Batman: A Telltale Series

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Interaktive Superhelden-Serie von Telltale Games
für PC, Xbox One, Xbox 360, PS4, PS3, iOS & Android.

Seit der ersten Staffel von The Walking Dead bin ich Stammgast von Telltale Games. Eigentlich wird in diesem Hause seitdem immer mit den gleichen Zutaten gekocht: Man schaut eine Reihe spannender und gut geschriebener Episoden vom jeweiligen Lieblings-Franchise, wobei man selber die Entscheidungen der Hauptfigur(en) treffen und ihnen die Worte in den Mund legen darf. Der größte Unterschied zum ‚richtigen‘ Virtual Novel besteht dabei aus kleinen Adventure-Puzzles und Action-Szenen, die durch flinke Finger bei Quicktime-Events bestanden werden. Diese Erfolgsrezeptur wurde nun in einem cleveren Schachzug mit jedermanns Lieblings-Superhelden gekreuzt – der mürrischen Flugratte von Gotham.

Während man bei The Walking Dead, Tales from the Borderlands oder Game of Thrones in die Rollen bislang unbekannter Charaktere schlüpfte, steuert der Spieler in diesen fünf spielfilmlangen Episoden Bruce Wayne höchstselbst – was zunächst befremdlich erscheinen mag, immerhin ist der Gute ja nicht gerade das unbeschriebene Blatt, welches bei den oben genannten Titeln erst durch die Spielerhandlungen definiert wird. Um dieses zentrale Dilemma zu lösen, haben die Autoren den Reboot-Knopf gedrückt: Die bekanntesten Namen und Gesichter der Batman-Mythologie sind alle vertreten, wie die einzelnen Kinofilm-Inkarnationen bindet sich Telltales Lederlappen aber nicht an irgendeinen bereits etablierten Kanon.

Allgemein liegt der ernste, auf düsteres Charakterdrama orientierte Ton des Spiels nah an Nolans Dark Knight, es bleibt aber dem Spieler in jeder Situation frei überlassen, ob sich Bruce als brutaler Rächer mit Wutproblemen oder als tadelloser strahlender Ritter gibt. Dabei greifen die Autoren wie schon bei Game of Thrones tief in die Kiste psychologischer Kriegsführung, damit die meisten Entscheidung mit einem gewissen Zähneknirschen verbunden sind.

 

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Das bringt uns zum zentralen Makel der Reihe, den sie mit so ziemlich jedem neueren Telltale-Titel teilt: Während das Spiel viele Inputs und Entscheidungen vom Spieler fordert und so die Illusion der Interaktivität vorgaukelt, ist die tatsächliche Handlung sehr linear. Dies liegt schlichtweg am Publikationsmodell der monatlich erscheinenden Episoden: Hätte der Spieler tatsächlich die vorgetäuschte Entscheidungsfreiheit, müssten die letzten Episoden eine riesige Zahl unterschiedlicher Szenarien bieten.

Stattdessen beeinflussen die als wichtig telegraphierten Entscheidungen nur wenige Dialogzeilen, kosmetische Unterschiede oder die Reihenfolge bestimmter Ereignisse. Auch eine falsche Tasteneingabe bei den Actionszenen resultiert nur in einer trotzdem erfolgreichen Handlung oder einem Game Over – das neue ‚Finishing Move‘-System beendet Kämpfe lediglich früher, wenn der Spieler eine Reihe korrekter Eingaben macht. Dieser Batman hat zwar ein großes Arsenal an High-Tech-Gadgets zur Verfügung, wählt aber stets von selbst seine Werkzeuge. Wer sich die Illusion der bedeutsamen Eingaben also bewahren möchte, spielt die Reihe besser kein zweites Mal durch.

Neben diesem bekannten Prinzip bietet das Spiel ein paar Innovationen, die an die Hauptfigur angelehnt sind: So darf man im Verlauf der Handlung den weltbesten Detektiv bei der Spurensicherung mimen, indem man Indizien am Tatort miteinander zu einem Tathergang verbindet. Oder in kleinen Minispielen Signale orten oder Chemikalien synthetisieren. In der vielleicht coolsten Neuerung kann man vor jeder größeren Actionszene methodisch planen, wie Batman die einzelnen Gegner ausschalten wird. All diese Spielereien sind sehr simpel gehalten und qualifizieren sich nur gerade so als Gameplay, bieten aber willkommene Abwechslung und versetzen einen in die Rolle des Dunklen Ritters, ohne den Fluss der Handlung zu behindern.

 

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Die Handlung ist dann auch die Stärke von Telltales Batman. Bereits die erste Episode konfrontiert den geneigten Batman-Fan mit interessanten Dilemmas: Wie geht man mit dem ehrgeizigen Harvey Dent oder dem Revoluzzer Oswald Cobblepot um, wenn man sich stets ihrer Alter Egos bewusst ist? Die Autoren trauen sich, aus den Comics bekannte Größen zu verändern und Erwartungen auszunutzen, so dass man auch als Batman-Kenner von den zahlreichen Wendungen heißkalt erwischt wird. Im Verlauf der Story werden nicht nur der Fledermann, sondern auch Lebensgrundlage und Vermächtnis von Bruce Wayne bedroht. Das geht an die Substanz, greift direkt die Machtfantasien der Spieler an und bietet ständig neue Antworten auf die Frage „Wie zur Hölle kann diese Situation denn jetzt noch schlimmer werden?“.

Dabei ist vor allem die Neuinterpretation der bekannten Figuren bemerkenswert: Harvey, der Pinguin oder Catwoman bekommen alle eine stark ausgearbeitete Identität spendiert, welche sie zu eigenständigen und unberechenbaren Akteuren macht, ohne ihre Comic-Wurzeln zu verraten. Selbst in den wenigen Minuten, die wir mit dem Joker verbringen, bietet uns das Spiel spannende neue Facetten für einen Charakter, über den doch eigentlich schon alles gesagt war.

Kurzum: Dies ist – unabhängig vom Medium – eine der besten Batman-Geschichten dieses Jahrzehnts.

Deshalb sollte sie eher wie eine TV-Serie genossen werden – entspannt auf der Couch, am besten mit Freunden, mit denen man hitzig darüber diskutieren kann, wie Bruce auf den Zusammenbruch seiner Welt reagieren soll. Für größere Gruppen wird sogar eine App bereitgestellt, mit denen demokratisch über die Spielentscheidungen abgestimmt werden kann. Dass man sich zunehmend auf diesen sozialen Aspekt konzentriert, zeigt, dass im Hause Telltale eigentlich an einer Formel für interaktive TV-Serien gefeilt wird. Auch wenn ich mir als Spieler also noch immer etwas mehr Handlungsmacht wünschen würde, ist das Format noch immer eine Bereicherung für das Videospiel als legitimer Geschichtenerzähler. Und solange diese Geschichten weiterhin dieses Maß an Qualität haben, bleibe ich Stammgast.

 

 


Batman: The Telltale Series gibt es als Download auf so ziemlich jeder Plattform oder auf Amazon:

Batman: The Telltale Series

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2 Gedanken zu “Batman: A Telltale Series

  1. The Walking Dead war zweifelsohne ein gutes Spiel von Telltale, alles danach war zwar nicht schlecht, aber leider auch nicht richtig gut oder neu. Ich will keinem die Telltale Spiele ausreden, nur ist es, wie du gesagt hast, eigentlich immer das gleiche. Auch scheinen mir zu viele Spiele von Telltale hintereinander veröffentlicht zu werden. Jedes Jahr zwei weitere Spiele, da werden einem früher oder später die Ideen ausgehen.
    Mir scheint es auch fast so, als würden die Spiele vom Namen leben. Wenige hätten sich „Minecraft: Story Mode“ gekauft, wenn es nicht um die bekannte Klötzchenwelt ginge (was meiner Meinung nach eh ne dumme Idee ist). Jedoch finde ich es selbst interessant Batman mal anders zu sehen. Viele werden in Batman aber einen Helden sehen, der pausenlos Böse verkloppt und das könnte sie vom Spiel abschrecken oder für die ein oder andere enttäuschte Review sorgen.

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  2. Mir hat´s auch prima gefallen. Batman ist hier eben nicht einfach ein obercooler Superheld, der unnahbar ist, sondern man erkennt Schwäche, er wirkt viel menschlicher als in manch anderem Spiel und nahbarer. Telltale hat oft einfach nur Bruce eingesetzt und nicht zu 90 Prozent Batman, was dem Spiel eine tolle Note verleiht.

    Ich denke ja, gerade Batman-Fans werden das Spiel von Telltale sehr mögen, weil es einen glaubhaften Batman gezeichnet hat.

    Gefällt 1 Person

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