Kingdom Come

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Superhelden-Generationendrama von Mark Waid & Alex Ross.

In den negativen Kritiken, die es in den großen Publikationen für Batman v Superman hagelte, ist man sich einig: Zu düster, zu brutal, zu mörderisch sind diese Helden der Kindheit geworden. Wo sind die Superhelden von damals hin, die stets nur mit einem charismatischen Lächeln bewaffnet waren und den Bösewicht nach einer cleveren List und einem flotten Spruch dem Gesetz übergaben? Und mit genau dieser Frage beschäftigt sich Kingdom Come (1996), eine ursprünglich in 4 Bänden erschienene Elseworld-Geschichte von DC, geschrieben von Mark Waid und illustriert von Alex Ross.


In einer dystopischen Zukunft sind Superhelden zum Alltag geworden: Während die Straßen von marodierenden Banden sogenannter „Helden“ heimgesucht werden, die längst alle Schurken abgeschlachtet haben und sich nun gegeneinander richten, hat sich die Justice League von einst zurückgezogen. Die neuen schwer bewaffneten und hardcore benannten Anti-Helden wie Genosyde (Kann ein Name mehr 90ies sein?) haben Anstalten wie das Arkham Asylum, Blackgate oder Belle Reve kurzerhand in die Luft gejagt und wurden dafür gefeiert. In dieser neuen Welt ist kein Platz für die Superhelden von damals, die selbst dem schlimmsten Ganoven eine Chance auf Rehabilitierung einräumen – das Volk wollte drastische Maßnahmen, Mord und Totschlag. Und so wurde der Superman zu einem Relikt, welches nur noch auf Actionfiguren und in Themen-Restaurants Verwendung findet.

Bei einer besonders blutigen Auseinandersetzung in Kansas stirbt Captain Atom. Sein Tod verursacht eine nukleare Explosion, die in unvorstellbaren Opferzahlen resultiert, das Land verwüstet und unbewohnbar macht. Erst jetzt kommt der grau gewordene Superman aus seinem selbst gewählten Exil zurück und versucht, die alte Justice League zusammen zu trommeln. Doch dies erweist sich als schwierig: Viele seiner Kampfgefährten von einst zeigen sich unkooperativ, satt und müde. Ein zum Greis gewordener Bruce Wayne muss seinen von den Jahren der Gesetzeshüterei zerschmetterten Körper mit einem mechanischen Exoskelett stützen und hat Gotham in einen Polizeistaat verwandelt. Als die Superhelden von einst beginnen, die zerstörerische neue Generation maskierter Vigilanten in einen Gulag zu pferchen, stehen auf einmal nicht nur Batman, sondern auch die Regierung und ein von Lex Luthor organisierter Rat zur Bewahrung der Menschheit gegen Superman. Der Tag des jüngsten Gerichts naht, als dieser Konflikt zu einer Götterdämmerung nie gesehenen Ausmaßes eskaliert…

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Ross‘ Bilder sind zum Niederknien schön und gehören eigentlich in ein Museum statt in ein Comic-Heft: Seine Idole sind grau geworden, das Alter zeichnet ihre Gesichter, und dennoch sind sie noch immer ein stolzer Anblick. Die detailverliebten Hintergründe sind mit tausend kleinen Anspielungen und obskuren Nebencharakteren gefüllt, von denen viele schlichtweg auch über meinen Kopf hinweg gehen: Diese vier Bände sind eine Liebeserklärung an die Comics, mit denen die Schöpfer aufgewachsen sind, und diese Liebe ist auf jedem Panel zu spüren.

Der aufmerksame Leser merkt natürlich schnell, dass es hier nicht einfach nur um einen simplen „Wir stellen die alte Band wieder auf die Beine“-Plot geht. Kingdom Come ist ein kritischer Kommentar über die düsteren und gewaltbereiten Anti-Helden der späten 80er und der 90er. Während die Taten dieser populären, aber fragwürdigen Figuren zu ihrem logischen Ende gedacht werden, versucht man hier, eine Lanze für die Silver Age-Generation von optimistisch-patriotischen Superhelden zu brechen. Das im Finale um Gewalt gegen Güte geprügelt wird, bleibt dabei natürlich nicht ohne eine gewisse Ironie.

Kingdom Come ist ein Generationendrama, ein Versuch der alten Garde, die Jugend von heute wieder auf den rechten Weg zu bringen. Wie erfolgreich das Ganze ist, bleibt in einem bittersüßen Finale dem Leser überlassen. Dennoch fühlt sich der grundlegende Konflikt auch 20 Jahre später, da die gleichen Superhelden nun vor den Augen eines jungen Millionenpublikums morden und dabei auch über die Leichen von Zivilisten gehen, noch immer sehr aktuell an.

 


Den Sammelband gibt es auf deutsch und englisch auf Amazon:

Kingdom Come – Die Apokalypse
Kingdom Come

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6 Gedanken zu “Kingdom Come

  1. …Zu düster, zu brutal, zu mörderisch sind diese Helden der Kindheit geworden….
    Genau DAS ist es, was mich als eigentlicher NICHTsupergeldenMÖGER genau bei diesem Film doch ins Kino zieht. Die dunkle Seite des Mondes und nicht die Helden jedes Kindergartens…

    Kingdom Come… das mit den ergrauten Superhelden von einst klingt richtig gut. Ich glaube, da werde ich mich mal umschauen, ob ich diese Bände finde.

    Gefällt 1 Person

    1. Da bist du nicht allein: Wir wollen ja düstere, mordende Superhelden, sonst würden sich diese Filme und Comics nicht so gut verkaufen. So hat jede Generation ihre eigene Interpretation von Heldenmythen.

      Kingdom Come gibt es mittlerweile für wenig Geld als einen hübsch aufgemachten Sammelband zu kaufen, den ich nur empfehlen kann. 🙂

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  2. Grafisch für mich eine der Besten, die ich je gelesen habe, aber vom Nerd-Faktor her teilweise „zu hoch“ für mich – so kannte ich bei weitem nicht alle der erwähnten Superhelden – aber sicher eine guten Motivation mehr Zeit in Recherche zu verbringen 😉

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  3. Pingback: Kingdom Come – mercury's blog

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