The Witcher 3: Wild Hunt

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Open World-Märchensammlung für PC, PS4 und Xbox One von CD Projekt RED.

Vor kurzem ist der finale Blood and Wine-DLC für The Witcher 3 erschienen – Grund genug für mich, dieses großartige Spiel nochmal auszupacken. Es kann nicht oft genug wiederholt werden, wie beeindruckend es ist, dass eine unabhängige polnische Produktionsfirma durch eine riesige Menge Herzblut – und vermutlich mehrere Jahre an unbezahlten Überstunden – einen Titel auf die Beine gestellt hat, der selbst die größten Triple-A-Studios wie schlampige Amateure aussehen lässt. Wer bislang einen Bogen um dieses Spiel gemacht hat, weil das Werbematerial den Protagonisten wie regungslosen Actionheld Nummer 184 aussehen ließ oder weil die Zahl im Titel wie eine abschreckende Warnung aussah, schuldet es sich selbst, diese überraschend charakterstarke, liebevoll gestaltete und toll geschriebene Kurzgeschichtensammlung einmal näher anzuschauen.

Während die Elder Scrolls und Dragon Ages dieser Welt ganz klar als Machtfantasien für einen völlig austauschbaren, weil frei gestaltbaren Protagonisten ausgelegt sind, hat die Witcher-Reihe den Mut, dem Spieler einen bereits vollständig ausgearbeiteten und nur bedingt heroischen Charakter an die Hand zu geben. Der Hexer Geralt wurde in seinen vergangenen Videospiel-Abenteuern und den Büchern von Andrzej Sapkowski, auf denen diese basieren, bereits zur Genüge charakterisiert: Er ist ein schroffer, aber sentimental gutherziger Monsterjäger, der sich mit seiner mal sehr direkten, mal allzu sarkastischen Art nie besonders viele Freunde unter dem gemeinen Volk macht.

Das braucht er auch eigentlich nicht, da er aufgrund seines unheimlichen Aussehens und dem Ruf seiner Zunft ohnehin nie gern gesehener Gast ist – stattdessen rastet er lieber unter offenem Himmel und begibt sich nur dann unter Leute, wenn diese Aufträge für ihn haben. Aber die Bezahlung ist mies und die Wartung seiner Ausrüstung teuer, weshalb er chronisch pleite und trotz seiner Fähigkeiten eigentlich nur ein glorifizierter Landstreicher ist. Dies ist ein großartig umgesetztes Beispiel von Spielmechanik als Charakterisierung. In Kombination mit der trostlosen, aber wunderschönen Spielwelt, die wohl am ehesten mit den entzauberten Ruinen von George R. R. Martins Westeros verwandt ist, ergibt sich so eine süchtig machende Grundstimmung aus Melancholie und Wanderlust, die einen für viele Stunden am Stück alles andere vergessen lässt.

Trotz der verträumt schönen, unvorstellbar riesigen und bis zum Rand mit Gefahren und Abenteuern gefüllten Welt gibt dieses Spiel einem nämlich die Zeit und die Autorität, die breite Palette an Angeboten auf eigene Faust und im eigenen Tempo zu erkunden. Wer direkt und unkompliziert Jagd auf Monster machen will, braucht einfach nur ein kurzes Stück in den nächsten Wald hineinmarschieren oder einen Auftrag vom örtlichen Anschlagbrett einzusammeln. Andererseits kann man sich auch Hals über Kopf in der lebendigen Spielwelt und ihren faszinierenden Charakteren verlieren: The Witcher 3 bietet nicht nur hinreißend schöne Naturlandschaften, sondern auch ein paar der größten und detailliertesten Städte der Videospielgeschichte. Wenn man erst einmal Novigrad oder Beauclair erreicht hat, ist es gut möglich, dort tagelang Abenteuer zu erleben, ohne ein einziges Mal ein Schwert ziehen zu müssen.

 

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Was bei der ganzen Berichterstattung voller Superlative rund um die Größe und Länge dieses Spiels irgendwie untergeht, ist die Tatsache, dass es wirklich gut geschrieben ist. Am eindrücklichsten beweist dies wohl die Storyline rund um den Blutigen Baron, welche sich in der ersten Hälfte auf eine ganze Reihe von Arten entfalten kann. Der Clou daran ist, dass es in dieser Geschichte keine Helden und Schurken gibt – nur fehlbare, verletzliche und reuevolle Menschen. Egal, wie die Geschichte ausgeht: Jemand, der es eigentlich nicht verdient hat, muss leiden oder sogar mit seinem Leben büßen. An anderer Stelle treffen wir die Zauberin Triss, einst die Geliebte unseres Helden, wieder. Nachdem wir ihr geholfen haben, verabschiedet sie sich von uns. In wenigen Sekunden müssen wir uns für eine Antwort entscheiden – und rufen ihr ein hastig angeklicktes „Lass es uns noch einmal versuchen!“ hinterher. Darauf dreht sie sich um und schüttelt mit einem traurigen Lächeln den Kopf: Für einen ‚Versuch‘ ist sie sich zu schade. Und auf einmal fällt der Groschen, dass man nur selten eine so menschliche Reaktion von einem Videospiel-Charakter sieht.

Apropos trauriges Lächeln und menschliche Reaktionen: Ich achte selten auf technische Aspekte wie die Animationen der Charaktere, aber dieses Spiel hat ein so beeindruckendes Repertoire an detaillierter Mimik und nahtlosen Bewegungsabläufen, dass man schon nach wenigen Augenblicken vergisst, dass man hier keinen echten Schauspielern bei der Arbeit zusieht. Geralt lehnt mal lässig gegen eine Wand, verdreht genervt die Augen oder geht in die Knie, um Kindern auf respektvoller Augenhöhe zu begegnen. Im Gesicht des Gegenübers liest er Trauer, Furcht oder Unsicherheit – diese Detailverliebtheit wäre schon irre, wenn es sich um einen animierten Kurzfilm handeln würde. Doch die Tatsache, dass dies in vielen dutzend Stunden an Dialogen noch immer organisch und lebensecht wirkt, verschlägt mir vor Respekt die Sprache.

Dann wäre da noch die Musik: Die war schon in den vergangenen Teilen gut, aber das hier ist einer der besten Videospiel-Soundtracks aller Zeiten. Während der Rest dieser Konsolen-Generation auf überproduzierten, aber identitätslosen Orchestral-Matsch setzt, wird hier der martialische, aber auch anmutig schöne Charakter der Spielwelt durch eine geniale Verbindung aus der handgemachten, frühmittelalterlichen Folklore der polnischen Band Perzival mit einer ordentlichen Portion Wumms aus der Kriegstrommeln-für-Filmtrailer-Kiste eingefangen. Auch die atmosphärischen Stücke strahlen eine so wundervoll entspannte Melancholie aus, dass es einem leicht fällt, sich in der Spielwelt zu verlieren.

 

 

Die größte Stärke von Witcher 3 ist jedoch das Quest-Design. CD Projekt RED hätten diese Reihe leicht als Monstermord-Simulatoren konzipieren können, doch bieten stattdessen eine Sammlung toll geschriebener und stets überraschender Kurzgeschichten in einer lebendigen Märchenwelt an: Unser Hexer muss mal ein magisches Ritual recherchieren und dann ausführen, mal seinen Text für ein Theaterstück lernen, bei einem Kartenspiel-Turnier gewinnen oder einfach mit seinen besoffenen Kumpels um die Häuser ziehen. Nachdem die grundlegende Formel von Auftrag, Feilschen, Detektivarbeit und finalem Konflikt etabliert ist, bietet jede Aufgabe im Questlog einen kleinen Twist, sei es eine überraschende Prise Humor, ein liebevolles Worldbuilding-Detail oder eine dramatische Wendung. Die stets im Hintergrund mahnende Hauptquest, welche von Geralts Suche nach seiner Ziehtochter Ciri erzählt, bildet da keine Ausnahme. Sie führt als roter Faden durch alle Bereiche des Spiels und bietet für sich allein schon mehr Content als ganze Videospiel-Reihen, die es momentan so zu kaufen gibt. Was mich an dieser Geschichte am meisten beeindruckt, ist die Tatsache, dass Geralt eigentlich nur eine Nebenfigur in Ciris Geschichte ist: Sie ist der Superheld wider willen, das Kind der Prophezeihung – doch erst durch Geralt bekommen wir überhaupt eine Perspektive darauf, was hier eigentlich auf dem Spiel steht. Und auch als die Handlung zu apokalyptischen Maßstäben eskaliert, bleibt diese menschliche Perspektive der entscheidende Anker der Erzählung.

Während man im neuesten Fallout bereits nach einer halben Stunde in einer Energierüstung mit einer Minigun auf Godzillas schießt und in Skyrim keine Minute nach der Charaktererschaffung von einem Götterdrachen gejagt wird (beides gute Verkaufsargumente zu Beginn eines Let’s Play auf Youtube), braut sich Geralt auch nach fünfzig Stunden noch unter offenem Himmel einen Schnaps, bevor er sich mit Wölfen und Bären prügelt. Vielleicht treibt er irgendwo einen Geist aus, vielleicht hilft er aber auch nur einer alten Dame, ihre gestohlenen Hühner zu finden. Wenn er dann den Auftrag erhält, sich mit einem Riesen oder Drachen anzulegen, ist das ein großes Ding, auf das er sich sorgfältig durch das Kochen von Tränken und Auftragen von Ölen vorbereiten muss. So baut der Spieler eine persönliche Bindung zu diesem Mann und der Welt um ihn herum auf, die so viel intensiver ist, als es der zwölfte zufällige Kampf gegen einen artig mitlevelnden Drachen über Himmelsrand je sein könnte. Dies ist ein lebendiges, interaktives Geschichtenbuch voller Charme, Witz und menschlicher Tragik, das momentan völlig außer Konkurrenz steht. Mich graust es jetzt schon davor, dass ich irgendwann den letzten Winkel dieser Welt erforscht haben werde…

 

 


The Witcher 3 gibts für PC, PS4 und Xbox One auf Amazon zu kaufen:

The Witcher 3: Wild Hunt

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2 Gedanken zu “The Witcher 3: Wild Hunt

  1. Für mich ist The Witcher 3 noch besser als Skyrim. Seit Gothic und Mass Effect habe ich mich nicht mehr so in die Welt eines Spiels vertieft wie in die von The Witcher. Das Spiel ist einfach nur perfekt und wurde nie langweilig. Schon alleine das Minispiel Gwint macht süchtig ohne Ende 🙂 The Witcher 3 lässt wirklich alle Spiele der großen Entwicklerstudios verblassen und das beste an dem Spiel: Es kam fertig auf den Markt! Der neu erschienen DLC ist nicht notwendig, um das Spiel abzurunden. Er ist mehr die Sahnehaube auf einen einwandfreien handgemachten Game.

    PS: Die Sache das Geralt quasi nur der Nebencharakter der Story ist finde ich auch eine gelungene Eigenschaft des Spiels. Erinnert mich immer an Gothic…da war der Held auch nur irgendein Typ und kein auserwählter Halbgott, was ihn umso sympatischer machte.

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  2. Toll geschriebenes Review, sehr persönlich und trotzdem alles widerspiegelnd, was auch mir zu dem Game durch den Kopf, durch Mark und Bein geht.
    Ich bin jetzt gute 350h im Spiel, zweiter Durchgang auf NG+, und es reißt immer noch mit. Ich liebe es und wünsche CDPR auch mit ihren nächsten Titeln einen ebensolchen Erfolg. Und damit der Abschied vom Hexer nicht allzu schwer fällt, stürze ich mich demnächst gleich auf das Standalone-Kartenspiel Gwent. Wird gut 🙂

    Gefällt 1 Person

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