Star Wars: Rogue One

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Sternenkriegsfilm von Gareth Edwards.

Als die Star Wars-Lizenz von Disney geangelt wurde, zitterte das Nerd-Herz: Ist die Mutter aller Kino-Franchises nun endlich aus den Fängen ihres wahnsinnig gewordenen Schöpfers gerettet, damit sich die Visionäre einer neuen Generation daran austoben können – oder wurde sie zu einem jämmerlichen Dasein als Merchandise-Hure unter der Knute eines herzlosen Zuhälters verdammt, welcher sie nun jeden Winter auf die kalten Straßen schickt? Die letztjährige Episode VII war zwar ein großer Spaß, aber aus kreativer Sicht eben auch ein sehr konservativer Schritt. Als die Euphoriewelle neuen Materials voll mit wohlig-warmer Nostalgie über einen hinweggeschwemmt war, ärgerte man sich im Nachhinein über den Mangel an Mut zu neuen Ideen. Das Spinoff-Interquel (?) Rogue One startet zumindest konzeptuell mit jeder Menge Mut: Keine Jedi, keine Prophezeihungen, keine Space Opera mit Episodenzahl, sondern ein dreckiger Kriegsfilm über eine Bande Rebellen-Halunken soll es sein.

Bevor Luke seine Protonen-Torpedos auf einen Lüftungsschacht abfeuerte, welcher kaum breiter als eine Womp-Ratte war, beschaffte ein wilder Haufen unerwarteter Helden die Pläne, die eben jene Schwachstelle aufzeigten. Über diese Helden wissen wir zwei Dinge: Erstens, sie waren in ihrer Mission erfolgreich. Zweitens, sie konnten nicht mehr miterleben, wie der erste Todesstern mit einer befriedigend großen und physikalisch unmöglichen Explosion hochgejagt wurde. Da braucht es keine Jedi-Kampfmeditation, um den Ausgang dieses Films vorherzusehen. Also muss das Team uns davon überzeugen, dass dies hier trotzdem eine lohnenswerte Reise ist.

Wir folgen der jungen Jyn Erso (Felicity Jones), deren brillianter Ingenieurs-Dad (Mads Mikkelsen) ihr vom Imperium entrissen und zu planetaren Zerstörungszwecken zwangseingestellt wurde. Sie wird von Guerilla-Kämpfern großgezogen und landet nach einer Reihe schlechter Karriereentscheidungen in imperialer Sicherheitsverwahrung, aus welcher sie schließlich von der Rebellen-Allianz aufgegabelt wird. Die ist nämlich an ihrem verschollenen Papa und dessen Blaupausen für eine Superwaffe interessiert.

Dabei macht die Rebellen-Rasselbande, welche ihr auf der Suche nach Papa helfen soll, natürlich die halbe Miete aus. Da wäre zunächst Diego Luna (an dieser Stelle gebe ich auf, dämliche Star Wars-Namen zu lernen), der als verschlagener Rebellen-Captain das Kommando übernimmt. In seiner etablierenden Szene legt er bei der Interaktion mit einem Informanten eine ordentliche Portion moralischer Fragwürdigkeit auf die berühmte Han-shot-first-Sequenz drauf und wird damit zum einzigen Crewmitglied, welches nennenswerte charakterliche Komplexität mitbringt.

Der Rest der zusammengewürfelten Einheit ist natürlich trotzdem cool. Da wären der Macht-Adept Donnie Yen, welcher sich trotz Blindheit als knallharter Badass entpuppt und gemeinsam mit seinem Lebenspartner Wen Jiang durch die Galaxis düst, um Ärsche zu treten und den chinesischen Film-Markt abzusichern. Oder Riz Ahmeds Pilot, der mit seiner sympathischen Verpeiltheit Umarmungen provoziert. Oder der geplünderte und reprogrammierte Droide K-2SO (gespielt von Firefly-Pilot Alan Tudyk ), welcher mit seiner passiv-aggressiven Ader Zuschauerherzen erobert.

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Das Werbematerial von Rogue One malt ein schizophrenes Bild davon, worauf sich der Zuschauer einlassen soll: Einerseits sehen wir Stormtrooper, X-Wings, Darth Vader, den Todesstern – pure Star Wars-Nostalgie eben. Andererseits ist da auch eine ungewöhnlich düsterer Realismus, der scheinbar im Konflikt mit dem wohlig-vertrauten Space Opera-Kitsch steht. Im Film selbst ist dieser Spagat schon ab der ersten Sekunde in der Musik zu hören, welche klassische John Williams-Motive aufgreift, nur um sie nach wenigen Takten zu dekonstruieren.

Das beschissene Leben der Frontschweine im Krieg der Sterne wurde zwar schon in den diversen Publikationen des Expanded Universe erforscht, aber noch nie in diesem Ausmaß auf der großen Leinwand: Im Kampf gegen Superwaffen, überlegene Artillerie und ein gewisses (rotes) Lichtschwert ist der gemeine Rebellensoldat keinen Pfifferling wert, weshalb sie auch zu drastischen Maßnahmen gezwungen werden. Zu Beginn des Films sehen wir, wie ein imperialer Panzer-Konvoi in einer verheerten Wüstenstadt von Extremisten mit Kopftüchern überfallen wird, deren Sprache wir nicht verstehen – ein Bild, welches wir eher aus unseren sehr irdischen Nachrichten als aus ‚Star Wars, made by Disney‘ erwarten.

Das funktioniert gut, denn die Erforschung moralischer Grauzonen gibt dem Film eine Identität und Daseinsberechtigung abseits der nummerierten Episoden. Vielleicht wäre es daher sogar ein besserer Film, wenn man sich mehr in dieses Extrem gelehnt hätte: Anscheinend haben die Produzenten nämlich doch noch irgendwann kalte Füße bekommen, dass das Projekt zu drastisch von der etablierten Star Wars-Formel abweichen könnte. Die Antwort war dann wohl, eine große Ladung Fanservice über die aufkeimende Originalität zu schmieren.

Da tauchen viele Figuren und Namen auf, die als warme Nostalgie-Nuggets neben zerbombten Zivilisten und wimmernden Soldaten irgendwie deplatziert wirken. Schlimmer noch, längst gealterte und sogar verstorbene Schauspieler werden durch schwarze CGI-Magie zum Tanzen gebracht. Wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, ist es ein netter Taschenspielertrick. Im Endeffekt ist es aber auch ein böses Omen für die Zukunft des Franchises – und eine unabsichtliche Metapher für das größte Problem von Disneys Star Wars: Das Spiel mit der zurückblickenden Nostalgie scheint für die Marketing-Maschine wichtiger zu sein, als das Universum an neue Ufer zu steuern. Deshalb ist Rogue One auch der wirklich letzte Film, in dem ich einen Todesstern sehen möchte – und mein Interesse an den Abenteuern des jungen Han Solo ist auf den exakten Nullpunkt gesunken.

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Versteht mich nicht falsch: Rogue One bringt viele neue Ideen mit. Der rehabilitierte Imperiums-Droide und der machtsensible Nicht-Jedi sind die unterhaltsamsten Figuren. Alle neuen Aliens, Fahrzeuge und Planeten sind mit viel Liebe konzipiert, frisch und trotzdem Star Wars. Und es ist toll, endlich die Perspektive der Normalsterblichen auf die Machtfantasie jedes Kindes zu bekommen, auch wenn die Handlung natürlich in einer bombastischen Weltraumschlacht enden muss.

Angesichts des Zeitfensters wäre es natürlich auch sonderbar, wenn es kein Wiedersehen mit bestimmten Figuren gäbe. Das Darth Vader-Cameo resultiert auch in einer der besten und ikonischsten Szenen des Films. Das Problem ist eher, dass die Zeit, die wir mit alten Bekannten verbringen, besser in die Entwicklung der neuen Gesichter angelegt wäre: Denn leider bleiben einem die Figuren nicht im Gedächtnis kleben, wie es einst Luke, Han und Leia taten. Das mag natürlich daran liegen, dass wir keine Jahrzehnte mit ihnen verbracht haben, es mangelt ihnen aber auch einfach an dem typischen Charisma, wie es zuletzt Rey, Finn oder Kylo Ren mitgebracht haben. So verbleiben ausgerechnet die Protagonistin Jyn Erso und der neue Bösewicht Director Krennic (Ben Mendelsohn) als langweilige Nicht-Charaktere. Was für Disney eine schlechte Nachricht sein sollte: Immerhin ist man auch dort interessiert, die Jyn Erso-Actionfigur zu verkaufen.

Trotz alledem ist Rogue One ein toller und sehenswerter Film: Der nun zum dritten Mal erwähnte K-2SO allein hat mehr Charme als das gesamte Ensemble so mancher anderer Blockbuster. Der Plot beantwortet eine nagende Frage, die Nerds schon seit fast 40 Jahren ertragen mussten. Der letzte Akt kann ohne Probleme neben den großen Star Wars-Klassikern bestehen. Es macht Spaß, einer kleinen Rollenspiel-Gruppe beim Kampf gegen das verdammte System zuzuschauen. Und trotz aller kritischer Reflexion ist der 13-jährige Junge in mir hin und weg von dem Spektakel vor seinen Augen.

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5 Gedanken zu “Star Wars: Rogue One

  1. Ein schön geschriebenes Review.
    Ich teile aber nicht jede Kritik. Es dürfte ja von Anfang an klar sein, dass es sich hier um einen „Heist“-Film handeln dürfte, bei dem eben eine ganze Crew involviert ist. Dass man nicht jedem Charakter so viel Spotlight wie Rey oder Finn geben kann, sollte angesichts des Formats also klar sein. Darüber hinaus muss ich sagen, dass ich nicht nur Cassian Andor (Diego Luna) und K-2SO gelungen und interessant fand, sondern, auch die übrigen Gefährten – vielleicht nicht auf „Birdman“- oder „Whiplash“-Ebene, wenn man mit anderen aktuelleren Filmen vergleicht, aber für einen Film dieses Genres definitiv.

    Was ich auch erwähnenswert finde – der Film ist eine runde Sache. Er hinterlässt so gut wie keine Plotholes (schließt sogar uralte), findet einen gelungenen Bogen zur Originaltrilogie und erzählt eine Geschichte, die eigentlich auch entkoppelt von allen anderen Star Wars FIlmen funktioniert. Ich kann und will nicht sagen, ob der Titel jetzt besser oder schlechter als Episode 8 war, aber ich denke, man kann schon sagen, er hat weniger Punkte, bei denen man sagen kann: „Das hätte man nun aber tatsächlich auch anders lösen können.“

    Interessant finde ich deine Aussage, dass Rey dir charismatischer schien. Willst du das genauer ausführen?

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    1. Du hast völlig recht, dass Rogue One nicht nur erzählerisch rund ist, sondern nebenbei noch den restlichen Star Wars-Kanon repariert.

      Was das Charisma unserer Heldinnen angeht, ist das wahrscheinlich ne sehr subjektive Sache: Für mich ist Rey schlichtweg deswegen sympathischer, weil Daisy Ridley viel Raum zum Staunen, Lachen, Fürchten und Feiern gegeben wurde. Jyn ist dagegen hart und entschlossen, mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit. Das reicht zwar für so manchen Actionfilm, im Star Wars-Universum bin ich aber unterhaltsamere Figuren gewohnt.

      Dazu muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich Episode VII drei Mal und Rogue One nur ein Mal gesehen habe – als wirklich große Charaktermomente für Jyn Erso bleiben mir deshalb eigentlich nur ihr unmittelbarer Umgang mit der Befreiung aus ihrer Haft und ihre Ansprache an den kleinen Trupp Rebellen in Erinnerung. Ein großer Teil ihrer Vergangenheit wird nur indirekt von ihrem Ziehvater besprochen – und zu ihrem biologischen Vater bekommen wir auch kaum einen Zugang.

      Dennoch muss ich dem geneigten Leser mal Sams tolle Analyse von Jyns Innenwelt ans Herz legen:
      https://introspektivblog.wordpress.com/2016/12/21/rogue-one-jyn-erso-isfp/

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Kritik: Rogue One – filmexe

  3. Danke für die Rezension. Mir ging es ganz ähnlich. Sehr cooler Film, aber irgendwie … Du hast einiges auf den Punkt gebracht, was ich gar nicht in Worte fassen konnte. Was mich tatsächlich ein bisschen gestört hat, war das Hin und Her zwischen den vielen Planeten/Raumstationen. Die sahen zwar spannend aus und natürlich liebe ich es, über die neuen Welten zu staunen (wer hätte geahnt, dass Darth Vader im Dunklen Turm wohnt?), aber 1-2 Schauplätze weniger, hätten vielleicht auch mehr Raum für die Charaktere gelassen.

    Gefällt 1 Person

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