Michael Moorcock: Behold the Man

beholdtheman

Deterministament von Michael Moorcock.

Auf der Jagd nach guten Zeitreise-Geschichten treffe ich auf einen alten Bekannten: Fantasy-Autor und Hawkwind-Texter Michael Moorcock schrieb baumdicke Sword & Sorcery-Schinken rund um Helden wie Elric oder Corum, die mich schon als kleiner Junge durch ihre Zerbrechlichkeit und flackernden Moralvorstellungen beeindruckten. Weniger berühmt sind seine Arbeiten außerhalb des Eternal Champion-Multiversums, was zumindest im Falle dieser herzzerreißend menschlichen Parabel rund um einen Zeitreisenden mit Messias-Komplex ziemlich tragisch ist.

Karl Glogauer ist ein kaputter Mann: Theologisch verirrt, lebensbildlich gestrandet, sexuell missbraucht und frustriert ist der jüdische Psychologie-Student auf der rastlos-impotenten Suche nach seiner Rolle in der Welt. Da er sein Glück selbst dann nicht zu ergreifen vermag, wenn es sich ihm in ideologischen Debatten oder heißen Küssen offenbart, wählt er den rationalen Weg und klettert kurzerhand in eine Zeitmaschine, mit welcher er im Jahr 28 bruchlandet. Er hat nämlich einen symbolischen Fimmel für die Kreuzigung des Heilands und glaubt fest daran, dass er als Zeuge derselben endlich seinen Seelenfrieden finden kann.

Das klingt alles ein wenig schräg, wenn man es so zusammenfasst.

Trotz theologischer Thematik ist dieser Kurzroman keineswegs als religiöse Literatur zu verstehen: Im Gegenteil entspinnt sich die Geschichte als die Charakterstudie eines zutiefst verstörten Menschen – und ganz nebenbei der gesamten Spezies Mensch, denn in der Wüste irren Sekten, Propheten und Scharlatane auf der Suche nach den gleichen Antworten, die auch Karl zu finden hofft. Dieser wird von den Essenern rund um Johannes den Täufer eingesammelt, welcher im futuristischen Neuankömmling einen gottgesandten Anführer in der Revolution gegen die Römer zu sehen behauptet. Als er sich langsam an den asketischen Lebensstil der heiligen Männer gewöhnt, sieht auch Karl vor lauter Hunger und Hitze Engel – und macht sich schließlich als Pilger auf den Weg nach Nazareth, während er unterwegs Weisheit und Heilung zu spenden und empfangen versucht.

Parallel zur wirren Stolperreise eines angeknicksten Zeitreisenden, der gerade wegen seiner Unsicherheiten achtlos selbst zum Messias wird, malt Moorcock das zutiefst menschliche Bild eines verkappten Intellektuellen auf der Suche nach dem Sinn. Karls mal schräge, mal suizidale Vergangenheit und fantastische Gegenwart entspinnen sich so gleichzeitig zu einem ungewöhnlich komplexen Ganzen. Dieses Bündel an selbstherrlichen Neurosen wird dann zur Bombe, als Karl tatsächlich auf Jesus von Nazareth trifft – und feststellt, dass er dringend in die Geschichte eingreifen muss.

Diese Geschichte ist definitiv nix für Menschen, denen das Neue Testament, Maria und das Jesuskind in heilig sind. Allerdings ist sie auch nicht für Menschen, die mit ausgestrecktem Finger über Religion lachen wollen. Sie ist nicht (ganz) so ulkig, wohl aber so anarchistisch wie Das Leben des Brian. Sie ist eine Meditation über die Bedeutung von Glauben für den aufgeklärten Menschen, die mal so traurig ist, dass man lachen, mal so lustig ist, dass man weinen möchte. Wie ihr Protagonist verschwindet sie dabei manchmal vor lauter selbstherrlicher Wehleidigkeit in ihrem eigenen Arsch und endet mit einem großen Symbol, dem man entweder gar keine oder sämtliche Bedeutung zumessen kann.

Außerdem gibt’s den einen oder anderen wirklich guten Penis-Witz rund um die Erektion des hölzernen Kreuzes. Haha, buhu.


Den Kurzroman gibt es auf Amazon zu kaufen:


Michael Moorcock: Behold The Man

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