Logan

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Superhelden-Abgesang von James Mangold.

Dass der neue X-Men-Streifen kaum etwas mit den bunten Spektakeln der vergangenen Jahre zu tun hat, zeigt sich schon im ersten Bild: Da fällt der unverwundbare Übermensch halbtot und sturzbetrunken aus seinem Wagen und wird von einer Bande von Halbstarken vermöbelt. Als er sich zur Wehr setzt, ist er nicht mehr der kinderfreundliche Streiter für Gerechtigkeit: Seine Klingen, die er seit zwei Jahrzehnten immer nur verwischt am Bildrand oder zwischen Diskretions-Cuts einsetzte, zerreißen Fleisch und Knochen, zerteilen Gliedmaßen, durchbohren Köpfe von Kids, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Eine deutlichere Content-Warnung kann es nicht geben. Und doch ist dies nicht zynisches Exploitation-Kino für gewaltverrückte Teenager, sondern eine erwachsene Mär vom Altern und Scheitern.

In einer Zukunft, die angenehm losgelöst vom verworrenen X-Men-Kanon existiert, sind der abgehalfterte, sterbende Logan und der greise und von Alzheimer geplagte Charles die letzten überlebenden Relikte einer Ära heroischer Mutanten. Wie es dazu kam, dass ihre Identitäten und die Welt um sie herum zerbrachen, wird uns nicht durch holprige X-position (sorry), sondern durch halb geflüsterte Andeutungen, intensive Charakterbeziehungen und starke Motive langsam aufgeschlüsselt. Die Schatten der Vergangenheit wiegen als erdrückender Last auf den Schultern dieser Männer, deren Zeit schon längst gekommen ist – doch als ein Wunderkind zu ihrer symbolischen Hoffnung auf Absolution wird, begeben sich die alten Herren auf eine letzte, verzweifelte Reise.

Der harte Ton des Films und das Bild des gebrochenen Mannes auf einem bedeutsamen Road Trip sind vom hier besprochenen Comic Old Man Logan entliehen. Da hören die Gemeinsamkeiten aber auch auf: Statt eines postapokalyptischen Ödlandes voller Marvel-Memorabilia erwartet uns eine nahe Zukunft, die von gefühlskalter Gewalt und noch kälteren Grenzmauern gezeichnet ist. Wir sehen nur Bruchstücke von dieser Welt, weil unsere Helden dort ungewollte Gringos sind. Nur ausgeblichene Comic-Hefte zeugen davon, dass sie sich in ihrer Hybris einst für die nächste Evolutionsstufe der Menschheit hielten. Die Einsamkeit ihres Gossenlebens steht dabei in krassem Kontrast zu ihrer einstigen Mutanten-Gemeinschaft: So ist auch der von Rost durchlöcherte Wasserturm, in dem Professor Xavier vegetieren muss, eine Perversion der schillernden Kuppel seiner Gottmaschine Cerebro. Mann und Maschine sind Ruinen.

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Da in dieser Welt der Ruinen auch Suizid oder Angriffe gegen Kinder an der Tagesordnung sind, könnte der Film schnell in seinem eigenen Elend ersaufen. Dennoch schwingt ausgerechnet in der brutalen und expliziten Gewalt, zu der dieser Wolverine gezwungen wird, eine befriedigende Katharsis. Gerade weil die Empfänger seiner Klauen diese diesmal auch wirklich verdient haben und ihrerseits auf einmal sehr gute Chancen im Kampf gegen den gefallenen Helden haben, geht einem jeder Schlag durch Mark und Bein.

Gerettet wird die deprimierende Stimmung außerdem von Hugh Jackman und Patrick Stewart, die nach fast zwei Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit an diesen Figuren so reife, nuancierte und herzzerreißende Schauspielleistungen geben, dass sie selbst die chronisch charismatischen Avengers wie Pappaufsteller aussehen lassen. Denn obwohl diese Männer ihr Dasein als Cartoon-Helden begonnen haben, sind sie nun menschlich-komplexe Leinwände für Lebensfragen, die größer als jedes Juxbildheft sind.

Das Leitmotiv, welches in dissonanten Klängen durch jede Szene von Logan hallt, heißt Alter. Unsere Helden sind zutiefst tragische Illustrationen unserer Angst vor dem kriechenden Verfall von Leib und Seele: der unsterbliche und unverwundbare Mann, welcher blutend mit dem siechenden Tod ringt – und das mächtigste Gehirn der Welt, welches von Krankheit und Trauma zerfressen wird. Nach Jahrzehnten konsequenzfreier Spezialeffekt-Schlachten landen diese modernen Halbgötter hart in einer greifbareren Realität, in der Wunden bluten, Entscheidungen schmerzen, Leute sterben.

Das zweite Thema, unter dem Logans Odyssee steht, ist die Bürde von Vaterschaft und Pflege. Dies ist ein Generationendrama, in welchem der brodelnde, frustrierte Zorn des Wolverine zur Projektionsfläche für all die Gefühle von Machtlosigkeit wird, die jeder Mensch, der je mit der Fürsorge um einen geliebten Familienangehörigen überfordert war, nachempfinden kann. Er ringt, manchmal buchstäblich, mit seiner eigenen Wut. Dieser zutiefst menschliche Kontrast zwischen familiärer Liebe und zermürbendem Überdruss machen die fantastisch gespielten Beziehungen zwischen Großvater, Vater und Tochter so bedrückend real, dass es einem beizeiten den Hals zuschnüren kann.

Doch aus dieser ungewöhnlichen Vaterschaft entspringt auch der Optimismus für eine neue Generation, hier verkörpert durch die unglaublich intensive Dafne Keen, die die Messlatte für Kinderdarsteller in Hollywood-Produktionen praktisch in den Orbit schießt. Die verzweifelte Hoffnung der erbärmlichen alten Männer liegt auf ihren kleinen Schultern, dennoch trägt sie diese Rolle mit würdevoller Größe.

Unabhängig davon, wie viel Gutes in dieser neuen Generation stecken mag – ein Teil von mir wünscht sich, dass dies der letzte X-Men-Film bleibt. Ein poetischeres und menschlicheres Ende kann ich mir für die Ära des Superhelden-Kinos nämlich gar nicht wünschen.

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3 Gedanken zu “Logan

  1. Ich war sehr von diesem Film angetan. Die Mischung aus Drama und Superheldenfilm ist äußerst gelungen. Gut, in der Mitte etwas langatmig und ab und zu gabs die typischen Logiklücken (Achtung spoiler: Wie kann ein Baumstamm Adamantium durchbohren? Ein unzerstörbares Metall) Aber im Großen und Ganzen sehr viele Gefühle und auch mitreisend, wenn ich bedenke das 18 Jahre Logan zu Ende gehen 😦

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  2. Pingback: Kritik: Logan – filmexe

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