Warcraft: The Beginning

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Überlange Videospiel-Zwischensequenz von Duncan Jones.

Als der erste Herr der Ringe-Film von Peter Jackson in die Kinos kam, schien auf einmal alles möglich: Wenn ein Fantasy-Streifen dieses Maßstabs solchen finanziellen Erfolg verbuchen und ganz nebenbei auch bei den Oscars abräumen konnte, würden wir bestimmt schon bald in noch abgefahrenere Welten voller Elfen und Drachen entführt werden. Das Genre-Stigma schien endlich abgelegt. Doch im Rückblick über die letzten 15 Jahre scheint ein weiterer Boom in Sachen (semi-)mittelalterlicher Fantasy ausgeblieben zu sein: Stattdessen regieren Jugendliche in dystopischen Zukunftsvisionen und Superhelden-Franchises die Kinokassen. Wenn man die Harry Potter- und Narnia-Reihen jetzt mal ausklammert, hinterlassen auf der Genre-Torte nur vereinzelte Flops oder Märchenverfilmungen irgendwo zwischen Eragon und Snow White einen faden Nachgeschmack. Ausgerechnet ein Videospiel-Film will jetzt den Fluch brechen und Orks und Zwerge wieder cool machen, mit guten Schauspielern und nem talentierten jungen Regisseur. Nicht nur das, der selten dämliche Titelzusatz kündigt auch großkotzig einen Haufen Sequels an.

Wichtige Vorweg-Info: Ich habe mich nie wirklich in World of Warcraft reinfinden können. Ich habe aber viel Zeit mit den Strategie-Vorgängern verbracht, die von der Ankunft der Orks in Azeroth und deren Konflikten mit den Menschen erzählen. Dieser Film beschäftigt sich nun mit genau dieser Geschichte, ist also quasi das ein bis zwei Generationen in der Vergangenheit spielende Prequel zu World of Warcraft. Wirklich interessiert hat mich der Hintergrund des Warcraft-Universums aber nie – mir schien die Welt immer viel zu generisch und ideenlos, mit Ausnahme der einen oder anderen abwegigen Zutat (Orks sind eigentlich Einwanderer aus einer Alien-Dimension? Okay). Warcraft 1 war eigentlich ein Warhammer Fantasy-Spiel, bei dem aus juristischen Sicherheitsgründen die Seriennummern – und damit leider auch der Charakter – abgefeilt wurden. Dementsprechend generisch fällt auch der Plot dieses Films aus: Menschen bekämpfen Orks wegen kulturellen Missverständnissen – es liegt an den wenigen Nicht-Fremdenfeinden, Frieden zwischen den Völkern zu stiften. Wenigstens langweilt Warcraft nicht mit ewigen „Wie wir beide ganz genau wissen, ist die Geschichte unseres Volkes…“-Dialogen, sondern wirft den Zuschauer sehr unmittelbar in die Welt von Azeroth hinein. Mad Max: Fury Road hat uns letztes Jahr gelehrt, dass ‚Show; don’t tell‘ auch für Worldbuilding gilt, und Duncan Jones scheint zumindest diese Lektion beherzigt zu haben.

Den Gedankensprung zu Fury Road mache ich, weil auch dieser Film eine geradezu lächerlich simple Story hatte, sie aber mit unglaublichem Produktionsdesign und tollen Charakteren ausglich. Gute Charaktere sucht man in Warcraft leider vergeblich. Jede einzelne Figur ist ein langweiliger Pappaufsteller: Der König ist gerecht, aber gut. Der Zauberer ist mysteriös, aber exzentrisch. Der Fiesling ist fies, aber böse. Und jedes Mal, wenn einer den Mund aufmacht, kommt ein schlimmes Klischee heraus. Blöde Story und blöde Charaktere kann man ja noch den Entwicklern der Videospiele zuschreiben, die in erster Linie nach einer Ausrede für Fantasy-Schlachten suchten, aber für uninspirierte Dialoge und fehlende Charakterentwicklung gibt es nicht wirklich eine Ausrede. Man hetzt rasch von Schauplatz zu Schauplatz, bis der Film auf einmal abrupt endet. Die Schauspieler sind allesamt bekannte Größen, die aber leider überhaupt kein Material zum Arbeiten bekommen – einzig Travis Fimmel als heroischer Recke darf von Zeit zu Zeit mal schief grinsen oder seinen aus Vikings bekannten Axtmörder-Blick aufsetzen. Aber auch seine Rolle in dieser Geschichte ist so vorhersehbar wie die monatliche Gebühr an Blizzard.

 

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Das deutlichste Alleinstellungs-Merkmal der Warcraft-Reihe war schon immer das visuelle Design, welches viel Inspiration aus den Image-Comics und McFarlane-Actionfiguren der 90er zog. Die technischen Einschränkungen von World of Warcraft sorgten dafür, dass man sich in diesen visuellen Stil statt in versuchten Fotorealismus lehnte. Als Resultat sind die Warcraft-Modelle und -Illustrationen leicht anhand dieses Stils zu erkennen: Breite Männer in wuchtig überladenen Rüstungen bekriegen sich mit ebenso breiten Power Rangers-Waffen, während alle Mädels Supermodels in bauchfreien Kleidchen sind. Die Monster sind ebenso cartoonig überzeichnet. Das muss man nicht mögen, aber es ist im Einheitsbrei der Rollenspiel-Fantasy zumindest ein Fünkchen Individualität. Und das muss man diesem Film lassen: Statt sich der überdesignten Spielfiguren zu schämen, übersetzt man diesen Stil so treu wie möglich durch eine teure Mischung aus Live Action und CGI auf die Leinwand.

Als Resultat ist Warcraft ein sehr hübsch anzusehender Film: Die Orks sind zwar durch Motion Capture entstanden, das Ergebnis sieht aber dank der ebenso überzeichneten Welt um sie herum verblüffend real und lebendig aus. Ebenso sind die fantastischen Schauplätze der Welt – von Stormwind bis Dalaran – wunderschön anzusehen. Tatsächlich erinnert mich dieser Film am meisten an James Camerons Avatar – technisch perfekte Bilder, eine wunderschöne Zauberwelt, aber null Substanz oder Charakter. Für eine bestimmte Zielgruppe kann das aber durchaus ausreichend sein: Seit Jahren liest man auf Youtube unter jeder Blizzard-Zwischensequenz, dass die doch endlich mal abendfüllende Spielfilme machen sollen. Du, lieber Internet-Kommentator, hast genau das bekommen: Eine abendfüllende Videospiel-Cutscene, nicht mehr und nicht weniger. Die Figuren und die Story kennst du eh schon, also feiere deinen nostalgischen Trip in die hübsch und treu inszenierte Spielwelt. Da ist es nur passend, dass der einzig originelle Plot-Punkt dieses Films was mit Kill Stealing zu tun hat.

Was heißt das für die kommende Flut von Videospiel-Verfilmungen? Baut eure Welten und Charaktere aus. Der Spieler hat viele Tage (hier: Jahre) Zeit, diese zu erforschen, der Zuschauer nur zwei Stunden. Im Videospiel stehen die Taten des Spielers im Mittelpunkt, im Film müssen interessante Figuren diese Arbeit leisten, denen man dabei gern zusieht. Und was heißt das für das Genre Fantasy? Der internationale Erfolg, den Warcraft mit Sicherheit feiern dürfte (immerhin ist Blizzard im Großraum Asien praktisch eine Haushalts-Gottheit), öffnet vielleicht ein paar Türen. Und durch eine dieser Türen kommt vielleicht irgendwann der nächste Herr der Ringe.

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7 Gedanken zu “Warcraft: The Beginning

  1. Würd mir auch übelst gern den Film anschauen. Kenn mich aber null in der ganzen Warcraft Welt aus. Mal schauen, ob mir einer meiner Freunde einen kleinen Crash-Kurs geben kann bevor ich den Film sehe 😀 Falls der Film ein finanzieller Erfolg wird, wer weiß, vielleicht können wir auch auf einen Starcraft Film hoffen (da würde ich mich wenigstens auskennen ^^).

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    1. Der finanzielle Erfolg dürfte durch die internationale Marke ziemlich sicher sein. Ich würde auch gerne einen Starcraft-Film sehen, die Reihe hat wesentlich mehr Charakter und coole Ideen.

      Auch wenn ich Warcraft nicht toll fand, muss ich zugeben, dass es sich echt gut angefühlt hat, ein so stark designtes High Fantasy-Universum auf der Leinwand zu sehen. Wenn sie jetzt nur noch ein paar bessere Autoren ins Boot holen…

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    2. Es ist natürlich interessant die Warcraftwelt zu kennen, aber der Film ist, meiner Meinung nach, auch ohne großes Wissen sehenswert. Ich selber kenne mehr die Geschichte von Warcraft II und III. Der Film lieferte also auch für mich eine Art Vorgeschichte, mit der ich mich nicht auskannte. Technisch gefiel er mir gut und die Geschichte war solide und verspricht ganz offensichtlich eine Fortsetzung. Schau ihn dir ruhig an, du wirst nicht da sitzen und nichts verstehen…
      LG Schäfchen

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  2. Pingback: What’cha Watching Wednesday #10.2 | Random PoiSon

  3. Ich bin weder ein Warcraft noch WOW Fan, kannte aber die Story schon vorher und ich fand den Film gar nicht soooo übel…dass Metzen leider nix Talent für wirklich rund rum ansprechende Fantasy Charaktere hat, war mir allerdings schon vorher klar…was mich allerdings wirklich enttäuscht hat, war dass die brennende Legion nur genannt aber nicht gezeigt wurde…schade, vielleicht im nächsten Film, denn das finde ich, ist ein wirklich cooles Element von Warcraft.

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