Rick and Morty

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Zeichentrickserie von Dan Harmon & Justin Roiland.

Ich habe einen Hang zu begeisterten Übertreibungen und enthusiastischen Superlativen, wenn ich die Dinge beschreibe, die mir am Herzen liegen. Darum ist die folgende Aussage wahrscheinlich mit einer gesunden Dosis Skepsis zu genießen: Die hässliche kleine Cartoonserie Rick and Morty ist momentan mein Lieblings-Entertainment-Ding auf Erden. Diese Adult Swim-Produktion kombiniert clevere Science Fiction mit menschlich-neurotischen Figuren, die Erforschung der Abgründe menschlicher Psyche mit exzentrischem Humor. Und das Ergebnis ist glorreich, schlau und zum Brüllen komisch.

Die Familie des uncoolen Teenagers Morty lässt seinen Großvater, den professionellen Wissenschaftler und Alkoholiker Rick Sanchez, in ihrer Garage hausen, wo dieser immer neue Erfindungen entwirft, die seiner Zeit Jahrhunderte voraus sind. Zu seinen größten Schöpfungen gehören ein Raumschiff aus Schrott und eine Portalkanone, die ihren Benutzer frei durch alternative Dimensionen reisen lässt. Der geniale und von seiner zurückgebliebenen Umwelt völlig verkannte Erfinder nimmt seinen verunsicherten Enkel mit auf seine abgefahrenen high-concept science fiction-Abenteuer voll mit Aliens, technologischen Wundern, fremden Welten, Gewalt und existentiellem Terror. Das diese Erlebnisse ein Kind in Mortys Alter natürlich völlig traumatisieren, ist ein großer Teil des Spaßes. Was als krude Parodie auf Back To The Future beginnt (die Charaktere basieren auf einem absolut nicht jugendfreien Sketch rund um Doc Brown und Marty, den Roiland zur persönlichen Belustigung kritzelte), endet als eine Art Doctor Who – wenn der Doctor ein verbittertes, konstant betrunkenes Ekel ohne Respekt vor menschlichem Leben oder den Konsequenzen des eigenen Handelns wäre.

Der Ideenreichtum des Autorenteams ist unvorstellbar. Jede einzelne der 20-minütigen Folgen ist mit einer Menge an schlauen Gags, abstrusen Situationen und irrwitzigen Konzepten gefüllt, die große Hollywood-Spektakel alt aussehen lassen: Da wäre die Folge, in der Rick und Morty von alternativen Ichs aus vielen verschiedenen Dimensionen verfolgt werden, weil sie des Mordes an anderen Versionen ihrer selbst angeklagt werden. Oder die Folge, in der sie in das Taschenuniversum reisen, welches Rick einzig und allein zum Betreiben seiner Autobatterie erschaffen hat. Oder die Folge, in welcher sie gegen außerirdische Lebensformen kämpfen, die sich durch die Injektion von Erinnerungen an geliebte – und frei erfundene – Familienangehörige parasitär fortpflanzen. Jede einzige dieser Folgen hat genug kreativen Zündstoff für eine Trilogie von groß angelegten Science Fiction-Filmen mit Millionenbudgets – und doch handelt es sich nur um eine von einem Haufen Nerds krude gezeichnete Witzbild-Serie. Genial.

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Die rasend komischen und überraschend intelligenten Dialoge sind nur lose gescriptet und zu großen Teilen improvisiert. Das scheint für eine Animationsserie ungewöhnlich, ist aber ein Geniestreich: Die spontane Improv-Comedy der Tonaufnahmen lässt die Charaktere stets den abstrusen Situationen angemessen verplant, überrumpelt oder aufgescheucht wirken. Der Star der Show ist natürlich Justin Roiland, der neben diversen Nebencharakteren sowohl Rick als auch Morty spricht: Für Rick kombiniert er wirr-verstrahlte Doc Brown-Mannerismen mit dem gelegentlichen Rülpser, während Morty, der sich stets irgendwo im Spektrum von überfordert bis traumatisiert bewegt, ein charakteristisch jämmerliches Stammeln an den Tag legt. Auch die fremden Realitäten werden mit skurrilen Dingen, außerirdischen Lebensformen und fremdartigen Landschaften gefüllt, die die Sprecher sich spontan vor dem Mikro zusammenreimen. Ein persönlicher Favorit ist die Folge, in der Rick den Fernseher der Familie so modifiziert, dass er Sendungen aus anderen Dimensionen empfängt; Jeder der kurzen Einspieler ist ein aus dem Stehgreif zusammenimprovisierter Sketch, bei dem selbst die Schauspieler auch mal kichern müssen.

Was den Humor der Serie jedoch zu etwas ganz Besonderem macht, ist die Kontrastierung mit den brutal ehrlichen Lebensweisheiten, die sich den – durch die konstante Dimensionshüpferei der Bedeutungslosigkeit ihrer eigenen Existenz bewusst werdenden – Charaktere eröffnet. Nachdem unsere Helden eine Situation soweit verschlimmbessern, dass ihre eigene Realität völlig verloren ist, ziehen sie kurzerhand in eine alternative Dimension um, in der beide nach der Lösung des Problems plötzlich verstorben sind. Sie verscharren die Leichen ihrer anderen Ichs im Garten und setzen ihr Leben unbeirrt fort, als wäre nichts gewesen. Erst in einer späteren Episode zieht der von diesen Ereignissen gezeichnete Morty das folgende Fazit:

„Nobody exists on purpose,
nobody belongs anywhere,
everybody’s gonna die.
Come watch TV.“

Und was auf den ersten Blick unheimlich deprimierend klingt, entpuppt sich auf eine verdrehte Weise als lebensbejahend: Humor und philosophische Untertöne der Serie skizzieren eine Art positiven Nihilismus (oder Absurdismus, wenn die Philosophen-Polizei fragen kommt), der von Figuren wie Rick verkörpert wird: Wenn die Gesamtheit des Multiversums ein kosmischer Witz ohne Pointe ist, können wir unsere kurze Lebenspanne doch wenigstens mit ein paar unterhaltsamen Ablenkungen füllen. Und Rick and Morty ist eine ganz ausgezeichnete Ablenkung, die jedes Leben bereichern kann.


Update (06.04.2016): Die erste Staffel von Rick and Morty gibt es jetzt bei Netflix!

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2 Gedanken zu “Rick and Morty

  1. Jaaaaaaa, die Serie ist absolute Klasse! Ich warte schon sehnsüchtig auf die zweite Staffel, die es hoffentlich bald auf Netflix gibt. Ich könnt mich gar nicht entscheiden welche meine Lieblingsfolge wär… Der absolut skurrile Ferienpark mit Hepatitis oder doch die Treppe zu den Riesen und den „Schmackles“… Es ist alles einfach genial ausgedacht!

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