Arrival

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Kommunikationsstudie von Denis Villeneuve.

2016 macht mir Angst. Angst, weil wir alle uns zunehmend auseinanderleben. Angst, weil wir uns in unsere Höhlen und Echokammern zurückziehen, statt miteinander zu reden. Angst, weil Populisten und Konzerne gelernt haben, die schiere Menge an wirren Signalen, mit denen wir tagtäglich bombadiert werden, für ihre Machenschaften zu instrumentalisieren. In seinen letzten Wochen schenkt uns dieses furchtbare Jahr einen Film, der eine weise Parabel von diesen Ängsten erzählt. Eine Parabel, die der Menschheit anno 2016 einen Spiegel vorhält, dessen Reflektionen mich noch Tage später heimsuchen. Und trotz all dieser Ängste ist Arrival eine Botschaft der Hoffnung. Außerdem SPACE ALIENS!

Wie in Villeneuves letztem Film, dem intensiven Höllentrip Sicario (2015), folgen wir mit intimer erzählerischer Nähe einer Frau (hier Amy Adams), deren Alltag von einer Extremsituation erschüttert wird: Hier ist es die Ankunft außerirdischer Flugobjekte rund um den Erdball, welche das Leben der Linguistin Louise auf den Kopf stellt. Wir nehmen das historische Ereignis des ersten Kontakts durch ihre Augen wahr, wodurch der kolossale Maßstab des Geschehens auf eine persönliche Ebene verlagert wird: Da gibt es keine bombastisch inszenierte Action, sondern nur die reine, fast religiöse Ehrfurcht vor dem gänzlich Fremden. Die Geschichte folgt der langsamen, wissenschaftlichen Methodik der Versuche von Louise und ihrem Partner Ian (Jeremy Renner), eine funktionierende Kommunikation mit den Besuchern herzustellen – während manch andere Großmacht der Welt sehr viel direktere Ansätze verfolgt.

Damit steht Arrival natürlich als der intellektue Gegenentwurf zu Blockbustern wie Independence Day da. Der Ton ist eher mit dem goldenen Zeitalter literarischer Science Fiction vergleichbar (die Handlung basiert selbst auf einer Kurzgeschichte, Story of Your Life (1998) von Ted Chiang), der optimistisch-intelligente Problemlösungs-Ansatz unserer Helden erinnert an clevere Star Trek-Episoden. Für diesen Ansatz emblematisch ist das spannende Finale, in welchem der zentrale Konflikt nicht durch Waffengewalt, sondern mit einem einzigen Satz gelöst wird.

Neben dem großartigen Plot, der so ziemlich jedes Kästchen auf meiner Bingo-Karte guter Science Fiction ankreuzt (wirklich außerirdische Aliens, atmosphärische Erforschung des Unbekannten, Non-Linearität, Rätselraten, Kernaussagen über das menschliche Dasein…), ist es Villeneuves meisterliches Spiel mit Themen und Motiven, welches Arrival nicht nur gut, sondern wichtig macht. Jede Szene, jede scheinbar willkürliche Bemerkung steht im Dienste der Beobachtungen und Botschaften, die hier transportiert werden.

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Zunächst ist Arrival eine Studie über Sprache und Wahrnehmung. Nicht nur darüber, wie wir persönliche Verbindungen mit dem Fremden trotz aller Kommunikationsbarrieren herstellen, sondern über das endlos faszinierende Konzept linguistischer Relativität: Die hier konkret diskutierte Sapir-Whorf-Hypothese besagt, dass unsere Sprache direkt beeinflusst, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, kognitiv verarbeiten und schließlich mit ihr interagieren. Dieser Gedanke spiegelt sich in den Kommunikationsversuchen mit den Außerirdischen wieder: Während andere Nationen Spiele als Kontaktaufnahme verwenden, verwirft Louise diesen Ansatz, da ein Spiel eine gänzlich fremde Spezies sofort in eine Rolle direkter Opposition drängen würde. Andererseits zeigt sich diese Hypothese auch in den Koordinationsschwierigkeiten zwischen den Nationen der Menschheit, welche den eigentlichen Konflikt darstellen.

Dies bringt uns direkt zum zweiten Motiv, der Kommunikation im Allgemeinen. Nicht nur die zwischen Alien und Erdling oder USA und China, sondern zwischen Wissenschaftlern und Militär, Regierung und Zivilisten, zwischen Liebenden, Eltern und Kindern. Eigentlich geht es nämlich gar nicht um die Außerirdischen, sondern um Zwischenmenschlichkeit. Da sieht man angespannte Soldaten, die mit ihren Familien telefonieren oder wortlos den Hasstiraden von Talkshow-Hosts lauschen. Da sieht man die gesichtslosen Massen, die mit Angst oder verzweifelter Zerstörungswut auf das Unbekannte reagieren. Oder eine Liebe, die durch Kommunikation entsteht und durch einen Mangel an Kommunikation zerrissen wird.

Dabei ist für mich besonders beeindruckend, dass bei all diesen Beobachtungen zu Kommunikationsbarrieren die üblichen Verdächtigen – die Befehlshaber von Regierung, Militär oder Geheimdienst – zwar der Arbeit unserer Protagonisten im Weg stehen, dabei aber stets im besten Gewissen handeln und nie zu den Kriegstreiber-Bösewichten werden, die man in Filmen dieser Art üblicherweise findet.

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Der letzte Akt gipfelt in der Auflösung eines Rätsels, welches der aufmerksame Zuschauer schon viel früher entschlüsseln kann – die Hinweise sind im ganzen Film verteilt, regen zum Miträtseln und zu einer zweiten Runde an. Wen der reine Kitzel der hier präsentierten Gedankenexperimente kalt lässt, der wird spätestens von der emotionalen Entladung der Ereignisse mitgerissen.

Arrival ist einer dieser Filme, über den man sich nach dem Abspann noch lange unterhalten möchte: Nicht nur über die aufgeworfene Thematik oder die finale Entscheidung der Heldin, sondern auch über die tief in den Eingeweiden sitzenden Gefühle, die man mit nach Hause nimmt. Die atmosphärische Präsentation der Handlung, sei es in den minimalistisch-sakralen Bildern des Raumschiffs, im Spiel mit der Symbolik der zeitlosen Unendlichkeit oder im gespenstischen Soundtrack von Jóhann Jóhannsson, spukt einem noch lange im Kopf herum, wie es zuletzt vielleicht nur die phänomenalen Bilder von Interstellar (2014) vermochten.

In letzter Zeit sind wir viel mit gutem Nerdkino verwöhnt – doch zwischen düsteren Dystopien und spaßigen Action-Krachern tut es gut zu wissen, dass es noch einen Platz für lebensbejahende Science Fiction für Hirn und Herz gibt.

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7 Gedanken zu “Arrival

    1. Dankeschön.

      Jupp, Arrival greift zu keinem Zeitpunkt in die Horror-Trickkiste. Es herrscht aber ein Grundton wohliger Anspannung in der Erwartungshaltung, die zwischen Zuschauer, Mensch und Alien aufgebaut wird.

      Ich empfehle allein für die optimale Entwicklung dieser Art von Gänsehaut, den Film auf einer großen Leinwand und mit nem guten Soundsystem anzuschauen, solange ihr noch die Gelegenheit dazu habt.

      Gefällt 1 Person

  1. Danke für’s Review! War zunächst skeptisch, ob ich ihn mir mit meiner Frau ansehen soll, bin jetzt aber recht überzeugt. Ich habe allerdings nur die erste Hälfte gelesen, den Rest lese ich dann, wenn ich den Film gesehen habe, weil selbst Meinungen und Gedanken zu einem Film in gewisser Hinsicht spoilern.

    Gefällt 1 Person

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