Moana / Vaiana

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Polynesische Odyssee von Disney.

Eigentlich hat dieser Film hier nix zu suchen. Nicht, weil ich spät zur Party wäre (Dezember war viel los im Kino) oder weil Kinderfilme hier keinen Platz hätten (Übermenschen in Capes sind nur was für Erwachsene, ne?), sondern weil ich in meinen Popkultur-Artefakten das Anarchistische, das Unkonventionelle oder Innovative suche. Und Moana (oder Vaiana, wie wir Europäer sie dank Copyright-Gesetzen und einer gleichnamigen Pornodarstellerin nennen dürfen) ist viele Dinge, aber eben auch sehr konventionell. Wer in seinem Leben schonmal ein Märchen gelesen oder einen Disney-Film gesehen hat, kann ab Minute 10 den gesamten restlichen Film prophezeihen. Wäre man Zyniker, würde man es als überproduzierte und auf Vermarktbarkeit optimierte Massenware abtun. Wäre man Zyniker, würde man aber auch nicht mit Tränen in den Augen mitfiebern und noch Tage später heimlich den Soundtrack mitsummen.

Moana (bleiben wir mal beim Original) lebt als Tochter des Häuptlings von Motunui in einem paradiesischen Käfig (Check): Während ihr Volk ihr versichert, dass sie dort alles hat, was sie je brauchen könnte, sehnt sie sich nach mehr (Check), bis sie schließlich mit ihrem niedlichen Tier-Sidekick (Check) ausbüchst, um ihr Dorf vor einem drohenden Unheil zu schützen (Check). Wenn hier etwas originell ist, dann die Wende zur mythologischen Heldensage, welche der Plot an dieser Stelle nimmt: Moana trifft nämlich den Halbgott Maui (The Rock), mit dessen Hilfe sie die dunkle Magie aufhalten will. Auf dem Weg dorthin müssen die beiden jedoch allerlei episodische Abenteuer bestehen, die sie (halb-)menschlich wachsen lassen.

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Wir nehmen makellose Computeranimation in Disney-Produktionen mittlerweile schon längst als gegeben hin, dennoch setzt jede Neuerscheinung noch immer technische Meilensteine: Die Inselvegetation, die Strände und vor allem das Wasser sind so nah am Fotorealismus, dass es schon fast unheimlich ist. In einer Szene in der Mitte des Films klopft sich unsere Heldin Sand aus dem Haar – und beides verhält sich so lebensecht, dass man noch immer staunen kann, wie weit wir seit Toy Story gekommen sind. Die Uncanny Valley, der menschliche Reflex also, die vorgegaukelte Realität als gefährlichen Trug wahrzunehmen, wird durch den Kontrast zu den im knuffigen Cartoon-Stil überzeichneten Tieren und Menschen umschifft. Gerade letztere schaffen dabei durch ihre knuffigen Rundungen einen angenehmen Gegenpol zu den dürren Barbie-Figuren, die durch die klassischen Disney-Prinzessinenfilme staksen.

Das größte Argument für Moana ist aber die Musik. Die kommt diesmal vom Dream Team aus Hollywood-Veteran Mark Mancina, dem regionalen Folk-Songwriter Opetaia Foa’i und dem jetzt schon unsterblichen Lyriker Lin-Manuel Miranda (Wer dessen Hip Hop-Musical Hamilton noch immer nicht gehört hat, verschwendet sein Leben). Die Mischung aus polynesischer Instrumentierung und den zielgenau herzsuchenden Texten Mirandas wird von ‚We Know The Way‘ auf den Punkt gebracht – einem Ohrwurm, der wie ein jahrtausende alter Traditional klingt und in wenigen Worten die wunderschöne zentrale Metapher etabliert; die des Seefahrers als wagemutigem Pionier, der auf der Jagd nach neuen Horizonten niemals seine Heimatinsel vergessen darf. Wen die Poesie dieses Bildes nicht rührt, der hat hier auch nix verloren.

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Natürlich gibt es auch klassische Disney-Nummern wie den obligatorischen ‚Ich will mehr‘-Song ‚How Far I’ll Go‘, welcher das unglaubliche Charisma der zum Zeitpunkt der Aufnahmen gerade mal 14 Jahre alten (!) Hauptdarstellerin mit dickem Schwung unterstreicht, aber natürlich nicht gegen die Massenvernichtungswaffe ‚Let It Go‘ anstinken kann. Den größten Ohrwurm bildet ‚You’re Welcome‘, welcher gleichzeitig Dwayne Johnsons ungeahnt sympathische Singstimme, die Folklore rund um Ozeaniens größten Sagenhelden und Maui als liebenswert eingebildeten Vollidioten vorstellt, der die Eingängigkeit des Refrains als Ablenkungsmanöver für einen Bootsraub nutzt. Das ist nicht nur effizientes Storytelling, sondern auch eine schöne Charakterisierung für die Jungs-Power-Fantasy des Films.

Und dann wäre da natürlich ‚Shiny‘, der die von Flight of the Concords-Sänger und neuseeländischem Comedian Jemaine Clement gesprochene Monsterkrabbe Tamatoa als Gegenthese zur Moral dieses Märchens etabliert. Dieser Song bricht die vierte Wand und die etablierte Genre-Mixtur, um eine fancy-bedrohliche Glam-Rock-Nummer in der Mitte des Filmes zu parken. So stiehlt dieser Bösewicht die eine Szene, in der wir ihn zu sehen bekommen.

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Klar ist die Musik zwar die größte Stärke des Films, aber nicht alles. Angenehm ist, dass diese Prinzessin nicht nach einem Prinzen Ausschau halten muss. Cool ist, dass der Ozean höchstselbst ein Charakter (mit Attitüde) ist. Fetzig ist Moanas Oma, die sofort einen Spitzenplatz auf jedermanns Liste der sympathischsten Disney-Nebenfiguren einnehmen dürfte. Wichtig für unsere Zeit ist, dass der Oberfiesling durch Empathie bezwungen wird. Beruhigend ist, dass die knuffigen Tier-Sidekicks nicht sprechen können und für wenige, dafür wirklich gute Gags reserviert werden – Hahn Heihei (gegockelt von Alan Tudyk ♥) kommt dabei im Gegensatz zu Schweinchen Pua (Tier-das-kein-Hund-ist-sich-aber-wie-einer-verhält, Check) mit auf die Reise. Das war ne gute, wenn auch anscheinend letztminütige Entscheidung, da es in Trailer und Promo-Material noch an Orten zu sehen ist, zu denen es nie kommt.

Moana erfindet das Rad nicht neu, aber dafür schaut man sich ja eigentlich auch solche Filme nicht an. Für eine bombensichere Gelddruckmaschine aus dem größten Merchandise-Riesen unseres Planeten bringt dieser Film aber erstaunlich viel Herz, gute Ideen und ja, eben auch erstklassige Musik mit.

 

 

 


Den Soundtrack gibt es im Stream oder zum Kauf auf Amazon:

Moana OST

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