Doctor Who: Series 9

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Science-Fiction-Märchen von Steven Moffat.

Ich bin mit konzeptuellen SF-Romanen, einer Liebe fürs Theater und einer moralischen Erziehung zu Pazifismus und Nächstenliebe aufgewachsen: Doctor Who wurde einzig und allein für mich gemacht, da bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher. Die Abenteuer des Time Lords, der gemeinsam mit Sterblichen durch Zeit und Raum hüpft, erfüllen mich mit kindlichem Staunen über die wundervoll kreativen Reiseziele – und mit erwachsener Bewunderung für die vertrackten Zeitreise-Plots, cleveren Dialoge und klassisch ausgebildeten britischen Schauspieler. Selbst eine halbgare Episode Doctor Who liegt Lichtjahre vor all dem, was sonst so im Fernsehen läuft. Und eines vorweg – die 9. Staffel bietet einige der besten, aufregendsten und tragischsten Abenteuer, die der Doctor je erlebt hat.

Solltet ihr nicht mit Doctor Who vertraut sein: Auch wenn die Serie mit einer Erstausstrahlung im Jahr 1963 einen unglaublichen Episodenkatalog hat, empfehle ich jedem, einfach mit der neuen Series 1 von 2005 anzufangen. Die klassischen Episoden sind nur etwas für knallharte Fans und nicht zum Verständnis der neuen Episoden nötig. Wem auch diese 9 Staffeln eine zu große Hürde zu sein scheinen, greift zu diesen zwei Episoden, die auch ohne ein fundiertes Wissen über die Handlung der Serie funktionieren:

„Blink“ (Staffel 3, Folge 10) ist ein düsteres Horror-Mystery, in dem der Doctor nur am Rande auftaucht.
„A Christmas Carol“ (Staffel 6, Weihnachts-Special) ist eine herzerwärmende Nacherzählung des Charles Dickens-Klassikers mit cleveren Zeitreise-Twists.

Wenn diese beiden Episoden für euch nicht zünden, ist der Rest auch nix für euch. Wenn doch, viel Spaß mit eurer neuen Lieblings-Serie.

Dies soll nun aber mein kleines Lesetagebuch zur neuen Series 9 sein, die ihren Weg nun endlich auch zu Netflix gefunden hat. Es ist die zweite Staffel für Peter Capaldi, welcher der Figur des Doctors neues Leben als grummeliger, aber liebenswerter alter Mann einhaucht. Er ist ein unglaublich talentierter und vielseitiger Schauspieler, dessen Enthusiasmus für die Rolle und lebenslanges Doctor Who-Fantum ihm zu jedem Zeitpunkt im Gesicht stehen. So war auch diese Staffel wieder eine reine Freude. Da jede Folge Doctor Who ein völlig neues Abenteuer in einer völlig neuen Welt ist, widersetzt sich die Serie meinem üblichen Ansatz. Darum will ich im Folgenden jede (Doppel)folge einzeln betrachten. Obacht, Spoiler!

 

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1. The Magician’s Apprentice

2. The Witch’s Familiar

Davros made the Daleks – but who made Davros?

Die Staffel eröffnet mit einem großen, in Herzchenpapier eingewickelten Geschenk an die Fans, das die Essenz von einem halben Jahrhundert Doctor Who in eine Doppelfolge distilliert. Jenna Coleman fühlt sich mittlerweile ganz selbstverständlich als die selbstbewusste und gewitzte Clara an, die nun sogar UNIT herumkommandieren kann. Michelle Gomez ist eine quirlige, genüsslich böse und herrlich hinterfotzige Missy, die hier erstmals gemeinsame Sache mit ihrem alten Freund macht. Der Doctor selbst legt indes den coolsten Auftritt in der TV-Geschichte hin, als er ein mittelalterliches Festgelage mit einem Panzer und einem Gitarrensolo sprengt. Die Handlung ist ein großes Wiedersehen mit alten Bekannten, welches uns zurück nach Skaro führt, wo sogar die originalen 60er-Jahre-Daleks samt eng an die Hartnell-Ära angelehnten Sets einen Auftritt haben dürfen.

Obwohl die Doppelfolge mit einem großen Spektakel an Spezialeffekten und Kostümen (die Cantina-Szene!) beginnt, endet sie als ein sehr persönliches Charakterdrama zwischen Davros und dem Doctor. Die ganze Doppelfolge ist eine emotionale Buckelpiste: Ich habe Tränen gelacht (Davros organisiert das seltenste Artefakt Skaros für den Doctor: einen zweiten Stuhl!) und hatte dann wieder welche in den Augen, als die beiden alten Männer einen emotionalen Moment teilen. Moffats Dialoge sind wie gewohnt zum Bersten voll mit spitzen Pointen und ehrlich ergreifender Menschlichkeit. Sie scheinen gerade dann, wenn uns keine Explosionen um die Ohren fliegen. Zudem gibt es viele kleine zwinkernde Anspielungen auf vergangene Geschichten, die hier schlau zitiert und in einen neuen Kontext gesetzt werden. Auch die Charakterentwicklung der Daleks durch Claras Versuch, einen zu steuern, gibt dem ältesten und berühmtesten Monster der Doctor Who-Mythologie einen spannenden Twist. Ich könnte nicht glücklicher sein.

 

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3. Under The Lake

4. Before the Flood

Who really composed Beethoven’s Fifth?

Sagt Stopp, wenn euch das bekannt vorkommt: Der Doctor steckt zusammen mit einer kleinen Crew auf einer Forschungsstation fest, die von Geistern angegriffen wird. Während er immer mehr Leute verliert, muss er durch viele Korridore rennen, um rechtzeitig hinter das Geheimnis der mysteriösen Angreifer zu kommen. Das ist ein klassischer Doctor Who-Plot, den wir schon dutzende Male gesehen haben, und trotzdem funktioniert die Episode vielleicht gerade deshalb so perfekt. Die Geister sehen mit ihren leeren Augenhöhlen und stumm skandierenden Mündern wirklich gruselig aus, die Crew ist eine Mischung aus spannenden Figuren (wie dem Corporate-Arsch Richard Pritchard, der vom Doctor gerade aufgrund dessen Autoritätsposition prompt ignoriert wird, oder der famosen Cass, die ein abgebrühter Commander und angenehm nebenbei auch taubstumm ist) und das zu lösende Rätsel lädt zum mitraten ein.

Nach einem Mörder-Cliffhanger wechseln wir für den zweiten Teil in die Vergangenheit, wo sich der Doctor mit dem Fisher King herumschlagen muss: Einem coolen und originell designten Monster, das von Peter Serafinowicz gesprochen und von keinem geringeren als Slipknot- und Stone Sour-Frontmann Corey Taylor gebrüllt wird. Während das Ungetüm zunächst ganz in Weißer-Hai-Manier nicht gezeigt wird, sehen wir es gegen Ende in voller Pracht: Das es natürlich nur ein Typ auf Stelzen in einem Gummi-Kostüm ist, gehört zum Charme der Serie. Besonders cool ist auch die Eröffnung, in der der Doctor das Paradox, mit welchem er das Problem zu lösen gedenkt, direkt in die Kamera erklärt – und anschließend seine eigene Vorspannmusik auf der Gitarre begleitet. So was darf nur Doctor Who.

 

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5. The Girl Who Died

6. The Woman Who Lived

How many have you lost? How many Claras?

Ein Wikingerdorf wird von Space-Odin und seinen Alien-Schergen bedroht, die die stärksten Krieger des Landes zu Kampfdrogen versaften. Nun liegt es am Doctor und Clara, die Dorfbewohner in einem Die Glorreichen Sieben-Szenario auf die Verteidigung gegen die Angreifer vorzubereiten. Star dieses Zweiteilers ist natürlich Game-of-Thrones-Star Maisie Williams als die clevere Ashildr, die von ihrer ersten Szene an als ausgezeichnetes Companion-Material etabliert wird, nur um uns am Ende das Herz zu brechen. Herzzerreißend ist auch der Einsatz der Fähigkeit des Doctors, Baby zu sprechen – was vom Elften Doctor als kleiner Wegwerf-Gag eingeführt wurde, wird hier auf einmal zu einem hoch-emotionalen Moment, mit dem Clara den Doctor zum Bleiben überzeugt. Ebenso emotional ist das Finale des ersten Teils, wo die Bösewichte erst mit Cartoon-Taktiken und Cybermobbing in die Flucht geschlagen werden – nur damit wir direkt mit dem Verlust eines jungen Lebens konfrontiert werden können. In einem cleveren Callback wird endlich aufgeklärt, warum uns das Gesicht des Doctors so bekannt vorkommt. Angenehm ist, dass diese Auflösung jahrelanger Fan-Spekulation relativ klein heruntergespielt wird: Wer kein Fan dieser Theorie ist, kann sie einfach ignorieren.

Der zweite Teil der Doppelfolge macht dann einen gewaltigen Zeitsprung und folgt nun nur noch dem Doctor, der Jahrhunderte später auf die nun unsterbliche Ashildr Lady Me trifft. Diese gibt uns eine spannende neue Perspektive auf den Maßstab eines ewigen Lebens, dass nicht wie beim Doctor oder Jack Harkness beliebig in der Zeit verteilt werden kann, sondern auf einer harten, geraden Linie immer vorwärts führt. Cool ist auch die Idee, dass Me durch ihre vielen Lebenszeiten ein vielseitiger Badass ist, da sie jede nur erdenkliche Fähigkeit perfektioniert hat. Der Plot aus Verrat und Intrigen rund um Invasoren aus einer anderen Dimension tritt da eher in den Hintergrund, um für die fesselnde Chemie dieser beiden Figuren Platz zu machen. Am Ende hat man schon einen kleinen Kloß im Hals, da der Doctor nun seine Perspektive auf die kurzlebigen Sterblichen an seiner Seite offenlegt.

 

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7. The Zygon Invasion

8. The Zygon Inversion

How are you going to protect your glorious revolution from the next one?

Die Rückkehr der Zygons in „Day of the Doctor“ war eine schräge Angelegenheit: Obwohl sie sehr wohl als eigenständiges Monster funktionieren, spielten sie zweite Geige hinter dem epischen Time War – der Doctor überlässt es am Ende den Menschen, einen Frieden mit ihnen auszuhandeln. Normalerweise bin ich ein Freund offener Enden, aber im Falle dieser Doppelfolge hat sich die Rückkehr mehr als gelohnt: In den Händen des richtigen Autors können die formwandelnden Zygons nämlich scheiße gruselig sein. Case in point: Die Einheit ausgebildeter Soldaten, die von Ebenbildern ihrer Familienangehörigen in den Tod gelockt werden. Und natürlich entpuppt sich auch eine Hauptfigur als Duplikat. So kombiniert diese Folge spielerisch einen Agententhriller mit einem paranoiden Körperfresser-Szenario.

Dass die Zygons Terrorvideos mit Geiseln und Flaggen drehen, Splittergruppen die eigentlich harmlose Restbevölkerung zu radikalisieren versuchen und die Menschen sofort ein ganzes Volk für die Taten einer Terrorzelle verurteilen, fühlt sich für moderne Doctor Who-Verhältnisse ungewöhnlich explizit zeitpolitisch an. Umso eindrucksvoller ist die Ansprache des Doctors über den Kreislauf der Gewalt, der Hass und Grausamkeit immer wieder mit mehr Hass und Grausamkeit begegnet: So endet die Doppelfolge mit einem kleinen Cast in einem kleinen Raum, streitend, verhandelnd, appellierend – einem abstrakten „scale model of war“. Und die Viertelstunde, die wir in diesem Raum verbringen, gehört zu den größten Gänsehautmomenten der Serie. Nicht nur das: Es ist auch ein wichtiger Dialog, der auf diesem Weg hoffentlich auf ein paar Wohnzimmer übergreift.

 

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9. Sleep No More

Glamis hath murdered sleep, and therefore Cawdor shall sleep no more. Macbeth shall sleep no more.

Diese Folge ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich: Sie ist komplett als „Found Footage“ gedreht, besteht also aus Zusammenschnitten von Helmkameras aus der ersten Person, Überwachungsaufnahmen einer Raumstation und einem Videotagebuch. Das Format geht so weit, dass der traditionelle Vorspann das erste Mal in der Geschichte von Doctor Who nicht Teil der Episode ist. Zudem endet sie für uns quasi aus der Sicht des Monsters: Die Bösen haben gewonnen und der Doctor entkommt zwar, erfährt aber nie von den wahren Vorgängen oder dem Plan seines Gegenspielers. Autor und Doctor Who-Veteran Mark Gatiss hat sich hier viel auf seinen Teller geladen. Leider liegt die Episode an einem sehr undankbaren Platz in einer Staffel voller Doppelfolgen und unmittelbar vor dem dramatischen Finale. Dass die Episode keinerlei Verbindung zu den vorherigen oder folgenden Ereignissen aufweist, hilft dabei natürlich nicht.

Ich für meinen Teil freue mich über eine kleine Stand-alone-Geschichte mit einem cleveren Gimmick: Immerhin ist so auch Fan-Favorit „Blink“ (S03/E10) entstanden, welches Gatiss sich hier offenkundig als Vorbild genommen hat. Leider sind seine Monster, die Sandmen, zwar gruselig, aber unterentwickelt – genau wie ihr böser Plan. Dafür schenkt uns diese Folge das vielleicht beklemmendste Ende (mit oder nach Blink?) einer Doctor Who-Folge und mehr als einen cleveren Trick mit den ungewöhnlichen Aufnahmen. So ist „We don’t have helmet cams.“ ein wirklich effektiver Gänsehautmoment. Trotz ihrer Makel und ungünstigen Positionierung hat diese Episode bestimmt für einige Albträume gesorgt – nicht zuletzt auch durch das ungewöhnlich düstere und direkt an das Publikum gerichtete Ende – und damit ihr Ziel erreicht.

Letzte Spoilerwarnung! Alles unter dieser Linie ist wirklich nur für Leser, die die Staffel bereits gesehen haben.


 

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10. Face the Raven

You will not insult my memory. There will be no revenge. I will die, and no-one else, here or anywhere, will suffer.

Ich hatte anfänglich meine Probleme mit Clara: Sie wirkte ein wenig zu perfekt, zu ideal als Companion. Sie wurde offensichtlich als das Destillat von 50 Jahren Who-Companions konzipiert, ist mir aber mittlerweile als Charakter wirklich ans Herz gewachsen, nicht nur weil sie in den letzten Staffeln eine bessere Charakterisierung bekommen hat, sondern selbst zu einem eigenständigen, starken Rollenbild für die junge Zuschauerschaft geworden ist. Doch hier kommt nun der schmerzhafte Abschied: Ein wohl von niemandem erwartetes Wiedersehen mit Rigsy aus „Flatline“ (S08/E09) führt den Doctor und Clara in eine Welt, die verborgen im Herzen unserer Großstädte liegt. Dort treffen sie nicht nur wieder auf Me, sondern auch auf ihren Scharfrichter – den titulären Raben.

Der Tod Claras ist ein enorm emotionaler Moment, gerade weil sie nicht im Kreuzfeuer gefangen wird oder ein heroisches Opfer darbringt: Sie macht einen Fehler, weil die Zeit mit dem Doctor sie zu selbstsicher, zu optimistisch, zu draufgängerisch gemacht hat. Obwohl ihr Tod ihrer Hybris verschuldet ist, stellt sie sich ihrem Schicksal mit Würde und Stolz. Sie jammert nicht, bettelt nicht, flieht nicht. Die stille Charakterarbeit, die in ihrem Abschied vom Doctor geschieht, verdeutlicht das enorme Talent auf beiden Seiten – ihr letzter Wunsch ist es, dass niemand sonst für ihren Tod bezahlen muss. Es war ihr eigener Fehler. Peter Capaldis Augen in dieser Szene zeigen sein ganzes Spektrum als Schauspieler: Da ist Zweifel, Wut, Trauer, Hilflosigkeit angesichts einer Ungerechtigkeit und der Wunsch nach Vergeltung. Ich werde die Chemie der beiden sehr vermissen.

 

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11. Heaven Sent

It’s a killer puzzle box, designed to scare me to death, and I’m trapped inside it. … Must be Christmas!

Der Hauptgrund, aus dem ich über die letzten drei Episoden der Staffel gesondert sprechen möchte: „Heaven Sent“ ist nicht nur meine Lieblingsfolge dieser Reihe, sondern vielleicht sogar der ganzen Serie. Die Prämisse der Folge ist schnell erklärt: Der Doctor ist nun ganz auf sich allein gestellt und arbeitet sich nicht nur durch eine Depression/Glaubenskrise, sondern auch durch eine infernale Rätselkiste. Die ganze Episode folgt dieser einen Hauptfigur und lässt uns so wirklich sehen, wie der Doctor sich verhält, wenn er allein ist. Sein frischer Verlust ist in jedem Augenblick spürbar: Das Ringen mit seiner Situation als Gefangener ist auch ein Ringen mit den eigenen Emotionen nach dem unverarbeiteten Tod seiner besten Freundin. Er muss sich jedoch nicht nur seinen Gefühlen und seinem Gefängnis stellen, sondern auch seinem eigenen Tod, der ihn als Folterknecht und Beichtvater schleppend langsam, aber unaufhaltsam verfolgt.

Die ganze Episode wirkt sehr experimentell und abstrakt, fast wie ein Arthouse-Projekt. Die andersweltliche Musik von Murray Gold oder die ungewöhnliche Arbeit mit Kamera und Perspektive tragen alle ihren Teil dazu bei. Der Veil selbst ist ein unheimliches effektives Monster. Ich persönlich finde die Unausweichlichkeit dieser Kreatur sehr verstörend – und die Folge lässt uns stets seine Präsenz spüren, sei es durch sein fernes Schlurfen oder die allgegenwärtigen Bildschirme, die von seinem Kommen zeugen. Der Star der Show ist aber natürlich ganz klar Peter Capaldi in der Rolle seines Lebens, der hier eine unglaubliche Performance abliefert. Selbst wenn man das Konzept aus welchem Grund auch immer nicht ansprechend findet, muss einen die letzte Montage allein wegen der von ihm gespielten Verzweiflung und unbändigen Rage bewegen. Das Ganze ist nicht nur eine clevere Zeitschleifen-Geschichte, sondern auch der tragische innere Konflikt eines (sehr, sehr) alten Mannes. Und so ist diese Episode in ihrem Maßstab gleichzeitig unendlich groß und intim nah dran. Bravo.

 

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12. Hell Bent

Stories… are where memories go when they are forgotten.

So stark, wie die Staffel begonnen hat, endet sie auch (vielleicht sogar stärker?). Nämlich mit nichts geringerem als der in „Day of the Doctor“ geteasten Rückkehr nach Gallifrey. Doch wie so oft spielt Steven Moffat mit unseren Erwartungen: Der Doctor kehrt nicht als strahlender Held nach Hause zurück, sondern als satter alter Mann, der von der pompösen Arroganz seiner Spezies die Nase gestrichen voll hat. Und so ist sein Konflikt mit dem Hohen Rat und sogar Rassilon selbst eine kurze und unblutige Revolution, die er allein durch seinen Ruf und eisernen Willen für sich entscheidet. Das ist nicht nur genial, sondern gibt uns eine tolle Ausrede dafür, endlich ein wenig mehr Zeit auf dem mysteriösen Heimatplaneten des Doctors zu verbringen, mit allem drum und dran und vielen kleinen Pralinen für die Fans der Serie.

Doch eigentlich geht es gar nicht um Gallifrey, sondern um die Unfähigkeit des Doctors, seine Freundin gehen zu lassen. So endet die Staffel nicht nur mit einem letzten Wiedersehen mit Ashildr Me, sondern auch mit einem bittersüßen Lebewohl von Clara, die – aus ihrer eigenen Geschichte gerissen – nun als wandelnde Tote durch Raum und Zeit reist. In einem fliegenden Diner (genau dem aus diesem einen Matt Smith-Zweiteiler!) mit einer klassischen Tardis-Konsole (dieser Anblick ist für den langjährigen Fan natürlich purer Sex). Auf der einen Seite finde ich es aus erzählerischer Sicht natürlich schade, dass sie nach ihrem tragischen Lebewohl wieder aus der Versenkung gezerrt wird – mehr oder weniger buchstäblich durch den Doctor – andererseits ist Doctor Who natürlich immer noch eine Serie für Kinder und Jugendliche. Da ist es nur Recht, dass die Staffel auf einer positiven Note endet – mit zwei unsterblichen Mädels in ihrer eigenen Zeit- und Raummaschine. Die Tragik des Abschieds bleibt zumindest für den Doctor jedoch noch immer erhalten: In einer ergreifenden Szene zupft er gedankenversunken die Noten von Claras Leitmotiv auf seiner Gitarre. Wer jetzt noch an Peter Capaldi als Doctor zweifelt, dem kann wirklich nicht geholfen werden.

 


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Christmas Special: The Husbands of River Song

When you love the Doctor, it’s like loving the stars themselves. You don’t expect a sunset to admire you back. And if I happen to find myself in danger, let me tell you, the Doctor is not stupid enough, or sentimental enough, and he is certainly not in love enough to find himself standing in it with me!

Das Weihnachts-Special bietet ein angenehmes Kontrastprogramm zum existentiell-düsteren Ton der 9. Staffel. In einer leichtherzigen Action-Komödie darf Capaldis Doctor das erste Mal auf River Song (Alex Kingston) treffen, welche ihn für einen guten Teil der Episode gar nicht wiedererkennt – was zu mehreren ulkigen Verwechslungs-Sketchen führt. Der Diamantenraub-Plot der Episode ist angenehm nebensächlich, denn eigentlich geht es um die neue Chemie dieser beiden Charaktere: Das erste Mal begegnet sie ihm in einer Gestalt, die sowohl oberflächlich als auch charakterlich eher ihrem Alter entspricht – und auf einmal scheint die platonische Romanze zwischen den beiden gar nicht mehr so unglaubwürdig wie zum Beispiel beim sehr viel jüngeren Matt Smith. Alex Kingston ist wie immer fabelhaft als charmant-aufmüpfige Lady-Abenteurerin. Es ist auch sehr schön Capaldi nach all der gewichtigen Tragik der vorangegangenen Episoden als komedischen Schauspieler wiederentdecken zu dürfen.

Doch eigentlich geht es natürlich darum, wie diese Folge endet, denn sie zieht den Schlussstrich unter der zu einem sehr verwirrenden Flowchart gewordenen Lebensgeschichte der Frau, die den Doctor immer in der falschen Reihenfolge trifft. So sehen wir hier endlich das Abschiedsdinner unter den Singenden Türmen von Darillium, auf welches sich River bereits in „Forest of the Dead“ (S04/E09) bezog – Erstausstrahlung 2008! Dennoch ist dieser Abschied nicht nur traurig, sondern wird von einem sehr süßen Ende aufgelockert. Und wenn man ihren ersten Auftritt in dieser Tennant-Episode direkt im Anschluss sieht, bildet sich auch ein schön runder Kreis. Auch wenn es vielleicht nicht die größte, beste Weihnachtsepisode ist, ist die bittersüße Romanze der beiden Zeitreisenden eine märchenhaft schöne Geschichte, die hier nun ihren Abschluss findet.

 


Doctor Who kann man (noch) auf Netflix und Amazon Prime Video sehen.

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12 Gedanken zu “Doctor Who: Series 9

  1. Ich habe soooo lange auf die 9. Staffel gewartet und freue mich nun auf die neuen Folgen. Mal sehen, wie lange es dauern wird, bis ich mit dem neuen Dr.Who warm werde. Ich hoffe, dass es wie üblich schnell geht.
    Deine Spoilerwarnung habe ich befolgt und daher nicht den ganzen Beitrag gelesen.
    Gruß,
    Elvira

    Gefällt 1 Person

  2. Ich habe mich erst dieses Jahr in die Serie verliebt. Ich weiß gar nicht warum erst jetzt, aber das fragen sich Leute, die ihren besten Freund irgendwann heiraten vermutlich auch.
    Ich konnte mit Blink und dem Weihnachtsspecial der Staffel 8 auch schon weitere Who-Fans erwecken. An „A Christmas Carol“ habe ich dabei noch nie gedacht. 😀

    Peter Capaldi wird mir in dieser Staffel so richtig sympathisch. Am coolsten ist er, wenn er E-Gitarre in der Tardis spielt. Beethovens Fünfte traue ich ihm glatt zu. 😀
    Ich fand die Szene absolut genial, in dem der Doctor feststellt, dass sie es mit Geistern zu tun haben. Oder die Szene bei The Woman who Lived: „Normalerweise knufft mich jemand an der Stelle, doch sie ist mit der siebten Klasse beim Teakwondo“.

    Um welche Fan-Spekulation handelt es sich denn weshalb der Doctor jetzt ein Gesicht aus Pompeji trägt?

    Weiter kann ich jetzt gar nicht lesen, da ich mir die letzte Staffel gut einteilen muss (vermutlich bis zum Ende der nächsten Woche…). Ich hasse Warten.

    Gefällt 1 Person

    1. Heyho Supererdferkel,
      erstklassige Rekrutierungsarbeit. Ich hoffe, du hattest noch etwas Spaß mit der neuen Staffel. 🙂

      In der ersten Episode von Series 8 sinniert Peter Capaldis Doctor bereits darüber, dass er sein Gesicht kennt – was, wie du ganz richtig anmerkst, ein Verweis auf „The Fires of Pompeii“ ist, wo nicht nur er, sondern auch Karen Gillan, die später Amy spielen wird, in Nebenrollen auftauchen. Unmittelbar darauf gab es einen Haufen Spekulationen darum, weshalb hier augenzwinkernd auf das Casting der Figuren aufmerksam gemacht wurde – eine Serie wie Doctor Who bietet sich für Theorien über verschiedene Zeitlinien einfach an: War der Doctor einer späteren Inkarnation begegnet, als diese ihr Gedächtnis verloren hatte?

      Zum Glück hat die für mich eleganteste Lösung gewonnen: Der neue Doctor sieht aus wie jemand, den er trotz seiner „Nicht in den natürlichen Lauf der Dinge einmischen“-Klausel gerettet hat. Um sich selbst daran zu erinnern, dass er eben doch manchmal eingreifen sollte, um Gutes zu tun – allen Konsequenzen zum Trotz. Das ist ein schöner kleiner Charaktermoment, der nicht als die Rahmenhandlung einer ganzen Staffel aufgeklärt werden musste.

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  3. Blink ist eindeutig eine meiner Lieblingsfolgen, seit ich bei der Staffel mit Christopher Eccleston und Billie Piper eingestiegen bin. Und genau diese Staffel, wie alle folgenden, werden auf ARD One jeden Dienstagabend von 20:15 bis 21:45 gezeigt. Zwei Folgen am Stück über X Staffeln… das gibt Sendezeit über gefühlt Jahre.

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