Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

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Monster-Zoo von David Yates & J.K. Rowling.

Die gleichnamige Buchvorlage zu „Fantastic Beasts“ steht seit 2001 in meinem Bücherregal. Für mich wird sie immer einen besonderen Platz im Harry Potter-Kanon innehalten, da sie ein Artefakt aus der Zaubererwelt darstellt (die Seiten sind mit rotznasigen Kommentaren von Harry und Ron vollgekritzelt) und ein Monsterhandbuch ist. Und Monsterhandbücher sind die beste Form von Klo-Lektüre, das haben Studien erwiesen. Dieser neue Film im Potterversum ist aber keine Naturdoku über magische Bestien, sondern erzählt die abenteuerliche Geschichte seines Autors.

Newt Scamander, seines Zeichens unehrenhaft aus Hogwarts entlassener Zauberer/Zoologe, repräsentiert eine Bevölkerungsgruppe, deren Mitglieder bislang schmählich unterbewertet und von J.K. Rowling vernachlässigt wurden: Er ist ein Hufflepuff. Da auch der Schreiberling dieser Zeilen Hufflepuff-identifizierend ist, ist die folgende Kritik eventuell nicht unbedingt objektiv.

Newt ist ein charmanter Exzentriker, der mit einem magischen TARDIS-Koffer voller fetziger Viecher im Jahr 1926 nach Amerika reist. Besagter Koffer ist aber, ähnlich seinem Besitzer, nicht ganz dicht. Eine ganze Reihe von gefährlichen und schnuffigen Ungeheuern macht nun also Manhattan unsicher – und es liegt an Newt und seinen neuen Freunden, diese wieder einzufangen, bevor ein Muggel den Kopf verliert.

Wie der Titel unschwer vermuten lässt, sind das Hauptargument für die Daseinsberechtigung dieses Spinoffs die abgedrehten Kreaturen, die Newt in seinem Zauberzoo transportiert. Die reichen von possierlich (Plüsch-Niffler sind eine unverzeihliche Marktlücke) bis majestätisch (der Donnervogel Frank, der der eigentliche Grund für die Odyssee ist) und sind so liebevoll designt und animiert, dass man den Faible des Protagonisten nur zu leicht nachvollziehen kann. Die skurril-sympathische Gestaltung der Tierwesen und der Zauberwelt voller Wunder, in welcher sie leben, machen diesen Film zu einer würdigen Erweiterung der Potter-Kosmologie.

 

 

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Aber natürlich gibt es nicht nur Monster zu bestaunen, sondern auch tolle Schauspieler in fordernden Rollen. Allen voran natürlich Eddie Redmayne, der unserem Helden seine vielleicht nicht konventionelle, aber dennoch magnetische Attraktivität verleiht. Das wirre Charisma seiner introvertierten Fahrigkeit (hier wird mächtig Matt Smith-Ära Doctor Who gechannelt) macht ihn zum perfekten Angelpunkt für ein neues Abenteuer in diesem Universum, in dem nun endlich auch andere Ländereien als England mit coolen Zauberern gefüllt werden: Zauberern wie Tina (Katherine Waterston), eine Ex-Aurorin, die knietief in einem Verschwörungsthriller steckt, oder ihrer Schwester Mary Lou (Samantha Morton), welche ein telepathischer Sonnenschein ist. Der geheime Star des Streifens ist aber weder Zauberer noch Bestie, sondern der liebenswerte Muggel Jacob (Dan Fogler), welcher sich als Publikumsvertreter und Dr. Watson zu Redmaynes Sherlock in die Herzen der Zuschauer watschelt.

Sowohl Plot und Cast haben aber nochmal doppelt so viel bieten, wie bisher besprochen wurde. Während nämlich Scarmander & Freunde auf der Suche nach ausgebüxten Fabelwesen durch New York zuppeln, verdichtet sich im Hintergrund eine komplexe Verschwörung in der amerikanischen Zaubererwelt. Da jagt der moralisch graue Auror Percival Graves (Colin Farrell ist halb Magier, halb Geheimagent, all Badass) ein schwarzmagisches Monstrum, eine Hexenjäger-Sekte rekrutiert Straßenkinder (Ezra Miller haben wir zuletzt als den Flash gesehen, hier macht sein Spiel irgendwo zwischen Grusel und Tragik Lust auf mehr) und zu allem Überfluss zieht der böse Zauberer Grindelwald (Potter-Ultras wohlbekannt als Dumbledores Ex und offensichtliche Hitler-Analogie) seine Fäden.

Alle diese Schauspieler bieten eine tolle Performance und Charaktere, denen man gerne bei der Arbeit zusieht. Auch werden diese diversen Nebenplots am Ende zu einem kohärenten Ganzen zusammengeflochten. Mein Problem mit dem Finale ist eher, dass es schlussendlich kaum noch etwas mit Newt Scamanders Zauberkoffer zu tun hat. Natürlich soll dieser Film eine Grundlage für ein neues Franchise von mindestens fünf Filmen bieten, weshalb hier eine Menge Namen, Figuren und B-Plots auf die Leinwand geworfen werden: Das Resultat ist jedoch eine bombastische Verfolgungsjagd auf ein schwarzes Rauchmonster, was zwar hübsch animiert, aber nicht halb so interessant wie die phantastischen Tierwesen ist.

Dieses Rauchmonster, welches im letzten Akt New York verwüstet, steht emblematisch für das erzählerische Problem, vor dem das Film-Franchise steht. Auf der einen Seite möchte man das Potterversum durch eine Reise in andere Zeiten und Länder erweitern, ohne dabei das Original zu entwerten, andererseits möchte man dem jungen Publikum, welches epische Superhelden-Action gewohnt ist, sowohl Bombast als auch einen groß angelegten Metaplot bieten, für den bereits im ersten Film viel Vorarbeit in Form von scheinbar willkürlichen Nebenhandlungen geleistet werden muss.

 

 

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Wenn es also an diesem Film etwas auszusetzen gibt, dann ist es der Maßstab der Handlung. Als der Abspann läuft, sind wir uns sofort einig, einen tollen Film gesehen zu haben – aber vielleicht etwas glücklicher damit gewesen wären, wenn man sich im Studio getraut hätte, eine simple, kleine Geschichte über einen Zauberer und seinen Koffer voller vielfältiger Viecher zu erzählen. Dann hätte man sich den Rest der Handlung, der etwas holprig rangetackert wurde, für die Fortsetzung – „Phantastische Tierwesen und warum dieser Titel ein wenig zu klobig für eine Filmreihe ist“ – aufheben können.

Wenn man es positiv betrachten möchte, bekommt man hier ein Double Feature zum Preis von einem Film geboten: Erst eine niedliche Pixar-Komödie mit tollen Designs und wunderschönen Bildern, die erstmals seit Jahren wieder ein paar wirklich nette Tricks mit dem 3D-Gimmick anstellt, und dann ein erstaunlich düsterer Thriller, welcher einen erwachsenen Blick auf die Schattenseiten einer sonst eher malerischen Welt wirft.

Der Charme und unverkennbare Stil von J.K. Rowling bleibt auch in Übersee erhalten. Das durch die Bank tolle Ensemble ist eine Freude. Es muss sich jedoch zeigen, ob die fortlaufende Handlung (und Grindelwald als Oberschurke) robust genug sind, um eine ganze Reihe neuer Filme zu tragen. Mir kann das eigentlich egal sein, ich chill hier drüben mit meinem Niffler. Und den Mondkälbern und Occamys und Bowtruckles und wo ist dieser Demiguise schon wieder hin…

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Ein Gedanke zu “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind

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