Wolverine: Old Man Logan

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Postapokalyptischer Western von Mark Millar & Steve McNiven.

Wer langsam die Nase voll von Superheldenkram hat, wird dieses Jahr ne schlechte Zeit haben. Im März geht die Cape-Saison mit Hugh Jackmans letztem Hurra ‚Logan‘ los, einem X-Men-Film ohne X-Men. Der düster-entzauberte Road Trip-Flair des Trailers und der Titel kommen dabei nicht von ungefähr: Zumindest das Konzept ist von der viel gelobten Miniserie Old Man Logan aus der Feder von Mark Millar (Händchen für alternative Charakterinterpretationen bewiesen in Superman: Red Son) entliehen, einer viel gelobten Miniserie, welche zwischen 2008 und 2009 die sonst so quietschbunte Marvel-Welt in ein düsteres Ödland verwandelte.

Logan ist alt geworden – und die Welt hat sich weiterbewegt. Ein halbes Jahrhundert nach einer furchtbaren Katastrophe lebt der alte Mann, der einst Wolverine war, gemeinsam mit Frau und Kindern in der trockenen Wüste von Kalifornien. Ihre ärmliche, aber glückliche Existenz wird von der Hulk-Gang bedroht, deren überzogene Miet- und Schutzgeldforderungen der alte Mann nicht bezahlen kann. Er kämpft jedoch auch nicht zurück – seit 50 Jahren hat er seine Adamantium-Klauen nicht mehr gezückt. Da bietet der steinalte und erblindete Hawkeye bietet seinem Freund einen Job an: Er und Logan sollen ein Paket innerhalb von zwei Wochen an die Ostküste liefern. Logans Belohnung wären 500 Dollar. Genug, um sich die Hulks für eine ganze Weile vom Hals zu halten. So begeben sich die letzten beiden Ex-Superhelden auf einen wahnwitzigen Road Trip.

Das clevere What-If-Szenario von Old Man Logan macht diese Reihe zu einem großen Spaß für Marvel-Freunde. Nach und nach entdecken wir, was aus den Helden von einst, den sie überdauernden Schurken oder der nächsten Generation von Spandex-Burschen geworden ist. Man kann alldem zwar gut folgen, wenn man nur mit dem Film-Kanon vertraut ist, wie schon bei Kingdom Come sind hier aber viele kleine Details und Anspielungen für langjährige Leser versteckt: Fahren sie da tatsächlich im Spider-Mobil durch die Gegend? Warum nennen sie diesen Ort Pym Falls? Und was sind das für Artefakte in der Trophäengalerie von Red Skull?

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Eine weitere große Stärke der Reihe ist ihre Bildsprache. Damit ist nicht zwangsweise die hohe Qualität der Zeichnungen gemeint, sondern die Ikonographie, die den Superhelden als amerikanischen Mythos zuende denkt. Old Man Logan channelt Sergio Leones Man With No Name durch das Prisma von Stephen Kings Revolvermann: Ein kaputtes, altes Relikt aus einer anderen Zeit, das durch die Ruinen einer verdrehten Welt streift. Die dramatische Mischung aus Western, dystopischen Ruinen und Marvel-Pantheon verleiht der Reihe ein starkes visuelles Konzept jenseits des üblichen Einheitsbreis.

Nicht zuletzt ist die Reihe, zumindest am X-Men-Standard gemessen, wirklich gut geschrieben. Logans innerer Konflikt scheint zunächst unnötig melodramatisch – doch als wir uns dann nach und nach an die extremen Gewaltakte herantasten, die sein Leben als Wolverine beendeten, ist sein grimmer Pazifismus durchaus nachvollziehbar. Und als unser Held auf seinem Road Trip immer mehr Scheiße über sich ergehen lassen muss, fiebern wir natürlich dem Moment entgegen, in welchem er endlich die Schnauze voll hat und die Krallen zückt. Dieser Moment verdient sich dann auch eine der coolsten Doppelseiten des modernen Superhelden-Comics.

Die ganze Reihe ist düster, aber nicht Garth Ennis-düster. Am Horizont ist immer noch der Silberstreif des heroischen Idealismus, für den diese Figuren einmal gestanden haben – und der gelegentliche supergeile Comic-Moment: Habe ich erwähnt, dass unsere Helden an einem Punkt von einem Tyrannosaurus mit dem Venom-Symbionten gejagt werden? Und das ist noch nicht mal der coolste Scheiß, der hier abgeht.

Auch wenn ich den Band hier als abgeschlossene Geschichte betrachte, wird die Geschichte durch diverse Fortsetzungen weitergesponnen, die bis in aktuelle Marvel-Publikationen reichen. Für eine direkte Filmadaption ist das Material zu abgedreht, weshalb man sich klugerweise für eine geerdetere Version des Konzeptes entschieden hat. Ob der Film was taugen wird, bleibt abzuwarten. Der Comic ist jedoch für jeden empfehlenswert, der etwas mit Superhelden-Action anfangen kann. 

Außerdem möchte ich Internetpunkte dafür, dass ich einen ganzen Artikel über ein postapokalyptisches Nordamerika geschrieben habe, ohne Präsident Trump zu erwähnen.

 

 


Die gesammelte Old Man Logan-Reihe gibt es als Paperback auf Amazon:

Wolverine: Old Man Logan (deutsch)

Wolverine: Old Man Logan (englisch)

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2 Gedanken zu “Wolverine: Old Man Logan

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