Superman: Red Son

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Elseworld-Charakterexperiment von Mark Millar.

Werfen wir doch anlässlich dieses neuen Films noch ein weiteres Mal einen Blick in die Comics: Superman gilt nicht nur als der Urvater des Superhelden, sondern ist auch ein Symbol – er ist die Verkörperung amerikanischer Leitkultur, von „Truth, Justice and the American Way“. Marvels Captain America mag den Namen seiner Heimat annehmen, die Flagge als Kostüm tragen und Hitler ne Ohrfeige verpassen, aber er wird trotzdem nie das große rote S von seinem Podest als Archetyp des patriotischen Optimismus stürzen können. Die Ironie dieser Kiste ist, dass Superman selbst natürlich ein illegaler Immigrant von einem anderen Planeten ist – was die Frage aufwirft: Was wäre wenn? Was wäre, wenn Superman nur ein wenig später auf dem rotierenden Erdenrund gelandet wäre? Was wäre, wenn er nicht in Roosevelts Amerika, sondern in Stalins Sowjetunion aufgewachsen wäre?

Und genau diese Idee ist die Basis für Mark Millars (Civil War, Kick-Ass) alternative Vision des ikonischsten Superhelden von allen – Superman: Red Son (2003): Die kryptonische Raumkapsel landet statt in Kansas auf einer Farm in der Ukraine. Im den 1950ern enthüllt Stalin (dessen Name sich natürlich als ‚Mann aus Stahl‘ übersetzen lässt), dass er der Atombombe eine mächtigere Superwaffe entgegensetzen kann: Einen praktisch unzerstörbaren, rasend schnellen Mann mit eisernen Muskeln und Laser-Augen. Die amerikanische Regierung beauftragt daraufhin den hyperintelligenten Wissenschaftler Lex Luthor mit der Entwicklung einer Gegenmaßnahme. Von diesem Punkt aus zeichnet Red Son Jahrzehnt für Jahrzehnt einen alternativen Geschichtsverlauf, in dem die Taten von Superman und Luthor die Welt maßgeblich verändern.

Natürlich sind auch andere Helden mit von der Partie: Da wäre Wonder Woman, die den zweiten Mann aus Stahl auf einem diplomatischen Ball kennenlernt und sich als Freundin der zumindest frauenrechtlich fortschrittlichen Politik Stalins erweist. Beim Durchforsten des in Roswell abgestürzten Raumschiffs stößt Luthor auf einen magischen Ring samt Laterne, deren Geheimnis er wie einen Militärcode knackt, um seine eigene Armada von Green Lanterns zu erschaffen. Und natürlich darf auch Batman nicht fehlen, der hier ein von einem von der korrupten Obrigkeit der Sowjets verwaisten Jungen zu einem terroristischen Systemgegner von Stalins und Supermans Idee von Kommunismus heranwächst.

 

Red Son

 

Im Laufe der Handlung spitzt sich der Konflikt des Kalten Krieges zu, hier verkörpert durch Superman, der nach Stalins Ermordung in die Rolle des Befreiers und Anführers gedrängt wird, und Luthor, dessen Intellekt ihn zur Entwicklung immer neuer Abscheulichkeiten treibt – sehr zum Leidwesen seiner Ehefrau, einer gewissen Lois Lane Luthor. Dieser Lex ist nicht nur ein Genie, sondern der größte Schachmeister aller Zeiten, der alles ist, was der Rest der Welt dem Superman-Regime entgegensetzen kann. Seine Pläne werden gerade zum Ende hin absurd komplex: So muss der geneigte Leser ihm einfach einfach mal abkaufen, dass er gleichzeitig der alleinige Drahtzieher hinter Superschurken wie Bizarro, Brainiac oder Doomsday sein kann und nebenbei alle nennenswerten Errungenschaften der westlichen Welt erfindet. Aber hey, Comics!

Die ganze Idee des Konzeptes könnte sich sehr schnell in politischer Propaganda oder zuminstest moralisch fragwürdigem historischen Revisionismus verlieren. Aber Mark Millar setzt bei all dem Spiel mit Variationen eine einzige Konstante, die Red Son dann doch zu einer spannenden Charakterstudie macht: Supermans Persönlichkeit bleibt unverändert. Er ist noch immer der gutherzige, optimistische Pfadfinder, der den Frieden wahren und die Unschuldigen beschützen will. Selbst als Stalins System ihn zur Superwaffe der Sowjets erklärt, schreitet er noch immer ein, um Amerikaner vor Katastrophen zu retten. Und so verkörpert er dann auch auf idealistische Weise den positiven Leitgedanken des Kommunismus, dass alle Menschen sozial gleich und frei miteinander koexistieren sollen. Seine Entwicklung im Laufe der Handlung zeigt dann auf, wie dieser Gedanke durch Kontakt mit der Außenwelt immer weiter angepasst und verdreht werden muss. Der Fatalismus, mit dem er gegen Ende der Geschichte diesen Gedanken verwirklichen will, kontrastiert mit dem brillianten, aber menschlich und moralisch verarmten Luthor, führen den Leser vor ein interessantes Dilemma: Auf wessen Seite steht man denn nun?

Wer Red Son schon einmal gelesen hat, weiß, dass diese Alternativgeschichte ein sehr cleveres – vielleicht sogar zu cleveres – Ende hat. Die Reihe ist ein kreatives Sammelbecken für einen Haufen schlauer Ideen, die zu drastisch für einen herkömmlichen Superman-Comic wären: Es ist eine Spielwiese, auf der uns Mark Millar ständig aufs Neue mit raffinierten Variationen der uns bekannten Figuren und Motive überrascht und zum Grinsen bringt, auch wenn der Stoff selbst als Metapher für das apokalyptische Weltbild seiner Jugend natürlich ernster nicht sein könnte. Und genau dieses Spiel mit Spaß und Ernst macht Red Son absolut lesenswert.

 


Den Sammelband gibt es auf deutsch und englisch auf Amazon:

Superman: Genosse Superman
Superman: Red Son (New Edition)

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5 Gedanken zu “Superman: Red Son

  1. Wenn ich dich richtig verstanden habe, besitzt „Red Son“ eine wahrlich spannende Prämisse, die trotz oder gerade wegen der verdrehten Szenarien ganz tiefe Einblick in die Wert- und Moralvorstellungen der Charaktere liefert?! Ich überlege schon lange, mir diesen Band anzuschaffen. Dank deiner Review werde ich dies nun endgültig tun.

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    1. Es ist ein spannendes kleines Gedankenexperiment, in dem dieser Übermensch-Archetyp und die Moral Supermans ein wenig auseinandergenommen werden. Superman hat ja grad heutzutage den schlechten Ruf, ein langweiliger Pfadfinder-Knabe zu sein. Das war aber schon immer sehr vom Autor abhängig – und Millar entwickelt diese Figur hier Stück für Stück zum Diktator, auch wenn seine individuellen Entscheidungen stets zugunsten einer besseren, friedlicheren Welt getroffen werden.

      Das gibt nicht nur Einblick in Supermans Hirn, sondern lässt einen auch ein wenig verstehen, wie ein Typ wie Stalin morgens in den Spiegel schauen konnte. Das Ende hat sehr viel mit diesen Werten zu tun, aber ich will’s dir natürlich nicht verderben. Viel Spaß damit! 😉

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  2. Pingback: Genosse Superman – mercury's blog

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