Big Trouble in Little China

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Rückblick: Kung Fu-Actionkomödie von John Carpenter.

Es ist schon fast absurd, wie wegweisend und seiner Zeit voraus Regisseur/Autor/Musiker John Carpenter zum Höhepunkt seiner Karriere war. Er hat gewissermaßen eigenhändig das moderne Slasher-Genre erfunden (Halloween), den Horrorfilm perfektioniert (The Fog, The Thing) und einen Grundstein ins Fundament des 80ies-Actioners gelegt (Escape From New York). Das Fantasy-Buddy-Abenteuer Big Trouble in Little China ist gerade 30 Jahre alt geworden – und trotzdem hat dieser geradezu kriminell unterschätzte Beitrag Carpenters zum Comedy-Genre kein bisschen Staub angesetzt. Das hat zu großen Teilen damit zu tun, dass er die noch immer nicht übertroffene Vorlage für all die Rush Hours dieser Welt ist – und zum anderen damit, dass er auf so clevere und rasend komische Weise mit den langweiligen Konventionen spielt, die heutige Actionfilme noch immer plagen und austauschbar machen. Obwohl der Streifen sich durch diese spaßige Kombination eigentlich einen festen Platz unter der Brockhaus-Definition von „zeitlos“ verdient hat, steht in naher Zukunft ein Remake mit Dwayne The Rock Johnson an – was mich zu dem Schluss führt, dass nix mehr heilig ist, wir allein in der Leere des Kosmos sind und mit hohem Tempo auf das Ende aller Dinge zu rasen. Angesichts des Jubiläums und unseres anstehenden Untergangs möchte ich mal einen näheren Blick auf diese Sause von Film werfen.

Der in seiner Maskulinität sehr von sich selbst begeisterte Trucker Jack Burton (mein Totemtier: Kurt Russell) willigt nach einer Wette mit seinem Kunden und Glücksspiel-Kumpel Wang Chi (Dennis Dun) ein, dessen Verlobte vom Flughafen abzuholen. Doch sie wird vor beider Augen von einer Straßengang geraubt, Jacks Truck wird gestohlen – und nur wenige Minuten später steckt er knietief in einer Schlacht zwischen chinesischen Schwarzmagiern, haarigen Monstern und fliegenden Kung Fu-Meistern, die aus dem alten Asien mitten ins Chinatown von San Francisco verlagert wurde. Der große Spaß daran ist, dass Jack angesichts dieser sehr schnellen und befremdlichen Entwicklungen und teilweise völlig absurden Begegnungen mindestens genau so verwirrt ist wie der Zuschauer, sich aber aufgrund seiner sorgfältig konstruierten Macho-Fassade nichts anmerken lassen darf. Auch als der zweitausend Jahre alte Hexenmeister Lo Pan ihm erläutert, dass er die gestohlene Frau für die Fleischwerdung des ihm innewohnenden Dämons benötigt, sieht man, wie es in Jacks Köpfchen rattert, damit er all diese Eindrücke irgendwie verarbeitet bekommt. Natürlich gipfelt all das in einem epischen Finale voller Magie, Martial Arts und Slapstick.

I’m a reasonable guy. But I’ve just experienced some very unreasonable things.

Obwohl der Film sein Drehbuch-Leben als Western begann und viele Überarbeitungen und Autoren durchmachte, ist das Ergebnis ein dicht gewobenes Netz aus temporeicher Action und kleinen und großen Gags, von denen manche so schnell oder subtil über den Kopf des Zuschauers hinwegfliegen, dass man bei jedem Anschauen irgendwas Neues entdeckt – sei es eine hypermaskuline Kampfansage von Jack, die seine offensichtliche Unsicherheit nur wenig und ungeschickt verdeckt, eine nonchalante und kaum hilfreiche Erklärung des Übernatürlichen vom hutzeligen Tourie-Busfahrer/Zauberer Egg Shen oder das glorreich überhöhte Overacting von Lo Pan und seinen Halbgott-Schergen. Während moderne Michael Bay-Blockbuster mehr als zwei Stunden uninspiriert dahindümpeln und einfach eine große Menge Schüsse und Explosionen auf die Leinwand werfen, um irgendwie Zeit zu schinden, startet Big Trouble in Little China bei einer soliden 8 auf der Awesome-Skala und eskaliert von da aus einfach immer weiter nach oben. Jede einzelne Szene strotzt nur so vor humorvollem Charme, toll choreografierten Kämpfen oder liebevoll handgemachten Spezialeffekten, Bühnenbildern und Monstern.

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Der Clou an der Story ist ein erzählerischer Kniff, der diesen Film um einiges cleverer macht als all die flachen Kopien: Der muskelbepackte weiße Actionstar mit dem breiten Kinn, der im Zentrum des Plakats steht und im Verlauf des Films immer wieder mit lässigen Sprüchen auf dicke Hose macht, ist eigentlich ein strunzdummer, unfähiger Außenseiter. Er agiert zwar als Publikumsvertreter, der gemeinsam mit dem Zuschauer in exotische und übernatürliche Welten geworfen wird und von diesen ebenso verwirrt und überfordert ist, bringt die Handlung (bis auf eine wichtige Ausnahme) aber in keiner Weise voran, macht sich nie wirklich nützlich und setzt sich in den entscheidenden Action-Szenen in der Regel selbst außer Gefecht. Wie John Carpenter und Kurt Russell es im DVD-Kommentar erläutern, handelt es sich bei ihm um einen Typen, der sich selbst für den coolen Action-Helden hält, aber eigentlich der drollige Sidekick-Tölpel ist. Der eigentliche Held ist Wang Chi – der nette Restaurantbesitzer, der aus irgendeinem Grund auch irre gut in Kung Fu ist. Er bringt Jack eigentlich mehr als Kumpel und moralische Unterstützung mit ins Gefecht, bleibt aber trotz dessen Inkompetenz stets bescheiden, motiviert und freundlich. Diese Dynamik macht beide Charaktere auch ohne künstlich konstruierten Konflikt zu einem wahnsinnig sympathischen Duo.

Wahrscheinlich ist es diese herzliche Positivität, die Big Trouble in Little China zu so einem tollen Film macht, der seinen Nachahmern noch immer meilenweit voraus ist. Während die nämlich ihre exotischen Settings für einen Haufen billiger und grenzwertiger Witzchen verwursten, behandelt Big Trouble in Little China die Geschichte und Mythologie im Zentrum mit einer überraschenden Menge an Respekt. So ist nicht nur der eigentliche Held der Erzählung der Migrantensohn – der Film endet sogar mit einem süßen Kommentar über den Konflikt von Leben und Kultur als Immigrant:

China is in the heart, Jack.
Wherever I go, she goes with me.

 

Die Qualität des Films mag auch an der detailverliebten Leidenschaft liegen, mit der sich Carpenter um all seine Projekte kümmert: Hier steuerte er nicht nur sein Taschengeld, Regie, Casting und große Teile des Scripts, sondern auch den Soundtrack bei – er singt und spielt sogar gemeinsam mit seinen Arbeitskollegen auf dem Titelsong. Obwohl der Film von Zuschauern und Kritikern gefeiert wurde, floppte er ganz furchtbar an den Kinokassen. Glücklicherweise wurde ihm im ein zweites Leben als Kult-Klassiker geschenkt, auch wenn er gerade in Deutschland eigentlich nur Actionfilm-Kennern wirklich ein Begriff ist. Dennoch ist der Einfluss auf moderne Haudrauf-Komödien noch immer deutlich spürbar. Wer Bock auf einen spaßigen Filmabend mit Freunden hat und diesen Streifen entweder noch nie oder eine Weile nicht mehr gesehen hat, kann und sollte beherzt zugreifen.

 

 


Big Trouble in Little China kann man bei Netflix sehen. Wer lieber eine DVD oder Blu-Ray in der Hand haben will, wird auf Amazon fündig:

Big Trouble in Little China

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9 Gedanken zu “Big Trouble in Little China

  1. Es ist alles eine Frage der Reflexe. Mein Standardspruch bis heute (wobei ich ohnehin mitsprechen kann, weil ich ihn so oft gesehen habe) :))
    Ich kann mich erinnern, dass man seinerzeit Carpenter vorhielt zu mainstreamig zu werden, aber ich mochte den Film trotzdem von Anfang an. Gut, für einen Carpenter war er schon etwas klamaukig, aber ich gebe Dir recht, er war ein Vorreiter für diverse Actionkomödien. Hatte ich bislang nie so gesehen.

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  2. So. Ich habe ihn mir wieder angesehen und wie gedacht: meine Frau findet ihn ohne Zusammenhang und mein Sohn übertrieben.
    Ich finde ihn immer noch witzig. Habe ihn damals im Kino gesehen.
    Aber ich habe eine Frage.
    Ich meine mich an eine Szene zu erinnern, in der er vor dem Gang nach Lo Pan zu einem chinesischen Orakel geht, hinter einer Pergamentwand. Und nach dem Hinweis des Orakel schaut er dahinter und sieht eine Frau mit Schlangenkörper und Schlangenzunge.
    Stimmt dass, oder vermische ich 2 Filme miteinander ?

    Gefällt 2 Personen

    1. Hey, danke dir für deine kleine Story zu diesem Film. Deine Frau und dein Sohn haben vollkommen recht: Die Handlung ist sehr übersteigert und wirr, aber das ist ja der halbe Spaß – der Zuschauer ist der völlig überforderte Kurt Russel! 🙂

      Ich habe keinerlei Erinnerung an die von dir beschriebene Szene, weshalb ich denke, dass sie wohl aus einem anderen Kung Fu-Streifen stammen muss. Da ich von dem Genre aber herzlich wenig Ahnung habe, kann ich dir da leider keinen Tipp geben. Wenn ein geneigter Leser drauf kommt, freu ich mich über ne Antwort.

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      1. Bäm! Habt Dank für eure schnelle und weise Antwort, Lady Ward!

        Fun Fact: Das Goldene Kind kam im gleichen Sommer wie Big Trouble raus. Das ähnliche „Moderner Amerikaner trifft auf Chinesische Zauberei“-Thema war ein wesentlicher Grund dafür, warum Big Trouble gegen Eddie Murphy floppte. 🙂

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  3. Perfekt, du sprichst mir mit dem Kommentar aus der Seele. Es ist leider schon Jahre her, dass ich den Film zuletzt sah – damals habe ich ihn aber bei jeder Wiederholung im Fernsehen angemacht. Jetzt sitzt er immer noch in meiner Netflix-Liste und brüllt mir zu „du hast mich schon gesehen, aber bei mir weisst du wenigstens dass ich gut bin!“

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