Amon Amarth: Jomsviking

jomsviking

Melodic Death Metal von Amon Amarth.

Wenn ich durch nen Zauberwunsch einen Musiktrend wiederbeleben könnte, wäre es die Rock Opera. Ich finds total super, wenn ein Album eine durchgängige Geschichte zu erzählen hat, aber heutzutage klickt man sich ja wild durch Youtube und Shuffle-Playlisten – niemand hat mehr Zeit für so was. Umso überraschter war ich, dass ausgerechnet die schwedischen Death-Metal-Wikinger von Amon Amarth eine Rockoper geschrieben haben. Wer die Band nicht kennen sollte: Die spielen seit über 20 Jahren melodischen Metal nach Vorbild von Iron Maiden, nur halt tiefer gestimmt und mit nem wütenden Berserker am Mikrofon, der trotz seines Grollens gut zu verstehen ist und so zum Mitsingen einlädt. Auf dem Konzeptalbum „Jomsviking“ erzählen sie nun Track für Track die Geschichte eines ausgestoßenen Wikingers auf der Suche nach Rache und seiner Liebsten. Und es ist der geilste Scheiß.


Ein Jomswikinger ist ein knallharter Söldner, der seine Loyalität für Gold und Beute verkauft. Der namenlose Protagonist wird durch seine Taten im Opener „First Kill“ (die Single mit Musikvideo) von seiner Gemeinde ausgestoßen und in seinem Exil zu einem solchen Freibeuter: Die Liebe seines Lebens wird an einen anderen Mann verheiratet und er wird zum Mörder. Die Single hat alles, was ein guter Amon Amarth-Song braucht, samt coolem Hauptiff, wuchtigem Gewalze und eingängigem Mitgröhl-Refrain. Das ist auch die Postleitzahl für den Rest der Platte: Wer die Nummer also gut findet, kann sich das Album auch direkt so zulegen. Auch die anderen Amon Amarth-Elemente sind alle vertreten: „Wanderer“ ist ein Midtempo-Stampfer, „On A Sea Of Blood“ ist ein schneller, aber grooviger Nackenbrecher, „The Way of Vikings“ ist eine riesige Hymne. Wie gewohnt dominieren verspielte Zwillings-Gitarrenläufe und preschende Kriegstrommeln.

 

amon amarth

 

Es gibt aber auch Neuerungen an Bord des Langschiffes: So hört man zum Beispiel auf Tracks wie „Wanderer“ und „At Dawn’s First Light“ Spoken Word-Passagen, in denen die Erzählung um den Jomswikinger weitergesponnen wird. Das tragisch-getragene „One Thousand Burning Arrows“ bringt ein Keyboard mit, welches die klagenden Gitarren wie ein Streichorchester unterstützt. „Vengeance Is My Name“ kommt mit einer an Sprechgesang grenzenden Performance samt cooler Call and Response-Parts daher. „Raise Your Horns“ ist ein für Amon Amarth ungewohnt schunkeliger Kneipenschlager zum Mitsingen, der mit seinem bierseligen Musikantenstadl-Chorus vielleicht nicht jedermanns Sache, aber live bestimmt ne Stimmungsgranate ist. Ich finds super.

Die für Death Metal-Verhältnisse ungewöhnlichste Nummer des Albums ist wohl das Duett mit einer Dame: In „A Dream That Cannot Be“ liefert sich Frontmann Johan Hegg ein Wortgefecht mit – ausgerechnet – Deutschlands Wäre-gern-Bonnie-Tyler und Wacken-Prünzässin Doro Pesch (ehemals Warlock, heute Doro und auf RTL). Die Metal-Polizei ist von dieser Entscheidung natürlich gar nicht begeistert und gerade am Kotzen. Auch ich bin da ein wenig skeptisch, zumal sich einige sehr viel talentiertere Sängerinnen bereits in der Death Metal-Szene einen Namen gemacht haben. Die Nummer wird für mich aber durch den cleveren Twist für die Erzählung des Albums gerettet: Nach der langen und beschwerlichen Reise unseres Jomsvikings ist dieser über Leichen gegangen, um endlich wieder zu seinem Mädchen zurückzukehren. Er will sie befreien und mit ihr fliehen: Da entgegnet sie ihm, dass sie sehr wohl frei ist und kein Interesse an ihm hat. Sie ist ihre eigene Frau und lässt sich nicht einfach so von einem dahergelaufenen Krieger wegschnappen. Positive Gender-Rollen? In meinem Metal? Ja, wirklich!

Das epische „Back On Northern Shores“ bietet ein theatralisches und tragisches Finale, in dem unser Held in sein letztes Gefecht zieht. Und als die Gitarre langsam verklingt, wird mir klar, dass dieses Album alles darstellt, was ich an Heavy Metal liebe: Die großen Gesten, der Pathos, die riesigen Riffs und Melodien, die fette Produktion – das ist den Kuttenträgern da draußen vielleicht zu geschliffen und nicht schrammelig oder roh genug, aber für mich ganz großes Ohrenkino. Ich empfehle diese Platte daher an alle, die ihre Musik auch laut, wuchtig und theatralisch mögen, selbst wenn sie normalerweise nichts mit extremem Metal anfangen können.

 


Das Album gibt es auf Amazon:

Jomsviking (Ltd. Hardcoverbook)

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7 Gedanken zu “Amon Amarth: Jomsviking

  1. Danke fürs Follown! An mir wäre die Platte erst mal ne zweitlang sonst vorbeigegangen. Ich höre Amon Amarth gerne, bin aber kein besonderer Fan. Ich hör demnächst mal rein. Wobei ich Doro jetzt auch nicht so prickelnd finde, aber das kann sich ja noch ändern, bin für alles offen…

    Apropos Rock Opera, kennst du da von Black Messiah First War of the World, bestimmt oder? Das ist mein absoluter Favourit bisher…

    Gefällt 1 Person

    1. Doro war auch ne ganz schön unglückliche Entscheidung. Eigentlich schade, weils ansonsten ne gute Nummer ist. Deine Empfehlung war mir noch kein Begriff, also haben wir jetzt Plattentipps ausgetauscht. Läuft! 😀

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