Batman: The Dark Knight Returns

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Düstere Superhelden-Neuerfindung von Frank Miller.

Ich mag meine kleine Trilogie der Batman v Superman-Comics mit dem mürrischen Großpapa des Superhelden-Reimaginings beenden: Frank Millers Mini-Reihe The Dark Knight Returns (1986) wird dieses Jahr 30, taucht aber immer noch regelmäßig auf Platz 1 der wichtigsten, besten, einflussreichsten Capeträger-Comics auf. Es gilt zudem als der Grundstein für das hier oft genannte Dark Age of Comic Books, in welchem die fröhlich grinsenden Helden zunehmend grimmiger und moralisch zweifelhafter wurden. Damit ist Millers Batman die Blaupause einer ganzen Generation von Superhelden für ein erwachseneres Publikum, nicht zuletzt auch von Christopher Nolans und Zack Snyders Kino-Batmen.

Nach dem Tod von Jason Todd, dem zweiten Robin, hat sich Bruce Wayne von seinem Leben als kostümierter Rächer zurückgezogen. Er ist ein verbitterter alter Mann, der seinen Kummer mit Alkohol ertränkt. Der Joker ist seit Batmans Pensionierung katatonisch geworden – ohne den einen kann der andere nicht existieren. Two-Face soll nach einer Gesichtsrekonstruktion rehabilitiert werden. Superman ist noch immer der zum Erbrechen perfekte Strahlemann, steht aber in seiner Neutralität distanziert über den Dingen und scheint unerreichbar fern. In Abwesenheit des Batman wird Gotham von einer Hitzewelle und einer brutalen Gang – den Mutants – überschwemmt. Erst nach einer persönlichen Auseinandersetzung mit dieser Bande legt der greise Bruce seinen Mantel wieder an. Unterstützt wird er von Carrie, einem jungen Mädchen welches ihn schon immer idolisiert hat und sich nun schlichtweg selbst zum neuen Robin erklärt.

Der Reiz dieser Figur war schon immer, dass Bruce Wayne eben nur ein Mann ist. Zwischen all den Übermenschen der Justice League ist er der eine Typ, der atmet und blutet wie wir, der sich nicht auf Superkräfte oder einen unsterblichen und alterslosen Körper verlassen kann. Er ist der Fleisch gewordene Triumph menschlichen Erfindungsgeistes und Überlebenswillens. Dieser Batman ist aber auch ein rechtsliberaler Kriegsveteran, der sich in seinem persönlichen Kreuzzug über Polizei und Staat hinwegsetzt. Jahrzehnte des Konflikts mit dem kriminellen und wahnsinnigen Schattenseiten Gothams haben ihn bitter und gefühlskalt gemacht. Er ist nicht nett, nicht gütig, nicht gesellschaftsfähig. So vergleicht dieser Comic zum Beispiel erstmals in sehr expliziten Worten die Beziehung zwischen Batman und Robin mit der zwischen Warlord und Kindersoldat.

 

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Nicht zuletzt deshalb ist die Fanboy-Idolisierung dieser Inkarnation Batmans und seines Autors für mich auch immer mit ein wenig kritisch-reflektierter Distanz zu genießen. Frank Millers politisch fragwürdige Statements haben mehr als einmal deutlich gemacht, dass sein Dunkler Ritter keineswegs eine kritische Charakterstudie, sondern eine faschistoide Machtfantasie ist. Wer davon nicht überzeugt ist, braucht nur zu seinem Hasspamphlet Holy Terror (2011) zu greifen, welches ursprünglich als „a piece of propaganda“ konzipiert war, in welchem Batman die bösen Muslime abmurkst. Dennoch bin ich der festen Ansicht, dass auch Arschlöcher legitime Kunst hervorbringen können. Im Endeffekt macht Miller seine Hauptfigur damit noch extremer und abgründiger, als er sie eigentlich angelegt hatte.

Der Dunkle Ritter stößt im Verlauf der Handlung nicht nur auf die Mutants, Two-Face und den nach Jahren des Wachkomas zu neuem Leben erwachten Joker (mit traumatischen Konsequenzen!): Der Selbstjustiz-Extremismus Batmans ist auch die Basis für das finale Duell mit Superman, welches großzügig im Dawn of Justice-Film zitiert wurde. So sind nicht nur seine massive Energierüstung, sondern auch seine cleveren Strategien und die diversen schmutzigen Tricks in dieser Vorlage zu finden. Dieser Kampf ist völlig zurecht eine der gefeiertsten und meist zitierten Szenen der Comic-Geschichte, die vielleicht wichtigste Auseinandersetzung zwischen Superhelden überhaupt: Der körperlich und moralisch makellose Gott vom Planeten Krypton steht dem physisch wie psychisch gebrochenen Menschen gegenüber – und kassiert die Abreibung seines Lebens.

 

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I want you to remember, Clark…
In all the years to come…
In your most private moments…
I want you to remember my hand at your throat
I want you to remember
…the one man who beat you…

 

Egal, wie man über Frank Miller denken mag: The Dark Knight Returns hat sich seinen Platz im Comic-Pantheon redlich verdient. Auch wenn der düstere Anti-Held heutzutage ein ausgelutschtes Klischee zu sein scheint, war dieser Band seinerzeit ein unheimlich mutiger Schritt und ist heute ein historischer Meilenstein. Millers kantige Zeichnungen und von grollendem Pathos erfüllten Worte sind zu großen Teilen dafür verantwortlich, dass Superhelden-Geschichten auch heute noch von Erwachsenen genossen werden, moralische Grauzonen thematisieren dürfen und sogar für Oscars nominiert werden. In gewisser Weise markiert The Dark Knight Returns das Ende der unschuldigen Naivität des Superhelden, im Guten wie im Schlechten.

 


Den Sammelband gibt es auf deutsch und englisch bei Amazon:

Batman: Die Rückkehr des dunklen Ritters
Batman: The Dark Knight Returns

 

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5 Gedanken zu “Batman: The Dark Knight Returns

  1. Ich bin leider nie so wirklich mit DCs Helden warm geworden, weil sie eben alle zu perfekt sind und ihnen dadurch all zu oft eine gewisse menschliche Tiefe fehlt. Auch bei vielen der Batmancomics ist Batman zwar in gewisser Weise weniger perfekt, aber eben doch einer der reichsten Menschen der Welt, der super stark und super gut ausgestattet ist. Jedoch mag ich den Twist des Dark Knight, der sich schon fast wie ein Marvel-Comic liesst und mit eigenen psychischen und physischen Problemen zu kämpfen hat.

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    1. Da kannst du durchaus recht haben, ist ne Frage der Perspektive: Year One ist ein Jahr später erschienen, nachdem das Publikum bereits auf nen düsteren Superhelden vorbereitet war. Trotzdem hatte es wahrscheinlich den insgesamt größeren Einfluss auf die heutige Wahrnehmung von Batman, immerhin ist Year One die wohl größte Vorlage für Nolans Dark Knight-Trilogie.

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  2. Ich finde es immer wieder faszinierend, wenn man Frank Millers frühe Werke mit den späteren vergleicht. Die Themen sind ähnlich, die Geisteshaltung und die Ansichten eventuell auch, aber trotzdem gelang es ihm in den 80ern und 90ern, eine Geschichte gut zu erzählen, die Figuren angemessen zu charakterisieren und Ansichten differenziert darzustellen. Diese Fähigkeit hat er um das Jahr 2000 herum wohl verloren, denn alles was danach kam liest sich für mich wie eine plumpe Selbstparodie. Alles, was seine Werke vorher interessant gemacht hat, wird ohne Rücksicht auf Verluste (bzw. die Geschichte und die Figuren) bis ins Extrem weitergedacht.

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