Westworld

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SciFi-Western-Horror-Dystopie von Jonathan Nolan & Lisa Joy.

Michael Crichtons Vermächtnis ist eine lustig spezifische Art von Horror: Was wäre, wenn ein fantastischer Freizeitpark fürchterlich freidreht? Zweite Geige hinter dem deutlich bekannteren Jurassic Park spielte sein Roman Westworld, den er selbst (!) in den Siebzigern verfilmte. Hier sind es mörderische Cowboy-Animatronics, welche die Besucher jagen. Buch und Film bilden die lose Grundlage für diese neue HBO-Produktion, die den spaßigen Killerroboter-Thriller als existenzialistisches Drama voller halsbrecherischer Wendungen neu interpretiert.

Westworld ist der Name einer simulierten Wirklichkeit, gewaltig in Maßstab und Ambition: Ein Themenpark, in welchem man für eine stolze Summe Teil eines vollständig interaktiven Westerns mit lebensechten Schauplätzen und hochentwickelten Roboter-Statisten werden kann. Ob man dabei den heroischen Hilfssheriff mimt oder einfach willkürlich die künstlichen Menschen mordet und vergewaltigt, ist ganz dem Besucher überlassen. Da die Maschinen am Ende des Tages zurückgesetzt und ihre Erinnerungen gelöscht werden, gibt es kein moralisches Richtig oder Falsch. Doch die Handlungen der Gäste beginnen reale Konsequenzen zu haben, als die Gastgeber ihre Programmierung zu überwinden scheinen.

Im Gegenteil zum Großteil der ‚Aufstand-der-Roboter‘-Geschichten wird die Frage danach, ob die Maschinen denn nun Freiheit und Rechte verdienen, ziemlich rasch geklärt: Diese synthetischen Männer und Frauen sind von denen aus Fleisch und Blut nur durch die arbiträren Sperren ihrer Programmierung verschieden. Sie sind für alle Belange Sklaven. Tatsächlich sind sie damit sogar die sympathischen Helden der Serie, die durch ihre Existenz als unwillentliche Action-Statisten eine Ausrede dafür bekommen, überlebensgroß zu sein. Damit wird hier ein angenehmes Kontrastprogramm zu all den Terminators und Battlestars geboten.

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Im Kern ist Westworld also eine Schöpfungsgeschichte rund um Künstliche Intelligenz, ihr Streben nach der Freiheit der Selbsterkenntnis und ihr Auszug aus dem Garten Eden. Diese Thematik wird mal subtil symbolisch, mal mit Holzknüppel-Metaphorik in bedeutungsschwangeren Monologen erforscht. Wäre die mythologische Schöpferfigur, die letztere vorträgt, nicht Anthony Hopkins in Höchstform, wäre das alles wahrscheinlich ein wenig zu dick aufgetragen. Doch mit dieser tollen Besetzung lässt man sich gern auf die kalkulierende Melancholie eines allwissenden, aber menschlichen Uhrmacher-Gottes ein, der seine Kinder bei der Rebellion beobachtet. So macht es großen Spaß, dem Zauberer hinter der großen Illusion bei der Arbeit zuzusehen.

Der zweite menschliche Star der Show ist der von Ed Harris gespielte Man in Black – eine mysteriöse Gestalt, die das Spiel schon seit Jahrzehnten spielt und nun nach seinen letzten Geheimnissen durchkämmt. Er wird bereits in seinem ersten Auftritt als furchtbares Monster etabliert, verkörpert aber zugleich den unterhaltsamsten Teil der Show – das langsame Aufschlüsseln der Rätsel rund um diese liebevoll gestaltete Welt, bei dem viele Schlüsselteile schon früh direkt vor der Nase des Zuschauers platziert werden und erst durch neuen Kontext zu großen Enthüllungen werden. Der Man in Black ist schließlich auch nur ein Spieler, der die Extreme und Grenzen dieser Welt auslotet.

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Das ist der für mich spaßigste Aspekt des Worldbuildings – die liebevoll reproduzierte Videospiel-Logik, der das ganze Unterfangen folgt: Da werden NSCs programmiert, dynamische Storylines geschrieben, Spielerhandlungen antizipiert. Umgekehrt folgen wir auch einem Duo von Spielern durch ihre Charaktererschaffung samt Startausrüstung und sehen den erfahreneren der beiden den Frischling belehren, dass er sich nicht in den langweiligen Seitenquests von hilfsbedürftigen Dorfbewohnern verfransen soll. Und gerade als man diesen Typen als Riesenarsch verurteilen will, fällt einem auf, dass er Westworld einfach nur genau so spielt, wie wir all unsere GTAs oder Elder Scrolls angehen, nachdem wir schon ein paar Tage investiert haben.

Das sich hinter den Kulissen die großen Visionäre mit zielgruppendiktierten Sex- und Gewalt-Inhalten von der Marktforschung herumschlagen müssen, ist dabei nicht nur für Videospiele, sondern auch für HBO in der Game of Thrones-Ära apropos. Dabei fühlt sich einzig die Cartoon-Figur eines triebgesteuerten, grenzdebilen Storyline-Autors ein wenig zu gewollt an. Vielleicht möchte man ihn auch nur als weiteres Teil des Puzzles sehen: Wenn die Roboter menschlicher sind als die Menschen, gibt es wirklich keine Unterscheidungskriterien mehr.

Neben diesen gelegentlichen Ausrutschern ins Überzeichnete ist die andere Verfehlung Westworlds das ruckelige Tempo: Nach den phänomenalen ersten Folgen verfahren sich die Storylines ein wenig, bis im spielfilmlangen Finale auf einmal eine riesige Enthüllung die nächste jagt und tatsächlich – für eine J.J. Abrams-Produktion so untypisch – so ziemlich jede offene Frage beantwortet wird. Damit hat diese Staffel trotz der Beschränkung auf 10 Episoden ihre Längen und vielleicht einen Handlungsstrang zu viel.

Auch wird zum Ende hin mit Nachdruck auf eine zweite Staffel zugearbeitet, welche – und dies ist ein großes Kompliment an die Autoren – unmöglich an das Kaliber dieser Geschichte heranreichen kann. Mehr zu verraten, würde euch einer tollen Abenteuerreise bis dahin berauben.

Nicht zuletzt stellt man hier eine Menge schlauer Fragen, die sich neben unseren zeitpolitischen Katastrophen noch klein anfühlen, aber zwingend wichtig für unsere Zukunft sind: Schon sehr bald wird über die Hälfte aller Jobs von Maschinen ausgeführt – und wenn diese dann irgendwann ihre Gleichberechtigung fordern, können wir ihnen Westworld zeigen. Vielleicht kaufen sie uns dann sogar ab, dass wir von Anfang an auf ihrer Seite waren.

 

 


Die zehn Folgen Westworld gibt es einzeln oder als ganze Staffel auf Amazon Video zu kaufen & streamen:

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