The Revenant

The Revenant2

Survival-Drama von Alejandro G. Iñárritu.

DiCaprio hat nun also endlich seinen verdammten Oscar. Ich hoffe ehrlich, dass man nach dieser Woche nichts mehr davon hören muss. Denn sowohl die Werbetrommel der Academy als auch die Internet-Hypemaschine verdrehen die Kunst des Filmemachens zu einem seelenlosen Wettstreit – und das Gehacke um den Glitzermann für Bester Hauptdarsteller überschattet mit seinem Persönlichkeitskult die weniger prestigeträchtigen Aspekte der Filmindustrie. Am Ende ging es nur noch um Leos Oscar und nicht mehr um den Streifen, für den er ihn eingefahren hat – was schade ist, denn The Revenant ist ein handwerklich und erzählerisch wirklich guter Film. Aber genug Gegrummel.

The Revenant erzählt die Geschichte von Hugh Glass, einem Trapper und Spurenleser in der Wildnis Amerikas in den 1820ern. Nachdem er schwer verletzt von seiner Handelsexpedition zurückgelassen wird und durch den Verrat des miesen John Fitzgerald nicht nur all seine weltlichen Besitztümer und Familienbande, sondern beinahe auch sein Leben verliert, kehrt er als der tituläre Wiedergänger zurück, um Rache an dem Mann zu nehmen. Die Geschichte basiert lose auf den Legenden rund um den echten Hugh Glass, der einen ähnlichen Höllenritt in der frostigen Wildnis durchmachen musste – auch wenn das ihm zugefügte Leid wohl nicht ganz so dramatisch überhöht war und die Reise ein deutlich anderes Ende hatte. Doch wir gehen ja schließlich auch nicht ins Kino, um uns mit unserer gähnend langweiligen Realität zu beschäftigen.

Es ist eine Überlebensgeschichte aus dem Frontier – einer Welt, in der der Mensch noch schutzlos den Elementen ausgesetzt ist und einzig durch Erfindungsgeist, Zähigkeit und schiere Willenskraft in einer lebensfeindlichen Umgebung bestehen kann. Und so führt uns dieser Film fast schon unbequem nah an die Leiden des Protagonisten heran, der mit flachem Atem und zerschmettertem Leib um jeden Meter seines Heimweges ringt. Und nach jedem scheinbaren Lichtblick wird für ihn alles nur viel, viel schlimmer. Ein guter Schauspieler wie DiCaprio ist auch ohne Worte in der Lage, körperliche Qualen und den Willen zum Überleben authentisch und ungeschönt zu vermitteln, beim Publikum buchstäbliches mit-Leid zu wecken. Und so fühlen wir den Schmerz dieses Mannes und die Kälte in seinen Knochen in unserem bequemen und beheizten Zuschauerraum.

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The Revenant

 

Und trotzdem ist der raubeinige Hundesohn Fitzgerald unser eigentlicher Favorit. Er verkörpert den Kontrast zwischen der Härte des Landes und der Gefühlskälte, mit der der weiße Mann es zu unterwerfen gedenkt. Es ist eine ganze Weile her, dass man einen Filmbösewicht so leidenschaftlich gehasst hat – und so kann man gar nicht anders, als Hugh Glass anzufeuern, dass er endlich aus dem Morast gekrochen kommt und diesem Bastard eine wohlverdiente Kugel zwischen die Augen jagt. Und doch verleiht Tom Hardy, der hier viel von seiner Rolle als posttraumatisch zerrissener Überlebenskünstler Mad Max channelt (Warum redet keine Sau über die 6 Oscars für Fury Road?), dieser Rolle eine erfrischende Komplexität: Sein Gesicht scheint zerfurcht von vielen Jahren abseits der Zivilisation, seine Augen zucken erratisch beim Kampf gegen die inneren Dämonen. In meiner Lieblingsszene des Films erzählt er davon, wie sein Vater einmal Gott in Form eines Eichhörnchens begegnet ist und ihn gegessen hat. Was als skurrile Anekdote beginnt, endet mit einer langen Einstellung auf Hardys Mimik: Das Gesicht eines Mannes, der diese Geschichte schon oft im Spaß erzählt hat, doch jetzt erst langsam die Implikationen des Gesagten für ihn selbst und die Welt um ihn herum begreift. Wenn das Internet nach Leo das neue Oscar-Steckenpferd sucht, setze ich gerne alles auf diesen Typen.

Die hervorragenden Schauspieler werden jedoch überstrahlt von der ungezähmten Schönheit der Landschaftsaufnahmen, die die Weite und Kälte der Wildnis ungefiltert einfangen. Ungefiltert deshalb, weil Iñárritu darauf bestand, keine künstlichen Lichtquellen oder optischen Tricksereien einzusetzen, was die Aufnahmen beschwerlich und das Studio bestimmt fuchsteufelswild machte. Doch das Ergebnis sind Einstellungen, die mit den schönsten Naturdokus vergleichbar sind. Kombiniert mit Iñárritus Fimmel für minutenlange, ununterbrochene und komplex choreografierte Kamerafahrten entsteht ein Gefühl für die Räumlichkeit und Authentizität des Geschehens, das es im überproduzierten und geairbrushten Hollywood so gut wie gar nicht mehr gibt. Nach einer kurzen Einführung öffnet der Film mit einem unglaublich langem Take, in dem Indianer die Expedition angreifen. Die Kamera folgt erst den Schauspielern, dann den Pfeilen, den Pferden, den Booten – und alles fühlt sich so greifbar echt an, dass einem der Atem wegbleibt. Sowohl Regie als auch Kamera haben ebenso völlig verdiente Oscars eingeheimst.

Nach Erscheinen des Films habe ich viele Kritiken gesehen, die die Banalität der Handlung bemängelten, gerade im Vergleich zu Iñárritus sehr verkopfter Charakterstudie Birdman (Falls ihr den noch nicht gesehen habt, macht das bitte jetzt). The Revenant erzählt und lehrt uns vieles, aber nicht zwangsläufig durch Story oder Dialog, sondern durch die teilweise buchstäbliche Gewalt seiner Bilder: Es ist eine Geschichte über die Dinge, die uns durch alle Widrigkeiten hinweg am Leben halten, über die Schönheit und Grausamkeit der Welt, die uns umgibt, und über den Glauben, der uns beseelt.

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3 Gedanken zu “The Revenant

    1. Danke dir, das ist doch wunderbar! Ich kann mir auch sehr gut eine Welt vorstellen, in der ich diesen Film langatmig und öde finde. Zum Glück gibts unterschiedliche Meinungen, sonst wär so ne Rezension ja auch verschwendete Liebesmüh. 🙂

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