Ghost: Popestar

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Satanische Power-Pop Cover-Extravaganza von Ghost.

Im Frühjahr schrieb ich anlässlich des verdienten Grammys über das großartige Hip-Hop-Musical Hamilton und erwähnte dabei das absolut titanisch geniale letzte Album der schwedischen Band Ghost, ‚Meliora‘, welches sich neben seinem Grammy auch einen festen Platz in meinen Lieblingsalben dieses Jahrtausends erobert hat. Das liegt neben dem unantastbaren Songwriting auch daran, dass Ghost eine Band mit einer klaren Botschaft ist – und damit meine ich noch nicht einmal ihre effektive Missionarstätigkeit für den Leibhaftigen, sondern vor allem die erfrischende Ansicht, dass gute Musik kitschig sein darf. Und Kitsch wird auf der neuen EP ‚Popestar‘ groß geschrieben, wenn obskure Fußnoten der Pop-Geschichte ausgegraben und in einer opulenten schwarzen Messe zelebriert werden.

Wem Ghost noch kein Begriff sind: Fünf maskierte und namenlose Ghule, angeführt vom Sprachrohr des Satans höchstselbst, dem fabelhaften Zombie-Papst Papa Emeritus, halten seit ihrem Debut 2010 musikalische Zeremonien für ihre Schäfchen ab. Das Gimmick der Bühnenpersonas gewährleistet ihre Anonymität, die durch einen ständigen Wechsel der Mitglieder nur noch vertieft wird. Die Qualität des Endprodukts macht jedoch mehr als deutlich, dass hier echte Profis und etablierte Größen an der Arbeit sein müssen. Auch wenn die Fans der Band zu großen Teilen aus dem Metal-Sektor stammen, ist die Musik deutlich poppiger, als es das okkulte Image vermuten lässt – eine Mischung aus bombastischen Stadionrock-Riffs, verspielt-sphärischen Blue Öyster Cult-Anleihen und eingängigen Refrains der Marke ABBA. Der unfassbar hohe Ohrwurm-Faktor dieser Mixtur wird durch die Single der neuen EP, ‚Square Hammer‘, eindrücklich veranschaulicht:
 

 

‚Square Hammer‘ ist eine saftige Scheibe des unsterblichen Songwritings der Gruppe, bleibt jedoch das einzige Ghost-Original auf der EP. Wie schon auf der 2013er-Opfergabe ‚If you have Ghost‘ hat der Klerus tief im hauseigenen Plattenschrank gegraben, um vier Favoriten in einem strahlenden neuen Gewand zu kredenzen. ‚Nocturnal Me‘ von Echo & the Bunnymen könnte dabei jedoch ebenso gut aus der eigenen Feder stammen. Das düster-getragene Original wird durch fettere Gitarren und einen damit erhöhten Kontrast zum verträumten Refrain zu einer Liebesballade der Marke Ghost.

‚I Believe‘ vom Elektropop-Duo Simian Mobile Disco scheint aufgrund seines jüngeren Baujahres ein ungewöhnlicher Kandidat für das Ghul-Makeover, erweist sich jedoch als sphärische Synth-Seelenreise, die in die bekannteste und rockigste Nummer der Platte überleitet: ‚Missionary Man‘ von den Eurythmics. Das Original ist ein Guilty Pleasure von mir, litt aber ein wenig an der inkonsequenten Produktion. Ghost revidieren das, indem sie den Song durch schweres Riffing in die fette Bluesrock-Nummer verwandeln, die er eigentlich schon immer sein wollte. Die Elektro-Mundharmonika und jaulenden Soul-Divas im Hintergrund sind vielleicht ein wenig dick aufgetragen, aber hey: Kitsch über alles.

 

popestar

 

Die Kluft zum Finale der Platte könnte kaum größer sein: ‚Bible‘ von der mir bislang völlig unbekannten schwedischen Band Imperiet ist bereits im Original überlebensgroß, transzendiert durch Papa Emeritus und seine Schergen jedoch irdische Dimensionen: Es ist eine sakrale Erfahrung, die in einem gewaltigen Chorus gipfelt. Ghost feiern hier das, was sie am besten können: Sie transportieren die intensive Gefühlswelt, die ein wahrhaft Gläubiger angesichts eines kraftvollen Gospels durchleben muss, in Gefilde, die auch wir armen Sünder nachvollziehen können. Das Resultat ist reiner, ungefilterter, glorreicher Pathos.

Wer nach diesem Trip durch expressionistisch-satanische Klanggefilde noch immer nicht genug Ghost bekommen kann, schaut sich die Band live an (ich hatte das große Glück, sie als Vorband von Iron Maiden zu sehen, und es gibt wenige vergleichbare Erfahrungen) oder greift zum gigantischen Vorgänger ‚Meliora‘ – den die Band in frommer Christlichkeit auf ihrer Youtube-Seite zur Verfügung gestellt hat:
 

 


Die ‚Popestar‘-EP gibt es entweder einzeln oder als Doppel-CD mit ‚Meliora‘ auf Amazon:

Popestar EP
Meliora + Popestar EP (Deluxe Edt.)

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