V for Vendetta

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Memetische Comic-Anarchie von Alan Moore & David Lloyd.

Die Weltpolitik steht in Flammen. Ich meine jetzt, in diesem Moment, da draußen, aber eben auch in diesem Comic-Band, der mir heute durch Zufall wieder in die Hände fiel. Und doch wirkte die Geschichte beim Durchblättern auf einmal befremdlich fern – aus einer anderen Ära eben. In den 80ern warnte Moore vor den faschistischen Tendenzen des Großbritanniens der Thatcher-Ära und machte zivilen Ungehorsam zu seinem Superhelden. 2005 verfilmten die Wachowskis das Material – sehr zum Zähneknirschen seines Autors – zu einer Kritik des Hurra-Patriotismus der Bush-Ära. Beiden Inkarnationen des Stoffes ist gemein, dass sie die nationalistischen Narrativen eines Überwachungsstaates angreifen, der seine Bürger durch Angst und eine Gleichschaltung der Medien unterdrückt. Aber warum fühlt sich das alles 10 Jahre später so merkwürdig an – nun, da die amerikanischen Präsidentschaftswahlen über Twitter ausgefochten werden, babyblaue Plakate Berlin schmücken und deine Facebook-Freunde anderer Leute Verschwörungstheorien teilen?

Der Held von V wie Vendetta ist der exzentrische Superhelden-Anarchist V, der sein Gesicht für die Gesamtheit des Bandes hinter einer Guy Fawkes-Maske verbirgt – eine historische Persönlichkeit, mit der ihn vor allem sein Ziel verbindet, das englische Parlamentsgebäude in die Luft zu jagen. Im Gegensatz zu Guy Fawkes gelingt ihm das innerhalb der ersten paar Seiten auch. Grund für diese drastische Entscheidung ist seine Abrechnung mit der faschistischen Norsefire-Partei, die nach dem Ausbruch eines weltweiten Nuklearkrieges Großbritannien in eine totalitäres Regime verwandelt und Fremdrassige, sexuelle Abweichler, Sozialisten und Intellektuelle in Konzentrationslager verfrachtet hat – so auch V selbst, der der einzige Überlebende schrecklicher Folter und medizinischer Experimente ist.

Auf seinem Rachefeldzug rettet er das junge Mädchen Evey vor der Vergewaltigung durch die Staatspolizisten und führt sie in seine Anarchisten-Batcave, die gleichzeitig als Museum für die entartete Kunst fungiert, die längst verboten und verbrannt wurde. Dort wird sie zu seiner Gehilfin und lernt nach und nach seine Geheimnisse kennen – so auch die viel zitierte Weisheit, dass Ideen kugelsicher sind. V ist keine Person im eigentlichen Sinne, sondern ein Gedanke, dessen Zeit gekommen ist. Da ist es kein Wunder, dass sich der Band stellenweise wie ein politischer Kampfruf zum Ungehorsam gegen die Obrigkeit liest.

Dabei spielen Autor Alan Moore und Zeichner David Lloyd viel mit Sprache, Ideologie, Symbolen und historischen Bilderwelten. Visuelle Konzepte wie die Arbeit mit verfremdeten Farbpaletten und die 9-Panel-Struktur, die Moore später in Watchmen perfektionieren wird, machen auch diesen Band zu einer düsteren Achterbahnfahrt.

 

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V ist die Antithese zum Regime, welches er zu vernichten gedenkt. Er ist kein Muskelmann, sondern ein scharfsinniger, kultivierter Idealist, der in geradezu lächerlich theatralischen Monologen (manchmal nur zu sich selbst) seinen Standpunkt predigt: Freiheit über alles. Die Freiheit des Einzelnen, zu leben, zu lieben und zu entscheiden, wie es ihm beliebt. Dass er als Terrorist für diese Freiheit die Infrastruktur seiner Heimat sprengt, ist für Alan Moores persönliche Machtfantasie nur konsequent, muss dem heutigen Leser aber zwangsweise ein wenig sauer aufstoßen. Doch der blutrünstige Feingeist ist nunmal eine Gestalt der Gegensätze, was ihn gerade so interessant macht. So verkörpert er nicht nur die völlige Identitätsaufgabe für seine Sache, sondern predigt auch Individualität:

Everybody is special. Everybody. Everybody is a hero, a lover, a fool, a villain. Everybody… Everybody has their own story to tell.

Wer nur die Verfilmung kennt, der hat viel von der fein nuancierten Charakterisierung der Vorlage verpasst: V ist nicht der obercoole unfehlbare Badass, zu dem Hugo Weaving ihn erhebt, sondern hat durchaus seine menschlichen Schwächen: Er ist rachsüchtig, sadistisch und mehr als ein klein wenig wahnsinnig. Die Gehirnwäsche und Instrumentalisierung von Evey wird gerade dadurch, dass sie im Comic gerade erst 16 Jahre alt ist, mehr als fragwürdig. Umgekehrt ist der Diktator des Regimes nicht das Monster Adam Sutler (die Wachowskis werden in diesem Leben wohl keinen Preis für subtiles Screenwriting gewinnen), sondern der von Ängsten und Schwächen zerrissene Adam Susan, der sich in den Supercomputer verliebt hat, der sein Reich steuert.

V for Vendetta ist ein Barometer dafür, wie schnell die Welt sich verwandelt hat. Im Zeitalter von Smartphones und Social Media scheinen die Ängste, dass wir die Lügen des Staates nicht durchschauen und die Stimme des Widerstandskämpfers ungehört verhallt, ganz weit entfernt. Heute ist die durch die Verfilmung popularisierte Guy Fawkes-Maske ein Symbol für freie Information. Die Frage ist, was wir, das freie Volk mit dem Zugang zu allem Wissen dieser Welt, aus dieser kaleidoskopischen Menge an Signalen und Narrativen machen.

Wie im pathetischen Finale des Films von vor 10 Jahren rennen die Leute in Amerika, in Großbritannien und in Deutschland heute wieder auf die Straße, um ihrem Unmut über die Lügen und Weltanschauungen der Medien und Politiker mit Taten Luft zu machen. Heute protestieren sie jedoch nicht gegen eine Regierung, die die Grenzen schließt, die Medien beschneidet und das Volk nach Herkunft, Hautfarbe und Sexualität aussiebt. Darum ist der Konflikt im Zentrum von V for Vendetta heute nicht mehr aktuell. Aber in weiteren 10 Jahren könnte er es wieder sein.

 

 

 


V for Vendetta gibt es als hübsches Paperback auf Englisch oder Deutsch bei Amazon:

V for Vendetta
V wie Vendetta

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Ein Gedanke zu “V for Vendetta

  1. Vielleicht befinden wir uns aber auch mitten in V und es steht noch an, dass sich die Menschen auflehnen gegen anlasslose Massenüberwachung – was also in der graphic novel eingedampft auf relativ kurze Zeit passiert könnte in der echte Welt ein längerer und langsamer Prozess sein?

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