Kurt Vonnegut: Slaughterhouse Five

slaughterhouse

Postmoderner Lebensquerschnitt von Kurt Vonnegut.

Science Fiction hat dieser Tage einen bitteren Beigeschmack. Mit jeder düsteren Nachricht, sei es aus den USA oder der unmittelbaren Nachbarschaft, festigt sich die Gewissheit, dass wir irgendwo falsch abgebogen sind und nun in der düsteren Timeline feststecken. Auf der verzweifelten Suche nach einer Möglichkeit, den Durchbruch durch den dimensionalen Schleier zu schaffen und in einer weniger beschissenen Realität zu landen, fällt mir Vonneguts berühmtester Roman in die Hände. Dieser erzählt vom Leben des Autors in einer noch dunkleren Zeit als dieser: Vonnegut überlebte als Kriegsgefangener der Deutschen den Luftangriff auf Dresden – ein Ereignis, welches gerade erst von der AfD zur Holocaust-Relativierung ausgeschlachtet wurde. Im autobiographischen ersten Kapitel von ‚Slaughterhouse Five‘ schreibt er von seinem Wunsch, ein Buch über sein Trauma zu verfassen. Was folgt, ist ein absurder, abgründiger und abgefahrener Heilungsprozess, der mir selber ein wenig geholfen hat.

Listen: Billy Pilgrim has come unstuck in tme.

Den Protagonisten des Romans ereilt ein sonderbares Schicksal: Für ihn ist seine Lebenszeit keine gerade Linie, sondern eine scheinbar willkürliche chronologische Achterbahnfahrt durch die Ereignisse, die seine Existenz ausmachen. Einfach ausgedrückt: Die Platte seines Lebens steht auf Shuffle, er kennt aber schon längst alle Songs. Er springt wild zwischen den prägenden Ereignissen seiner Jugend, seiner Zeit im Krieg und seinem zivilen Leben als verheirateter Optometrist. Schuld daran ist (wenn man Billy glauben mag) eine fliegende Untertasse der Tralfamadorianer, einer außerirdischen Rasse grüner Pümpelmännchen, welche Billy für ihren intergalaktischen Zoo kidnappt.

Oder gekidnappt hat, oder kidnappen wird. Zeitreisekram. Wer nicht an grüne Pümpelmännchen glaubt (Langweiler), muss wohl akzeptieren, dass Billys Gehirn den Krieg gegen die Deutschen nicht ganz unbeschadet überstanden hat. Dies ist eine Geschichte über das Leben mit dem Trauma, dem konstanten Schatten der Vergangenheit über der Gegenwart. Billys Zukunft ist indes klar: Er überlebt den Krieg und stirbt zuletzt bei einer öffentlichen Bekanntgabe seines anstehenden Todes – ein Stunt, den eben nur ein Typ abziehen kann, für den Zeit bloß ein weiterer Wahrnehmungskanal ist. Das ist übrigens kein Spoiler, sondern geschieht mit mehrfacher Vorankündigung ganz antiklimaktisch irgendwo in der Mitte des Buches, so wie es auch für Billy nur eine weitere Erinnerung auf der Perlenkette seines Lebens ist.

So reißt uns das nicht-lineare Storytelling mit in die Gedankenwelt von Billy Pilgrim, der selbst schon jede Station seines Weges kennt und wie ein Schauspieler durch diese vorbestimmten Szenen stolpert, um seine Sätze aufzusagen. Ein dichtes Netz thematischer Verbindungen, aber auch erzählerische Echos in Beschreibungen und Phrasen verbinden dabei die Momentaufnahmen, verleihen dem scheinbar hoffnungslosen Determinismus eine mal witzige, mal bittersüße Poesie.

 

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Die Kombination aus Vonneguts einfacher, lakonischer Sprache und diesem komplexen Netz aus kosmischen Zusammenhängen zwischen Alltag und Trauma machen Slaughterhouse Five nicht nur zu einem Klassiker großer Science Fiction, sondern auch zu einem wirklich spaßigen Ritt. Das allein wäre schon Grund genug, um einen Platz im Bücherregal zu reservieren. Aber obendrauf gibt es noch eine Riesenschippe erzählerischer Tricks, die Lesererwartungen nicht nur überrumpeln, sondern förmlich verdreschen.

Zunächst ist da natürlich der metatextuelle Dialog, in den die reale Person Kurt Vonnegut sich begibt, wenn er sein Alter Ego ein fiktives, aber eben auch reales Buch über eine Person in seiner historischen Situation schreiben lässt. So weit, so verschachtelt – aber dann läuft sein fiktiver Protagonist seinem Erzähler, und damit natürlich auch Vonnegut selbst, über den Weg. Schlicht und einfach, weil er eben damals dort war. Und wer mit dem restlichen Werk des Autors vertraut ist, der findet hier und da Charaktere, die aus anderen Romanen in diesen hinein- und wieder in ihren eigenen hinauswandern.

Und dann wären da noch die grünen Pümpelmännchen von Tralfamadore, welche so abstrus sind, dass sie einfach real sein müssen – immerhin basiert ihre ganze Kultur auf ihrer Fähigkeit, jeden einzelnen Moment als Querschnitt des abgeschlossenen Ganzen zu sehen, womit sie ganz nebenbei das Thesen-Statement für die ganze Geschichte abgeben. Wie in ihrer eigenen Literatur wird hier ein ganzes Leben abgebildet, durch das man vor- oder zurückwandern kann – nicht mehr und nicht weniger. Die menschliche Rasse ist nämlich die einzige ihnen bekannte Spezies, die ein Konzept von ‚freiem Willen‘ hat.

Das Finale ist nicht der Tod unseres Helden – der ist ja schon längst geschehen – sondern der eingangs erwähnte Feuersturm von Dresden. Der ist nicht nur der Grund für das Erzählen der Geschichte, sondern auch das Epizentrum des Traumas: Für Vonnegut und Billy Pilgrim ist es ein Symbol für nie dagewesene Zerstörung, ein vergessener Bombenflug, der mehr Menschenleben als Hiroshima gefordert hat – zumindest, wenn die Opferzahlen richtig wären. Nach neueren historischen Untersuchungen liegt die Zahl der hier berichteten 135.000 Toten nämlich weit daneben: Etwa 25.000 Menschen starben bei den Angriffen auf Dresden. So unterstreicht der Autor sein Spiel mit subjektiver Wahrnehmung am Ende also unabsichtlich durch eine eigene Fehleinschätzung.

Und heute streiten wir noch immer darum, welcher Angriff für wen schlimmer war, statt sie alle als Perlen auf der hässlichsten Kette zu begreifen. So it goes.

 

 

 


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