behandeln können, wo ein Blick ins Internet jede offene Frage beantworten kann. Und doch sehnen wir uns heimlich nach dem Unbekannten, dem Grotesken, dem Monströsen. Guter Horror regt unsere menschlichen Urinstinkte zu einer Mischung aus Fluchtreaktion und morbider Faszination – eine Formel, die bei modernen Autoren und Filmemachern leider häufig zugunsten eines billigeren und einfacheren „Buh!“ in Vergessenheit gerät. Junji Itō hingegen erschafft in Uzumaki eine ganz eigene, unbekannte Welt des Grauens, in welcher die splitternde Fragilität unserer Wahrnehmungsrealität im Sinne von H.P. Lovecraft auf die formbaren und mit Gewalt verdrehten Körper eines David Cronenberg trifft.

Eigentlich ist Uzumaki eine Sammlung gruseliger Lagerfeuergeschichten rund um das verschlafene Fischerdorf Kurôzu-cho, in welchem die Bevölkerung von einer schleichenden Faszination mit geometrischen Spiralformen gepackt wird. Obwohl die Handlung der Schülerin Kirie und ihrem Freund Shuichi folgt, sind die Episoden selbst in sich geschlossene Exponate der grotesken Kreativität des Autors: Unsere Protagonisten begegnen Menschen, die sich selbst verstümmeln, sich verdrehen oder verwandeln, die andere auf abstoßende Weise morden oder selbst mit neuem, unheiligen Leben erfüllt werden. Für den Großteil der Reihe gibt es keine explizite Verbindung zwischen diesen Kurzgeschichten – mit Ausnahme der stets wiederkehrenden Spiralform. Vielmehr baut Itō über wenige Seiten eine simple Handlung auf, um diese mit dem Einschlag einer seiner herrlich grauenvollen und visuell abnormen Konzepte zu beenden. Die schiere Menge und Qualität dieser Horror-Konzepte ist dabei die Hauptattraktion dieser Achterbahnfahrt.

 

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Die effektive Kürze dieser Erzählungen, verbunden mit dem ohnehin hohen narrativen Tempo des Mediums, macht den knapp 650 Seiten dicken Türstopper von einem Sammelband dennoch in ein oder zwei Sitzungen verzehrbar. Dies sollte aber nicht mit leichter Bekömmlichkeit verwechselt werden: Auch wenn wir in Sachen Gewalt und Horror ganz schön abgestumpft sind, verfolgen uns die effektvoll inszenierten und detailverliebt gestalteten Abscheulichkeiten bis in unsere Albträume. Auch wenn ich jetzt erst dazu kam, den Sammelband zu lesen, hielten mich einzelne Zeichnungen Itōs, welche ich auf nächtlichen Internet-Spritztouren erhaschte, lange wach. Die Kombination aus konzeptuellem Terror und seiner Fähigkeit, diesen zu Papier zu bringen, ist ein böser Trip, der einem immer wieder neue Schauer über den Rücken jagt. Er gehört ganz klar zu den unterschätzten Größen des Genres.

Angenehm ist auch, dass die Explosivität der Ideen niemals der verklärt verträumten, subtil am Verstand nagenden Atmosphäre zum Verhängnis wird. Die Handlung beginnt immer wieder bei Null und baut sich zum nächsten Höhepunkt hin auf. Im Gesamtbild wirkt dadurch natürlich die merkwürdig unterwältigte Reaktion der Hauptfiguren auf den erlebten Schrecken kurios, kommt aber der traumartigen Grundstimmung des Werks zugute: Die unbequeme Verklärtheit und Selbstverständlichkeit, mit der die Bewohner des Fischerdorfs mit den immer widerwärtigeren Ausgeburten des Grauens umgehen, erinnert an die verstrahlte Apathie der Bevölkerung von Twin Peaks.

 

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Wenn es einen Kritikpunkt an dieser Geschichtensammlung gibt, dann die Tatsache, dass die Handlung für das letzte Drittel auf einmal im Maßstab größer und zusammenhängender wird. Diese kreative Entscheidung bricht den in den vorangegangenen Episoden etablierten Rythmus drastisch. Um den Schlussstrich lässt sich streiten – ich persönlich halte das Finale für eine gelungene, logisch zu Ende gedachte Konsequenz aus den Inspirationsquellen Itōs. Dennoch macht das ideale Format der ersten zwei Drittel diese ganz klar zum Höhepunkt des Bandes.

Uzumaki ist – und verzeiht die Phrase – nichts für schwache Nerven. Wer aber von Body Horror fasziniert ist oder einfach gerne abgedrehten konzeptuellen Schrecken zu sich nimmt, dem können wir diesen Sammelband nur empfehlen. Und selbstverständlich wird das Universum nach eurer Lektüre alles daran legen, euch zu erinnern, wie viele Dinge in eurem Alltag so alle spiralförmig sind.

 

phihead

 


Den hübsch aufgemachten Sammelband gibt es in englischer Sprache auf Amazon:

Uzumaki

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