Hamilton

Hamilton

Historisches Hip Hop-Musical von Lin-Manuel Miranda.

Die mächtigen Ghost räumen mit einer meiner Lieblingsplatten des letzten Jahres bei den Grammys wohlverdient ab, und doch jubele ich mehr für einen anderen Sieger des Abends. Lin-Manuel Mirandas Hamilton vereint zwei Dinge, von denen ich gerne mehr Ahnung hätte: Geschichte und Hip Hop. Mit seinem kleinen Herzensprojekt stürmte er letztes Jahr den Broadway und verschacherte genug Tickets, um die Hallen bis Sommer 2017 auszuverkaufen. Hierzulande ist es leider immer noch schmählich unbekannt.

Hamilton erzählt die Biographie des Immigranten und Waisenknaben Alexander Hamilton, der als Habenichts in New York anlegte und als Gründervater, Kriegsheld und Schöpfer des amerikanischen Finanzsystems starb. Obwohl Hamiltons Gesicht noch heute die 10 Dollar-Note ziert, wurde er über die Jahrhunderte zu einer Randfigur in den Geschichtsbüchern, überschattet von Titanen wie seinem Mentor George Washington oder seinem Rivalen Thomas Jefferson. Zumindest war dies der Fall, bis Miranda über seine Biographie stolperte und die Parallelen zum modernen Hip Hop-Mythos des rebellischen Einwanderers, der sich allein durch seine Wortgewandtheit zu Reichtum und Macht emporarbeitet, erkannte.

Das Ergebnis ist ein unendlich cleveres, spannendes, witziges und tragisches Stück Rap-Geschichte. Wem schon allein beim Lesen des letzten Absatzes die Langeweile packte, der unterschätzt das unglaubliche Talent von Mirandas, trockene Geschichte über tote weiße Perückenträger in ein modernes Hip Hop-Epos zu verpacken und so die Vergangenheit lebendig und für ein junges Publikum zugänglich zu machen. So, wie schon der Titeltrack das Bild eines Niemands auf dem Weg nach ganz oben skizziert, sind es im Verlauf der dramatischen Handlung vor allem die sehr persönlichen, beinahe physisch greifbaren Darstellungen von historischen Figuren, die dieses Musical so besonders machen. So erklärt George Washington dem jungen Alexander die wahre Tragweite und Macht von Geschichtsschreibung, welche sich seiner später nur noch als übermenschlicher Gründervater statt als junger und unerfahrener Heerführer erinnern wird:

Let me tell you what I wish I’d known
When I was young and dreamed of glory
You have no control
Who lives, who dies, who tells your story.

 

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Da wir von Übersee aus natürlich verschwindend geringe Chancen auf eines der heiß begehrten Tickets für die Broadway-Aufführung haben, bleibt uns nur der Genuss der phänomenalen Doppel-CD (oder einer Youtube-Playlist, aber das ist ja witz- und brotlos). Die Musik hat es mächtig in sich und reicht von der an eine Beyoncé erinnernden R&B-Ballade „Helpless“, welche zuckersüß die Geschichte von Alexanders Begegnung mit seiner Ehefrau erzählt, über die sülzig passiv-aggressiven Britpop-Balladen von King George bis hin zu den Kabinettssitzungen, welche genialerweise als explosive und zum Schießen komische Rap-Battles inszeniert werden. Viel Spaß dabei, diese Ohrwurm-Melodien und Punchlines wieder aus dem Schädel zu bekommen.

Der wahre Showstealer ist jedoch Leslie Odom Jrs Performance als Hamiltons Freund, Rivale und Mörder (kann man bei historischen Fakten von Spoilern sprechen?) Aaron Burr, der hier nicht als mordlüsterner Hollywood-Antagonist, sondern als zerrissener Anti-Held mit guten Intentionen dargestellt wird. Seine etablierende Ballade „Wait For It“ ist nicht nur absolut radiotauglich, sondern auch ein Musterbeispiel für Mirandas Händchen im Schreiben von packenden Texten und Charakteren, die tiefer sind als die platten Karikaturen und leeren Namen aus unseren Geschichtsbüchern. Ich gebe ehrlich zu, am Ende der Platte eine (super maskuline) Träne über das Schicksal dieser beiden Männer vergossen zu haben – und es ist viele Jahre her, dass ein Stück Musik so eine Reaktion bei mir hervorgerufen hat.

Am deutschen Markt kann ein durch und durch amerikanisches Musical wie Hamilton natürlich nicht bestehen. Wünschenswert wäre jedoch, dass sich nach dem Erfolg dieses Stückes andere Geschichtenerzähler und Liedermacher an ähnlich ambitionierte Projekte machen. Ich selbst habe mich vor dieser Platte einen Scheißdreck um den Unabhängigkeitskrieg geschert, dank Hamilton habe ich nun alle entscheidenden Daten und Fakten im Kopf und glaube in meinem Wahn sogar, die wegweisenden Spieler des Konflikts besser zu kennen als so mancher Geschichtslehrer. Und so erweist sich ausgerechnet Hip Hop, die Musik der Straße, als der weiseste Lehrmeister.


Die Doppel-CD gibt es auf Amazon:

Hamilton

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