Mad Max: Fury Road

madmax

Endzeit-Chronik von George Miller.

Der im vergangenen Jahr erschienene Mad Max: Fury Road ist einer der seltenen Fälle, in denen der Schöpfer eines Genres nach Jahrzehnten ein Sequel dreht, welches nicht nur besagtes Genre neu definiert, sondern eben mal so auch die Originale in den Schatten stellt. Dabei war es nicht die simple Story oder die halsbrecherische Action, sondern vor allem das vor Kreativität und Detailverliebtheit nur so strotzende Welten- und Produktionsdesign, welches die Anerkennung des Publikums und die Würdigung durch zahlreiche Oscars sicherte. Autor und Regisseur George Miller hat über viele Jahre hinweg Ideen, Konzeptzeichnungen und Hintergrundgeschichten gesammelt, die nur am Rande oder in kurzen Andeutungen im finalen Film auftauchen – das Ergebnis ist eine postapokalyptische Märchenwelt, die sich bewohnt und real anfühlt, mit eigener Kultur und Geschichte. Die Figuren sind Produkte dieser Welt, gezeichnet und geformt durch sie. Da durch die Reduktion dieser Welt auf eine Laufzeit von zwei Stunden zwangsläufig eine Menge Material in den Konzeptbüchern blieb, entschloss sich George Miller, die Hintergrundgeschichten in einer Reihe von Comic-Kurzgeschichten zu erzählen.

Damit steht auch der Aufhänger für diese Geschichten: Sie sind eigentlich überflüssig für den Genuss des Films und richten sich stattdessen an jene, die sich in die Welt von Fury Road verliebt haben und dort noch eine Weile forschen und erkunden wollen. Die Geschichten stammen direkt aus den Filmkonzepten von George Miller und wurden vom Co-Autor des Films, Nico Lathouris, und dem Storyboard-Artist Mark Sexton für diese Miniserie in Kooperation mit diversen Zeichnern ausgearbeitet. Der Fingerabdruck des Film-Teams ist dabei deutlich zu spüren: Die interne Logik des verheerten Wüstenlandes bleibt in all seiner kuriosen und originellen Vielfalt erhalten und wird hier wunderbar aufgegriffen. Eingerahmt werden die vier Einzelgeschichten von einem Geschichtenerzähler der Zitadelle, der die Bruchstücke vergangener Zivilisation als Mahnmal sammelt und ihre Philosophien und Helden auf dem eigenen Fleisch trägt.

madmax2

 

Seine erste Geschichte erzählt vom jungen Warboy Nux, der die Protagonisten auf der Fury Road begleiten wird. Diese kurze Anekdote dient aber eher als Einleitung für die Biographie von Immortan Joe, der als postapokalyptischer Warlord marodierende Banden von Schlächtern und Grabräubern vereint, um schließlich die Zitadelle zu erobern. Dabei erfahren wir, wie er vom Kriegsveteranen durch eine mythische Wiederauferstehung nach drei Tagen (Zwinker, zwinker, Christus-Symbolik) zum messianischen Herrscher des Ödlandes wird – und bekommen gleichzeitig erklärt, wie er zum Titel ‚Immortan‘ kam. Zugleich bietet diese Geschichte einen tollen Einblick in die harte Brutalität des Mad Max-Universums, in dem sich nur die Starken und Wahnsinnigen behaupten können.

Die zweite Geschichte handelt von Imperator Furiosa, der Kriegsherrin Joes. Hier wird die unmittelbare Vorgeschichte des Films – Furiosas Treffen mit Immortan Joes ‚Zuchtbräuten‘ und ihre Entscheidung, sie zu befreien – erzählt. Wir erhalten einen tieferen Einblick in das Leben der Frauen auf der Zitadelle, der jedoch leider ein wenig von der problematischen Charakterisierung der Bräute verdorben wird: Trotz der ihnen frei zur Verfügung gestellten Bildung gehen sie recht dümmlich-verklärt mit ihrer Gefangenschaft und ihrem Lebenszweck als Vergewaltigungsopfer um. Das ist sehr schade, da die Frauen im Film deutlich besser geschrieben sind – und da diese Geschichte die deutlich hübschesten und charakterstarksten Illustrationen zu bieten hat. Das diese Anekdote harter Tobak ist, sollte jedem vor dem Kauf bewusst sein.

 

madmax3

 

Die dritte Geschichte überbrückt in zwei Teilen das Schicksal von Max Rockatansky zwischen der Handlung der letzten drei Mad Max-Filme und dem neuesten Streifen. Dies mag Kennern der Serie reichlich befremdlich scheinen, da die Reihe niemals viel von so etwas wie einem festen Kanon gehalten hat – die Filme formen einzelne Sagen über die Figur des Mad Max, ihr Inhalt und Setting scheint sich zu deutlich zu widersprechen, als dass sie als direkte Fortsetzungen voneinander wahrgenommen werden könnten. Der Comic umschifft dieses Problem, indem es Max‘ Vorgeschichte durch eine skizzenhafte Nachstellung vergangener Filmszenen nacherzählt – ja, sogar Tina Turner ist vertreten. Dabei kann man Max förmlich dabei zusehen, wie er sich langsam von Mel Gibson zu Tom Hardy wandelt. Clever gemacht. Die eigentliche Handlung selbst erzählt von der Rückeroberung seines geliebten V8 und endet mit einer Explosion dramatischer Gewalt. Zudem bekommt der Leser erklärt, was es mit dem Mädchen auf sich hat, welches in den posttraumatischen Stress-Anfällen von Max in Fury Road zu sehen ist.

Abgerundet wird der Sammelband von einer kurzen Bonus-Geschichte, der die Origin Story von Immortans War Rig und den anderen Fahrzeugen seines Kriegszuges erzählt. Das mag unnötig klingen, unterstreicht aber in kurzweiligen und ganz schön verdreht-verstörenden Anekdoten, dass die Autos selbst durchaus eigenständige Charaktere in diesen Filmen sind.

Am Ende des Bandes gibt uns der Erzähler der Wortburger die Moral mit auf den Weg, dass jene, die nicht aus der Geschichte lernen, dazu verdammt sind, diese zu wiederholen. Diese reichlich abgedroschene Weisheit führt einem vor Augen, wie tief die barbarische Welt der Mad Max-Filme im menschlichen Streben nach Macht verankert ist, das unweigerlich in grässlicher Gewalt ausartet. Diese Welt ist barbarisch und geistesgestört – und doch verbringt man gerne noch etwas Zeit dort, eben weil ihre verdrehten Ausgeburten so liebevoll von ihrem Vater gestaltet wurden.

 

 

 


Den Comic gibt es für wenig Geld auf Amazon zu erstehen:

Mad Max: Fury Road (Deutsch)
Mad Max: Fury Road (Englisch)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Mad Max: Fury Road

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s