Game Of Thrones, Season 6

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Das Gegenteil von Heroic Fantasy von David Benioff & D.B. Weiss.

An dieser Stelle muss wohl kaum noch ein Wort darüber verloren werden, warum Game of Thrones heißer Scheiß ist. Der unglaubliche Welterfolg dieser TV-Serie gewordenen Reihe von Fantasy-Türstoppern hängt zu großen Teilen damit zusammen, dass sie sehr bewusst die Konventionen der Helden-und-Drachen-Herzensbrecher aus dem Fenster schmeißt. „Valar Morghulis“ heißt es da so schön, hoch-valyrisch für „Wir haben kein Problem damit, Publikumslieblinge unzeremoniell abzumurksen“. Die Intrigen und Schlachten rund um den Eisernen Thron sind so unfair und herzlos wie unsere eigene Geschichte – und diese über mittlerweile 5 Staffeln etablierte Faustregel macht auch vermeintliche Filler-Episoden nervenaufreibend spannend. Die 6. und neueste Staffel erinnert auf eindringlich-brutale Weise an diese Wahrheit und ist dabei auch noch eine meisterliche Lehrstunde in Spannungsaufbau und Katharsis: Nach vielen Jahren der Positionierung scheinen die Schachfiguren nun endlich in Stellung für den alles entscheidenden Zug. Und auf einmal scheint alles wieder offen…

Wenn du die letzten Episoden Game of Thrones noch nicht gesehen hast und dich fragst, ob du es tun solltest, ist die Antwort simpel: Hölle ja, diese Serie hat bei großartig angefangen und wird mit jeder Episode besser. Wenn du irgendwo mittendrin aufgehört hast, weil es dir langweilig wurde, kann ich versprechen, dass der langsame Handlungsaufbau der letzten Jahre sich nun endlich auszahlt. Ich werde nicht explizit auf die Entwicklungen des Finales eingehen, dennoch solltest du dich vielleicht lieber erstmal mit der Serie statt mit meinen Gedanken dazu beschäftigen. Für alle anderen: Herzlich willkommen in Spoilertown, Westeros.

„Winter is here“, sagt man nun im Norden – und dies könnte ebenso gut das Motto für diese zehn Episoden sein. Die Schlachten der Väter sind geschlagen, ihre Körper liegen längst tief unter der kalten Erde, und die Kinder machen sich nun nach langer Warterei und Vorbereitung endlich auf, die Früchte ihrer Arbeit zu ernten. Am meisten wird dies wohl durch die Handlungsstränge von Arya (Maisie Williams) und Daenerys (Emilia Clarke) verdeutlicht. Erstere ist nach Jahren der Wanderschaft, in denen sie inkognito von Lehrer zu Lehrer gereicht wurde, nun endgültig bereit, Rache im Namen ihres Hauses zu üben und ein paar Namen von ihrer Liste zu streichen. Zweitere ist nach dem ewigen hin und her jenseits des Meeres nun (wirklich, ehrlich) in der Lage, über selbiges zu segeln. Zudem hat sie auch die nötigen Truppen, um tatsächlich eine gute Chance zu haben, die Sieben Königreiche erobern. Obwohl der Weg zu diesem Punkt beizeiten langwierig wirkte, sind beide Mädchen an allen Etappen ihres Weges zu ernst zu nehmenden Ladies gewachsen – umso mehr möchte man jetzt natürlich für sie jubeln.

Die vielleicht großartigste Charakterentwicklung macht ausgerechnet Cersei Lannister (Lena Headey) durch, die es trotz ihres firm etablierten Lady Macbeth-Bösewicht-Status zum Ende der letzten Staffel doch tatsächlich geschafft hat, Mitleid in uns zu wecken. Nun sitzt sie in ihrem selbst erbauten Käfig fest und schmiedet Rachepläne gegen den Mann, dem sie die Schlüssel zur Stadt überreichte und der ihr alles genommen hat (rettet einen generischen ‚religiöse Fanatiker sind böse‘-Subplot durch schieres Charisma: Jonathan Pryce als der High Sparrow). Am Ende feiert sie einen hohlen Sieg, der sie alles kostet, für das sie all die Jahre über wie eine Löwenmutter gekämpft hat. Ihre Geschichte allein bringt genug herzzerreißendes Drama und ironische Tragik mit an Deck, um ein Shakespeare-Stück zu füllen – und etabliert sie fest als fesselnde Antagonistin für die großen Dinge, die da kommen.

 
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Auf der Heimatfront eskaliert der Konflikt zwischen den Bastarden von Winterfell. Dies bringt nicht nur die Gelegenheit mit sich, die Konstellationen unserer liebsten Nebenfiguren durcheinander zu mischen – wer hätte zum Beispiel gedacht, dass uns ausgerechnet Tormund und Brienne eine ganz wundervolle einseitige Romanze schenken, die völlig ohne Worte auskommt? – sondern lässt auch Ramsay Bolton (Iwan Rheon) endlich die Menge an Screentime, die er als einer der genüsslich sadistischsten Bösewichte der Fernsehgeschichte verdient. Da die Serie sonst eine Studie in Sachen grauer Moralzonen ist, tut es einfach gut, einen Charakter so inbrünstig verabscheuen zu dürfen. Ramsay hat sich seinen Platz auf der anderen Seite dieses Schlachtfeldes durch eine ganze Reihe grässlicher Taten verdient, bei denen man allein wegen seiner schelmischen Freude an der Sache nicht wegschauen wollte. Und als besagte Schlacht dann in der vorletzten Folge entbrennt, vergisst man bei all der Intensität doch glatt das Blinzeln und Atmen.

Was dieser Staffel aber besonders hoch anzurechnen ist, ist die Tatsache, dass die Autoren sich neben all den welterschütternden Entwicklungen auch immer die Zeit für etwas Worldbuilding oder kleine Charaktermomente nehmen – Momente, die niedere TV-Serien mit endlosem Geschwafel oder belanglosen B-Plots füllen würden. Das sind kleine Dinge wie die fahrende Schauspieltruppe, die die bisherigen Ereignisse der Serie durch die Perspektive des einfachen Volkes betrachtet und publikumswirksam nachstellt, wodurch sich die Welt auf einmal tausendfach realer und greifbarer anfühlt. Und die junge Lady Mormont, die in nur wenigen Minuten auf dem Bildschirm jeden anderen Nordmann trotz ihrer geringen Höhe in den Schatten stellt. Da wäre auch der Abgang des Blackfish, dessen Name immer mal wieder in einem Nebensatz voll Ehrfurcht geflüstert wurde – dessen Ruf auf seine alten Jahre viel schwerer wog als sein tatsächliches Talent im Umgang mit dem Schwert. Oder aber auch die leise und kleine Geschichte von Sam und Gilly, die in einer furchtbar harten und feindseligen Welt einfach nur ihren Frieden finden wollen – so nimmt sich die letzte Folge zwischen all den gewaltigen Entwicklungen doch tatsächlich die Gelegenheit, zumindest einem von ihnen ein Happy End zu geben.

Von Happy Ends gesprochen: Der bisweilen extreme Nihilismus der Serie ritt schon seit einigen Jahren hart an der Grenze zum Absurden, was es beizeiten schwierig machte, sich noch ehrlich für die Figuren zu begeistern, die früher oder später unweigerlich ein Messer in den Rücken gejagt bekommen würden. Und da ist es schon eine ziemliche Überraschung, dass die 6. Staffel mit der bislang höchsten Dichte an befriedigender Wunscherfüllung endet, sei es in Form von großen Enthüllungen, lang versprochener Zusammenkunft oder längst überfälliger Vergeltung. In den Worten von Tyrion:

How about the fact that this is actually happening?

Es scheint schon fast zu schön, um wahr zu sein. Andererseits markiert diese Staffel natürlich auch den Punkt, an dem die Serie nun endgültig den Büchern voraus ist. Obwohl George R. R. Martin bekanntlich eng mit den Autoren der Serie zusammenarbeitet, zwingt sich natürlich die Frage auf, ob man diese Gelegenheit nun absichtlich zu einem Abstecher in publikumsfreundlicheres Territorium nutzt. Mir zumindest kann das recht sein: Martins Kernaussage, dass Menschen erst durch Geschichtsschreibung zu Helden werden und die Realität um einiges willkürlicher und ungerechter ist, wurde über die letzten Jahre hinweg mehrfach deutlich unterstrichen – nun fühlt es sich aber viel zu gut an, die wenigen Überlebenden endlich (mehr als verdient!) triumphieren zu sehen. Und auch wenn man die 6. Staffel nun mit einem ungewöhnlich guten Bauchgefühl verlässt, sollte man stets im Hinterkopf behalten, dass das Autorenteam die Leitgedanken des Projekts bislang sehr konsequent durchgezogen haben. Wie Melisandre so schön auf Jons Frage antwortete, welcher Gott einem solchen Recken ein zweites Leben schenken würde, nur um es ihm sofort wieder in einer erfolglosen Schlacht zu nehmen:

The one we have.
*zwinkert in den Zuschauerraum, hält Portrait des Autors in die Kamera*

Dieser Kommentar allein macht mir doch Hoffnung, dass die hart arbeitenden Jungs und Mädels hinter jedermanns Lieblings-Serie noch sehr wohl wissen, was sie tun. Mit dem nun stark geschrumpften und übersichtlich konsolidierten Cast geht es in noch mindestens zwei weitere Staffeln – diese sollen aber wesentlich kürzer sein als die bisherigen. Ich für meinen Teil habe noch keiner Staffel dieser Serie so sehr entgegen gefiebert.

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6 Gedanken zu “Game Of Thrones, Season 6

  1. Kann ich so mit jedem Wort unterschreiben! Die 6. Staffel war echt unglaublich gut und schafft es trotz aller Enthüllungen und Zusammenführungen von Handlungssträngen die Spannung sogar noch zu erhöhen.

    Winter is fuckin finally here! Yes!

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Kritik: Game of Thrones – Staffel 6 | filmexe

  3. Man dürfte vielleicht noch erwähnen, dass wenn man sich alle sechs Seasons und die Entwicklungen der Frauencharaktere ansieht, die Anfangs lediglich hin und her gereicht wurden – weswegen GoT Kritiken wie „sexistisch“ und „frauenfeindlich“ erntete – nun gegen Ende die Mächtigen sind, diejenigen, die eine bessere Welt schaffen möchten. Mit Ausnahme von Jon Snow, sind es alleinig Frauen, die die Regentschaft halten und dafür kämpfen. Sicherlich, das Geschlecht sollte nicht ausschlaggebend sein, aber wenn es klischeehaft inszeniert wurde und dann eine solche Wandlung erfährt, ist es eine Nennung wert ^^

    Gefällt 4 Personen

    1. Da hast du verdammt recht! All diese Frauen haben sich ihren jetzigen Platz hart erkämpft – und das ist erstaunlich positiv für so einen Scheißhaufen von Welt, in der Mord und Vergewaltigung auf der täglichen Agenda stehen. Gerade Sansas Rache hat sich da doch sehr gut angefühlt. Zudem musste ich diese eine Szene zwischen Daenerys und Yara Greyjoy anhalten, weil ich auf einmal das dringende Bedürfnis hatte, ein paar High Fives zu verteilen! 😀

      Gefällt 3 Personen

  4. Nun gehöre ich ganz und gar nicht zu jenen, die auch nur IRGENDEINE Idee von „Game of Thrones“ hätten. Dies ist sicherlich ganz entschieden eine Altersfrage. Und folglich befinde ich mich in einem Alter, das dazu führte, dass ich den Einstieg in dieses Thema verpasste. Als jemand, der den neuen Dingen gegenüber durchaus aufgeschlossen ist, zumal IT und alles was dazugehört, ganz Teil meines Lebens war und ist, muss auch ich eingestehen, dass es mittlerweile Dinge gibt, die an mir vorbeigegangen sind bzw. mit denen ich nichts anfangen kann. Dies soll nicht heißen, dass ich nicht könnte. Es wäre sicherlich vorstellbar, dass die Faszination durchaus gegeben wäre, WENN …. ja wenn ich mir die Zeit nähme, mich damit zu befassen.
    Doch mittlerweile sind meine Zeit- und sonstigen Mittel beschränkt, so dass ich mich zwangsläufig auf das konzentriere, was (für mich) Sinn macht.
    Und so hat jede Generation sein „Game of Thrones“, und jedes „Game of Thrones“ hat seine Daseinsberechtigung. Ebenso wie eine ganz selbstverständliche Daseinsberechtigung hat, dass ein jedes Alter für sich entscheidet, womit es sich beschäftigen kann und will.
    …. nur mal so eine Sichtweise, die mir beim Lesen des Beitrags in den Sinn kam……

    Gefällt 1 Person

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