The Hateful Eight

Hateful

Western von Quentin Tarantino.

Ein Kopfgeldjäger (Kurt Russel) will seine noch sehr lebendige Beute (Jennifer Jason Leigh) an den Galgen von Red Rock bringen – doch auf dem Weg geraten sie in einen tosenden Schneesturm und müssen gezwungenermaßen in Minnies Gemischtwarengeschäft Unterschlupf finden. Das Problem: Minnie und ihre Angestellten sind nicht mehr hier. Stattdessen werden sie von einem bunt zusammengewürfelten Haufen von Lügnern, Halunken und Ex-Soldaten begrüßt. Und jeder von ihnen könnte es auf sein Leben oder seine Gefangene abgesehen haben.

Von hier an ist der neueste Tarantino ein sehr intimes Kammerspiel: Nach und nach lernen wir die schrägen Charaktere kennen, die zusammen in der heruntergekommenen Holzhütte eingeschneit festsitzen. In cleveren, mit kleinen Anekdoten gespickten Dialogen stellen sie sich vor – oder lügen wie gedruckt. Die Gemüter erhitzen sich, wackelige Allianzen werden aus skeptischem Vertrauen geschmiedet – doch der berühmte Name des Regisseurs, welcher schwer über der ganzen Produktion prangt, verheißt uns eine Sicherheit: Diese Situation muss früher oder später in einem gewalttätigen Blutbad enden.

Dieses Versprechen, der unausgesprochene Pakt zwischen Filmemacher und Publikum, ist es, welches die für den Maßstab des Geschehens exzessiv wirkende Laufzeit von 3 Stunden mit Spannung füllt. Die Situation ist ein Pulverfass – und jede der skurrilen Figuren könnte der Funke sein, der alles in die Luft jagt. Und als die Situation nach stundenlangem Warten eskaliert, explodieren Köpfe in einem Regen aus Blut und Gehirnmasse. Dabei ist die größte Schwäche des Films jedoch genau dieses Warten, denn nach einer guten Stunde der fast ereignislosen Warterei droht die Anspannung langsam zu verlaufen. Dazu muss gesagt sein, dass kaum jemand die Ruhe vor dem Sturm so intensiv inszeniert wie Tarantino. Doch Szenen wie die Eröffnung von Inglorious Basterds, in welcher Christoph Waltz als SS-Offizier einen Bauernhof inspiziert, leben von ihrem Timing – und die erste Hälfte von The Hateful Eight hat leider ihre Längen.

 

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Zunächst scheint die Situation auf ein klassisches Murder Mystery hinauszulaufen, in dem nach und nach Leichen auftauchen und Verdächtige ausgeschlossen werden, bis der wahre Mistkerl gefunden ist – siehe Ten Little Indians – doch dann jagt auf einmal eine überraschende Wendung die nächste. So einlullend die erste Hälfte des Filmes ist, so rasant und überrumpelnd ist die zweite. Auf einmal sind alle Wetten wieder offen, und niemand ist mehr sicher. Und wenn der Abspann schließlich über die Leinwand flimmert, ist man ehrlich davon überrascht, dass bereits 3 Stunden verflogen sind.

Gerettet wird die scheinbar simple Handlung auch durch die ausgezeichneten Darbietungen, die Tarantino aus seiner Besetzung herauskitzelt. Dabei ist der größte Spaß die moralische Ambivalenz der Figuren: In einer Situation wie dieser möchte man auf der Seite der Guten stehen – doch jeder einzelne Charakter entpuppt sich im Verlauf der Handlung als ein grausames Arschloch. Aber es sind unterhaltsame grausame Arschlöcher: Da wäre Kurt Russels Kopfgeldjäger, der seine Gefangenen immer dem Gesetz überstellt, andererseits aber auch keine Skrupel hat, eine unbewaffnete Frau zu verdreschen. Oder Samuel L. Jackson, der als ehemaliger Kriegsheld und Jäger von Gesetzlosen zwar brutal, aber anständig scheint. Zumindest bis er offenbart, was er mit seinen Kriegsgefangenen anstellte. Oder Jennifer Jason Leigh, die von den Männern nur als Kopfgeld auf zwei Beinen gesehen wird, bis sie eindrücklich beweist, dass sie aus gutem Grund hängen soll. Tatsächlich ist sie mit ihrem herrlich hexenhaften Wahnsinn und dem buchstäblichen Galgenhumor der heimliche Star dieser Würstchenparty.

The Hateful Eight ist in vielerlei Hinsicht ein Liebesbrief an die guten alten Zeiten des Kinos. So teilt sich der Film viel seiner DNA mit dem Horror-Klassiker (und persönlichem Liebling) The Thing (1982): Auch hier sitzt Kurt Russel zusammen mit Männern fragwürdiger Vertrauenswürdigkeit eingeschneit am Rande der Zivilisation. Tarantino konnte sogar den Komponisten von The Thing, den absoluten Western-Übervater Ennio Morricone, für den Soundtrack engagieren. Dieser ist absolut phänomenal und hat völlig verdient einen Oscar eingefahren.

Zudem hatten wir das Glück, den Film in einer der Vorführungen zu sehen, bei denen für die Aufnahmen in 70mm der passende Projektor bereitgestellt wurde. Bei diesen Vorstellungen hat der Film sogar eine musikalische Ouvertüre und eine Pause in der Mitte. Und in dieser Atmosphäre weint man schon ein wenig einer Zeit hinterher, in der noch nicht alles digital war: Das Bild ruckelt ein wenig, die Farben sind warm und leicht verfälscht, aber vor allem die Breite des Formats harmoniert wunderbar mit den weiten Panoramen der Eröffnungsszenen. Doch auch als die Handlung in den engen Raum der Hütte verlegt wird, hilft uns die breite Leinwand, ein Gefühl für die räumlichen Verhältnisse zu bekommen, in denen später um jeden Zentimeter gekämpft wird. So wird The Hateful Eight zu einer Zeitmaschine, die ein Portal zurück in eine einfachere, aber irgendwie auch ehrlichere und spaßigere Ära öffnet.

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3 Gedanken zu “The Hateful Eight

  1. Ich fand den Film ziemlich toll. Wesentlich besser als Django, auf einer Höhe mit Glorious Basterds. Einfach ein sehr spannender Film, der auch von seiner Spannung und den Dialogen lebt. Genau mein Ding, genauso wie The Thing. Die 70mm Vorstellung war wirklich was besonderes, die Ouvertüre war auch ziemlich toll.
    Ich kann euch nur Bone Tomahawk empfehlen, wenn ihr noch einen etwas anderen Western mit Kurt Russel gucken mögt. ihr solltet aber nicht zu viel über den Film lesen, sonst geht die Spannung flöten.

    Gefällt 1 Person

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