Guardians of the Galaxy Vol. 2

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Actionkomödien-Weltraumspaß von James Gunn.

Guardians of the Galaxy war ein kleines Wunder von einem Film: Der exakte Moment, in dem die komplette kosmische Abgefahrenheit des intergalaktischen Marvel-Multiversums auch unter Normalsterblichen in einer Form einschlug, die mit nacktem Blick auf die Charakterkonzepte überhaupt kein Recht dazu hatte, so irre gut zu sein. Wenn wir als Zuschauer erstmal den Waschbär-Kopfgeldjäger mit Jetpack und Gatling-Laser und seinen Baum-Sidekick mit Wortschatz-Problematik akzeptiert haben, bleibt die Frage, wo wir diese nun familiär wirkenden Figuren noch hinsteuern können. Zum Glück ist der Angriffswinkel von Vol. 2 mutig, saukomisch und verblüffend emotional.

Die selbsternannten Guardians of the Galaxy sind auch nach der Rettung selbiger eigentlich nur eine glorifizierte Bande von Weltraumsöldnern, die sich ihre Knete mit Gewalt gegen Space-Monster verdienen – zumindest bis sie ihre Auftraggeber gehörig anpissen. Mehr will man gar nicht über die Handlung verraten, weil diese zumindest für Marvel-Maßstäbe recht unorthodox ist: Im Gegensatz zum Schema Origin Story plus unterentwickelter Bösewicht lässt sich diese Fortsetzung einzig von der größten Stärke des ersten Teils leiten – von den coolen und liebenswürdigen Charakteren und ihren verdrehten Wertevorstellungen, unbeholfenen Zwischenmenschlichkeiten und starken Familienbanden.

Natürlich wird noch immer viel Zeug in die Luft gejagt, aber dazwischen lässt man sich die Zeit, die oftmals überraschenden Tiefen dieser bescheuerten Cartoonfiguren auszuloten. Wir bekommen viel Gelegenheit dafür, die malerisch-kreativen Landschaften, Kreaturen und Charakterdesigns unter die Lupe zu nehmen, während wir in spaßigen Dialogen die alten und neuen Freunde und Familienmitglieder besser kennenlernen dürfen. Dabei bekommt wirklich jedes Mitglied des Teams einen eigenen kleinen Handlungsbogen spendiert, an dem der Charakter wachsen kann: So hat Gamora, die im ersten Teil noch die undankbare Rolle des ernsten Profis im Kontrast zur Chaostruppe übernehmen musste, hier die Gelegenheit, endlich mit ihrer Schwester abzurechnen – und das brutale Duell der Töchter des Thanos ist vermutlich das beste Argument dafür, die Ladies nicht mehr zweite Geige in Superheldenfilmen spielen zu lassen.
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Natürlich bekommen auch die Jungs saftiges Drama: Rocket Raccoon manövriert unsere Helden in große Schwierigkeiten und muss büßen, um seine Freunde zu retten. Der für zwischenmenschliche Feinheiten unempfängliche Drax (Wrestler Dave Bautista ist unter all unseren Nasen zu einem richtig guten Schauspieler geworden) unterrichtet die entwaffnend unbeholfene Mantis in genau diesen Feinheiten. Der Ravager-Chef und geheime Publikumsfavorit Yondu offenbart nicht nur seine Vergangenheit, sondern darf die visuell coolste Actionszene des Films anrichten. Und natürlich folgen wir auch dem niedlichen Baby-Groot, der sich als bezaubernd und nicht halb so nervig entpuppt, wie es die aggressive Marketing-Kampagne vermuten ließe.

Zusätzlich zu unseren charismatischen Protagonisten dürfen wir auch große Veteranen des 80er-Jahre-Abenteuerkinos begrüßen, an welches diese Filme ein herzerwärmender Liebesbrief sind – Sylvester Stallone und mein persönliches Totem Kurt Russell verkörpern somit auf mehr als eine Weise die vorherige Generation von Space Cowboys in einer Geschichte, die sich auch um Generationenunterschiede und – für einen Film mit quietschbunten Aliens unverschämt rührend – Vaterschaft dreht.

Diese persönlich-emotionale Note ist es auch, die die Fortsetzung für mich über den ersten Teil erhebt. Als der Abspann beginnt, schmerzen einem nicht nur die Wangen vom Lachen, man tupft sich auch Tränen aus den Augen – ein emotionaler Spagat, den selbst die Avengers noch nie hinbekommen haben. Schuld daran ist natürlich auch wieder der phänomenale Soundtrack aus Starlords Walkman, der die galaktischen Abenteuer in flauschiger Nostalgie erdet.
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Diese wohlige Vertrautheit legt sich streichzart über das neue Abenteuer: Irgendwie ist es James Gunn auch ohne tausend Prequels gelungen, eine ganze Galerie liebenswerter Figuren zu entwickeln, mit denen man gerne mal ein Bier zischen würde. Dadurch ist die emotionale Investition eher mit dem großen Staffelfinale deiner Lieblingsserie als mit nem beliebigen Blockbuster zu vergleichen.

Der Erfolg der Guardians of the Galaxy markierte ein Umdenken der großen Studios, mutige Investitionen in bunte, spaßige Abenteuer zu setzen. Während DCs Suicide Squad alle falschen Lektionen daraus lernte und selbst Iron Man und Captain America sich noch durch langweiligen Beton prügeln, ist die Vermählung von den psychedelischen und farbenfrohen Sci-Fi-Konzepten aus Marvels Jack Kirby-Ära und James Gunns ungezwungener Respektlosigkeit schlichtweg bis zur Waffenfähigkeit destillierter Spaß.

Während nach jedem MCU-Film immer sofort über den nächsten Teil spekuliert werden muss, habe ich nach diesem zweiten, persönlicheren Abenteuer der Guardians of the Galaxy noch immer das Gefühl, hier etwas besonderes zu sehen, das auch in Jahrzehnten noch Gewicht haben wird. Die letzte Szene ist ein emotionaler Moment, der sanft das High von Lachen und Staunen ausklingen lässt – und gleichzeitig Verweise auf die endlosen Möglichkeiten dieses magischen Comic-Multiversums gibt, in der jede abgefahrene Kreatur im Hintergrund ein Held in seiner eigenen Geschichte und Rollenspielgruppe ist. In solchen Momenten merkt man, wie reich gesegnet wir heute mit albernen Fantasien in den Händen guter Geschichtenerzähler sind: Dann, wenn wir die Tränen eines computeranimierten Waschbär-Weltraumpiraten nachvollziehen und trocknen wollen.

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10 Gedanken zu “Guardians of the Galaxy Vol. 2

  1. gegenvernunft

    Schön zu lesen – mehr werde ich da aber nicht machen. Seitdem „Ghost in the Shell“ an den Kinokassen so untergegangen ist boykottiere ich jeglichen Marvel-Film. Es ist für mich unbegreiflich wie diese Unterhaltung für 12 Jährige so erfolgreich sein muss und „anspruchsvollere“ Unterhaltung jedes Mal abgewatscht wird.
    Eine furchtbare Zeit in der wir leben…

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    1. Ich nehme an, der neue GitS wurde „abgewatscht“, weil das mal wieder ein weitestgehend seelenloses Remake eines Klassikers ist, nach dem niemand gefragt hat. Siehe auch „Psycho“, „Robocop“, „Total Recall“ oder „Ben Hur“.

      Was das mit den Marvelfilmen zu tun hat und warum das bei Dir einen Boykottwunsch erzeugt, entzieht sich mir.

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      1. gegenvernunft

        Es ist kein seelenloses Remake, da es per se kein Remake ist, auch wenn der Film den gleichen Titel trägt wie der Manga und der Anime, zudem wurde sogar mit sehr viel Gefühl heran gegangen: Die Japaner haben den Film sehr wohlwollend aufgenommen.

        Der Zusammenhang liegt daran dass es sich bei all dem um Comic-Verfilmungen handelt und ich Marvel-Comics mit ihren ewig christlichen Erlösungsphantasien und ihren pseudo gebrochenen Helden einfach nicht mehr ertragen kann. Es ist die ewig gleiche Geschichte für ein anspruchsloses Publikum, dass immer die gleichen Geschichten hören will: Das man selbst der Gute ist (Identifikation) und am Ende (trotz allem hin und her) das Richtige macht.
        Klar kann der amerikanische Gits nicht mit unglaublichen Tiefgang aufwarten, aber da zeigt sich dass ein Groß des Publikums nichts Neues will, nur seelenlose „Krawumm“-Disney-Filmreihen. Nach denen eigentlich auch niemand fragen sollte, der über 15 ist.

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      2. Ich kann dir da schlicht nicht folgen. Sich beschweren, dass der Kinogänger „nichts Neues“ will, und dann als Beleg ausgerechnet einen Film heranziehen, der „nichts Neues“ ist?

        Der neue GitS ist ein „Remake“, was soll es denn sonst sein? Gleicher Titel, gleiche Charaktere, fast die selbe Handlung , viele Szenen 1:1 wiederzufinden, es wurde versucht, die Stimmung der Zeichnungen in den Realfilm zu übertragen… Mehr „Remake“ geht doch fast gar nicht.

        Meiner Meinung nach sind die Guardians of the Galaxy mutiger, innovativer und kreativer als das. Um Längen. Auch wenn irgendwo „Marvel“ dransteht, und auch wenn mir die Flut an Comicfilmen langsam auch sauer aufstösst.

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      3. gegenvernunft

        Für uns ist es nichts Neues. Für Otto-Normal-Verbraucher schon.

        Es ist kein Remake. Auch wenn die Punkte die du anführst richtig sind. Der Film basiert aber auf zwei Anime u die Handlung ist aus der Arise-Serie. Ein Remake ist so was wie der amerikanische Old Boy: eine (schlechte) Kopie. Gits ist der Versuch dem ganzen Universum etwas neues hinzuzufügen: die Realität.

        Ob das jetzt so innovativ ist, da kann man darüber streiten. Für ein breites Publikum sollte es das aber sein, denn sie kennen weder Anime noch Manga. Kannst du gern anderer Meinung sein. Aber ich halte es nicht für innovativ immer die gleichen Comics zu verfilmen. Mit den gleichen Figuren u witzen.

        Aber jeder wie er will – leider 😉

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  2. „Irgendwie ist es James Gunn auch ohne tausend Prequels gelungen, eine ganze Galerie liebenswerter Figuren zu entwickeln“ Etwas das DC mit Batman v Superman nicht mal ansatzweise geschafft hat (und das trotz Batman Sequel). Ich war auch unterhalten von dem Film, auch wenn mit die slapstick Komponente teilweise etwas zu viel war.

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  3. Super Zusammenfassung – Danke dafür!
    Allerdings kamen mir im Film viel zu viele „Daddy Issues“ vor – das gefühlsduselige hätte ich nicht so in der Ausprägung gebraucht aber Geschmäcker sind ja unterschiedlich 😉

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  4. Pingback: Kritik: Guardians of the Galaxy Vol. 2 – Ist das Kult oder kann das weg? – filmexe

  5. Schönes Review – stimme dir in den meisten Belängen zu, aber für meinen Geschmack gab es auch ziemlich viele Rohrkrepierer – gerade am Anfang des Filmes wirkten einige Gags zu sehr gewollt – „Ich hab gedacht, dein Ding sind Schwerter“, um ein Beispiel zu nennen. Auch gab’s sehr viel Exposition (warum stopft die Priesterin die Charaktere mit Infos geradezu voll?) – wobei das ja ohnehin eine Marvel-Krankheit ist.

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