Deadpool

Deadpool

Superhelden-Comedy von Tim Miller.

Es ist ein goldenes Zeitalter für Typen in Spandex mit dämlichen Kampfnamen: Während im letzten Jahrzehnt Flops wie Daredevil (2003) oder Catwoman (2004) die Studios vorsichtig auf die namhafteren Maskottchen von DC und Marvel setzen ließen, hat der Erfolg von Guardians of the Galaxy (2014) ein für alle Mal bewiesen, dass die Kids heutzutage selbst Comichelden aus den obskursten Ecken abfeiern, wenn die Rezeptur stimmt. Der Grund dafür ist simpel: Wenn die Internet-Generation einen Namen nicht kennt, findet sich schnell der passende Youtube-Kanal von einem Kerl, der sein ganzes Leben darauf gewartet hat, nach seinem Trivia-Wissen über Moon Knight gefragt zu werden. In diesem Klima war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Internet-Liebling Deadpool den Sprung auf die Leinwand schafft. Okay, technisch war Reynolds schon in X-Men Origins: Wolverine (2009) in der Rolle zu sehen, aber wir reden nicht darüber.

Und doch ist dieser Film ein kleines Wunder: Denn Deadpool ist ein Experiment, das die Wasser für eine neue Generation von Superhelden-Filmen für Erwachsene testet. Tim Miller drehte im Frühjahr 2012 ein kurzes Testfilmchen, welches 2014 „zufällig“ an die Öffentlichkeit geriet (Ryan Reynolds ist sich zu 70 Prozent sicher, dass er nicht dahinter steckt). Das Internet brach praktisch über Nacht über den Geldgebern von Fox zusammen, die danach keine andere Wahl mehr hatten, als 50 Millionen für einen vollen Spielfilm locker zu machen. Und zumindest finanziell hat sich dieses Experiment als voller Erfolg entpuppt: Deadpool hatte nicht nur den erfolgreichsten Filmstart für einen Film mit der gefürchteten Altersfreigabe „R“, sondern ist zu diesem Zeitpunkt auf dem besten Wege, der weltweit erfolgreichste Film mit dieser Freigabe zu werden.

Wade Wilson (Ryan Reynolds) ist ein ehemaliger Special Forces-Agent, der sich seinen Lebensunterhalt als Söldner verdient. Als er Vanessa (Morena Baccarin) kennenlernt, scheint alles perfekt: Die Chemie zwischen den beiden ist selbst für einen Blinden spürbar (und wird in der vielleicht schönsten Romanzen-Montage seit Pixars Oben (2009) präsentiert). Doch kurz darauf wird ihm tödlicher Krebs diagnostiziert. Das Versuchsprogramm des Superschurken Ajax Francis verspricht Abhilfe – doch verflucht ihm stattdessen zu einem Dasein als praktisch unsterblicher Superheld mit Hackfleisch-Fresse. Der so entstandene Deadpool bricht alle Kontakte zu seiner Liebsten ab und schwört Rache an Ajax Francis. Auf dem Weg dahin teilt er für einen Marvel-Film ungewöhnliche Mengen blutiger Gewalt und grenzwertigen Humors aus, wie es Fans aber auch von der Figur erwarten: Denn die Kombination aus seiner Persönlichkeit als hibbeliger Klassenclown und seiner neugewonnenen Super-Regeneration machen Deadpool zum ultimativen Stehaufmännchen – sehr zum Leidwesen der Gesundheit und Nerven seiner Feinde.

Deadpools Humor ist kindisch, todesverachtend und respektlos. Was in anderen Filmen ein dramatischer Moment wäre, wird hier stets durch einen blöden Spruch des Mannskindes in Rot aufgelockert – und obwohl seine Witzchen teilweise ganz schön doof sind, zünden sie doch irgendwie durch ihre charmante Ehrlichkeit angesichts der Albernheiten, die wir in anderen Comic-Verfilmungen als grimmige Realität kaufen müssen. Er ist der vorlaute Punk, der sich weigert, erwachsen zu werden, und doch hält er sowohl dem blutigen 80er-Jahre Abrechnungs-Actionkino und dem modernen Superhelden-Spektakel einen ironischen, aber auch liebevoll-zugeneigten Spiegel vor.

 

Deadpool2

 

Ein wichtiger Aspekt von Deadpools Persönlichkeit in den Comics ist seine Fähigkeit, sich seiner Existenz als Comicfigur bewusst zu sein. So spricht er häufig direkt mit dem Leser, sprengt das Format oder bezieht sich unmittelbar auf Layout und Autoren. Für den Sprung auf die Leinwand ist es natürlich wichtig, dass dieser Charakterzug auf das Medium Film übertragen wird. Und so wird Wade nicht nur zum Erzähler seines eigenen Films, sondern reißt auch Witze über den budgetbedingt eingeschränkten Maßstab der Handlung, die Schauspieler anderer Marvel-Helden (inklusive einer Fanboy-Obsession mit Hugh Jackman und Ryan Reynolds selbst) und sogar seinen vorherigen Auftritt in diesem Wolverine-Film, in dem ihm die Studio-Bosse den Mund zunähen ließen.

Zum Glück verstehen die Autoren aber auch, dass Deadpool allein einem schnell auf die Nerven geht: Er braucht einen „straight man“, einen vernünftigen und pragmatischen Typen, der ihn in der Handlung ankert und ihn im Kontrast gleich viel lustiger aussehen lässt: In den Liefeld-Comics wurde diese Rolle vom stoisch-mürrischen Antihelden Cable übernommen, der in dieser Verfilmung nicht auftaucht (aber für das unvermeidbare Sequel versprochen wird). In diesem Film wurde schlichtweg Colossus aus dem hauseigenen X-Men-Kanon ausgeborgt. Während er in den X-Men-Streifen nur als Hintergrundfigur auftauchte, bekommt Colossus hier einen neuen Look, einen russischen Akzent und eine charmante Persönlichkeit als rechtschaffen guter Fähnleinführer spendiert. Super ist auch seine Auszubildende Negasonic Teenage Warhead (Wade würdigt die Coolness ihres Namens absolut zurecht), die der quirligen Persönlichkeit Deadpools die lustlose Langeweile der Hashtag-Generation gegenüberstellt.

Deadpool ist sehr einfach gestrickt. Es ist der simpelste Revenge-Plot, der zwar durch ein wenig non-lineares Erzählen aufgebrochen wird, am Ende aber eigentlich nur aus zwei großen Action-Szenen besteht. Wer die Trailer gesehen hat, kennt bereits die ganze Geschichte. Deshalb muss Deadpool als Komödie funktionieren – und tut es meiner Ansicht nach auch. Der Humor dieses Films greift das Mindset einer Generation auf, die mit Superhelden aufgewachsen ist und diesen Filmen schon längst mit freudig-wohlwollender Ironie begegnet, die Ryan Reynolds nun auf einmal direkt auf die Leinwand bringt. Erwähnenswert ist auch, dass Deadpool eine für das Thema verblüffend ehrliche und süße Liebesgeschichte erzählt. Es ist selbstverständlich kein Shakespeare, aber ist sich seiner Einfachheit auch auf angenehme Weise bewusst. Deadpools Erfolg rührt daher, dass es fast die Textbuch-Definition von Feelgood-Popcorn-Kino für Erwachsene ist. Es ist eindeutig eine Herzensangelegenheit für alle Beteiligten – und ihr Spaß an der Sache ist ansteckend.

 

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2 Gedanken zu “Deadpool

  1. Negasonic Teenage Warhead war doch cool 🙂
    Ich war total begeistert von Deadpool. wie du schon sagst, einfache Geschichte, einfache Gags aber alles passt millimetergenau zusammen… Wir sind mit tränenden Augen und Magenschmerzen vor Lachen aus dem Kino gekommen. Der Film ist hammergeil. Absolut cooles Popcornkino.

    Gefällt 1 Person

  2. Endlich wurde mal (fast) alles richtig gemacht. Abgesehen von der abweichenden Entstehungsgeschichte, aber auch damit kann ich ich leben, gibt es keine Kritikpunkte. Wunderbar auch der Insidergag mit der Deadpool Actionfigur. Es gäbe noch unendlich viel zu loben. Aber da greife ich dann lieber demnächst zur BR und schaue noch mal.

    LG
    Uwe

    Gefällt 1 Person

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