Mr. Robot

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Psychothriller (mit Hackern drin) von Sam Esmail.

Aus dem bodenlosen Fass voller Serien, die deine Freunde oder Internet-Communities dir empfehlen, für die du dir aber wegen des nicht besonders vielversprechend klingenden Klappentextes keine Zeit genommen hast, kommt auch Mr. Robot gekrochen – kein niedlicher Spielzeug-Roboter, sondern ein zeitkritischer Thriller über einen emotional verarmten und geistig zerrissenen Superhacker. Und so belanglos dieser Klappentext auch klingen mag, vielleicht solltest du Mr. Robot aufgrund seines packenden Arsenals an filmischen und erzählerischen Kniffen doch eine Chance in deinem Abendprogramm geben. Aber was habe ich dir schon zu sagen? Schließlich habe ich dich nur erfunden. Ich habe dich erfunden, um gegen das unbequeme Gefühl anzukämpfen, dass meine hastig getippten Produktrezensionen (wie wir beide wissen, lediglich hohle Akte der Selbstdarstellung) nicht einfach bedeutungslos in der Fülle aus Signalen in den sozialen Netzwerken untergehen. Lass uns also so tun, als ob. Mir zuliebe.

In Mr. Robot spielt der phänomenale Rami Malek (Filmfreunde kennen ihn aus Meisterwerken wie Nachts im Museum oder Twilight: Teil 4: Teil 2, Videospieler aus Until Dawn) den Hacker Elliot, der tagsüber seine Brötchen als Sicherheits-Programmierer verdient. Nachts nutzt er jedoch seine Fähigkeiten, um die Ungerechtigkeit des Systems durch gezielte Hacks gegen die ganz großen Fische auszugleichen. Sein neuestes Opfer auf diesem Kreuzzug ist dabei niemand geringeres als der de facto-Herrscher der freien Welt, das Business-Konglomerat E(vil)-Corp. Sein größter Hack soll das Bankensystem irreparabel in die Knie zwingen und die Macht wieder in die Hände des kleinen Mannes legen. Kurz: Elliot will die Welt vor dem Bösen retten. Das Problem: Elliot hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.

In der Bahn und auf den Straßen sieht er die Männer in Schwarz, die ihn beschatten. Seine Kollegen und Vorgesetzten verschwören sich hinter seinem Rücken gegen ihn – doch er kennt jedes ihrer finstersten Geheimnisse, weil die blöden Schafe heute überall im Netz ihre Spuren hinterlassen. Mysteriöse Geheimorganisationen kontaktieren ihn durch gesicherte Netzwerke und hinterlassen Brotkrumen für ihn in den Hack-Angriffen auf seine Schutzbefohlenen (Genial: Christian Slater als der tituläre Mr. Robot, Elliots Mentor/Rivale auf dem Weg zur Revolution). Die Puppenspieler im Anzug, die hinter allem Unrecht in der Welt stecken, wollen ihn für ihre eigenen Zwecke rekrutieren (Ebenso genial: Martin Wallström als das aalglatte Ekel Tyrell Wellick). Aber zwischen seiner klinischen Depression, der nagenden Einsamkeit, dem pompösen Größenwahnsinn und dem heftigen Drogenkonsum ist es schwer zu sagen, ob ich seiner Wahrnehmung der Welt noch trauen kann. Denn in seinen dunkelsten Stunden spricht Elliot mit einer Person, die gar nicht existiert: Er spricht mit mir.

 

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An diesem Punkt wird Mr. Robot mehr als ein spannender Hacker-Thriller im ganz großen Maßstab: Die Serie ist eine Charakterstudie, die unbequem tief in der geborstenen Psyche eines geisteskranken Genies auf dem Trip seines Lebens herumstochert. Zuerst war er mir reichlich unsympathisch: Zu selbstgefällig und pathetisch waren seine inneren Monologe, die er mit mir teilte, zu gezwungen und aufgesetzt die Persona des gefühlskalten Superhirns. Doch schon nach wenigen Episoden dämmerte mir langsam, warum er ausgerechnet mit mir sprach: Auch ich gefalle mir heimlich selbst ein wenig zu sehr in all den Dingen, die ich tue. Auch ich denke mir manchmal im Stillen, dass ich nicht genug Anerkennung für mein Können bekomme. Auch ich rümpfe manchmal innerlich die Nase, wenn ich durch die belanglosen Updates meiner Facebook-Freunde scrolle. Freilich würde ich solche Dinge niemals offen zugeben. Aber am Ende des Tages starre auch ich viel zu lang auf einen Monitor, statt da draußen richtig zu leben. Genau wie Elliot. Genau wie du.

Also ist Mr. Robot auch eine Zeitkritik, die sich viel mit der paranoid-überbelichteten Realität einer Gesellschaft auseinandersetzt, in der die Menschen ihre Identität in der Anonymität der Großstädte und des Internets verlieren und durch eine Maske ersetzen, die sie mithilfe von sozialen Netzwerken und gezielter Selbstdarstellung konstruieren. Das wohl treffendste Symbol hierfür ist die buchstäbliche Maske der Hacker-Revolutionäre von Fsociety, die nicht von ungefähr an die Guy Fawkes-Fratze von Anonymous erinnert: Eine Organisation ohne Gesicht oder Agenda, in der jeder oder niemand Mitglied sein könnte. Ein paar Kids, die sich aus der Netzkultur anonymer Imageboards erheben, um Verbrechen ohne Täter im Namen einer völlig willkürlichen, aber hoffentlich guten Sache zu verüben, während die Berichterstattung der Schneckenmedien die Ironie der „Hackergruppe namens Anonymous“ nicht versteht. Die Maske selbst ist ein Remix von einem Remix von einem Film von einem Comic von einem Feiertag von einem Andenken an eine historische Figur, deren eigentliche Ideale im Prozess des Remixens bedeutungslos werden. Ein Meme im Sinne von Richard Dawkins.

Wenn dir das zu abgehoben klingt, kann ich dich damit beruhigen, dass Mr. Robot auch jenseits von Selbstbeleuchtung und Sozialkommentar ein wirklich gut gedrehter Psychothriller mit spannender Cinematographie und intensiver Ästhetik ist. Dabei wird nicht nur freudig mit den Erzählkonventionen gespielt, sondern auch mit der Darstellung des Hackens, dessen Verwurstung in Filmen wie Hackers (1995) oder Passwort: Swordfish (2001) in einer Folge von den Charakteren selbst aufs Korn genommen wird. Hier sind die Betriebssysteme, die Software und die Eingabeaufforderungen so real, wie sie in einer Fernsehserie eben sein können. Dabei geht es eigentlich gar nicht um das Hacken an sich, oder überhaupt um Realismus. Stattdessen erinnert die unter der Oberfläche donnernde Anspannung eher an David Fincher-Filme. Was auch kein Zufall ist. Schließlich geht es hier um Wahnsinn oder Selbstfindung, Horizonterweiterung oder Selbstbetäubung, Realität oder Revolution.

Wenn du also ein wenig spannende Unterhaltung mit etwas mehr Substanz in deinem Leben haben willst, versuch’s ruhig mal mit Mr. Robot. Auch wenn ‚Leben‘ vielleicht ein zu großes Wort ist, schließlich gibt es dich ja gar nicht.

 

 


Mr. Robot gibt es allerdings. Momentan auf Englisch und Deutsch bei Amazon Prime Video oder iTunes.

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6 Gedanken zu “Mr. Robot

  1. Pingback: Kritik: Mr. Robot – Staffel 1 – filmexe

  2. Erst gestern Nacht mit einer Freundin drüber gestolpert und hängen geblieben. Wir wussten die ersten drei Folgen erst gar nicht, was wir damit anfangen sollten. Aber ab einem gewissen Punkt lässt einen der vertrackte Plot nicht mehr los. Rami Maleks irre Ausstrahlung tut ihr Übriges – diesen Mann merkt man sich.

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  3. Ich habe mich durch die erste Staffel gekämpft und mittlerweile wirklich keine Lust mehr, weiter zu sehen. Da es ja schon in den ersten Folgen kein großes Geheimnis ist, Spoiler ich ja nicht, wenn ich auch den Hauptgrund nenne: das Ziel der Hacker, die Banken quasi auf Tabula Rasa zu setzen, ist absolut bescheuert und zeigt, dass leider auch Sam Esmail dem Trugschluss glaubt, dass Geld alles am Laufen hält.

    Wären alle Bankkonten auf Null, würde das vor allem die Mittelschicht am härtesten Treffen. Mr. Robot und sein Team haben es aber auf die Schwerreichen und Einflussreichen abgesehen. Blöd nur, dass die hinterher immer noch ihr Kapital und ihre Beziehungen hätten. Die Serie, so detailverliebt sie den Protagonisten auch darstellen mag, geht nicht im Einsatz auf diese Logiklücke ein, die für mich die ganze Geschichte zerstört.

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    1. Jupp, der Plan ist ziemlich kurzsichtig und stupide. Fight the power, hack the planet und so. Zur Verteidigung von Esmail muss man aber dazu sagen, dass die Kurzsichtigkeit des Plans und die Konsequenzen davon den gesamten Plot der zweiten Staffel bestimmen.

      Wenn dir der Ton und die Charaktere der Serie also ansonsten zusagen und du dich nur an dem Bankentod-Plan aufhängst: Deine Probleme werden in Staffel 2 explizit beantwortet. Deshalb verbleibt auch meine Hoffnung, dass die Autoren wissen, was sie tun – und diese Figuren nicht tatsächlich für unfehlbar und ultracool halten.

      Gefällt 1 Person

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