Neil Gaiman: American Gods

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Mythologie-Americana von Neil Gaiman.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Während der Trailer zu Stephen Kings Dark Tower-Film-Adaption mich noch unsicher zweifeln lässt, wurde ich diese Woche mit der ersten Episode einer TV-Serie überrascht, die eines meiner absoluten Lieblingsbücher so selbstverständlich in angemessen abgefahrene Bilder und Töne übersetzt, dass es mir eine quietschende Freude ist. Die Rede ist von Neil Gaimans American Gods, die Episoden der Starz-Serie erscheinen ab jetzt wöchentlich für lau bei Amazon Prime. Wer noch nicht überzeugt ist, seinen Freunden einen Schritt voraus sein will oder sich nach der Pilotfolge fragt, was zur Hölle er da gerade gesehen hat, den möchte ich herzlich zu einem Blick ins Buch ermutigen. Denn während ich noch den Rest der Staffel vor einem definitiven Urteil abwarten möchte, kann ich ein solches schon über die Vorlage fällen: Sie ist sehr gut.

„There are new gods growing in America, clinging to growing knots of belief: gods of credit card and freeway, of Internet and telephone, of radio and hospital and television, gods of plastic and of beeper and of neon. Proud gods, fat and foolish creatures, puffed up with their own newness and importance.“
– Mr. Wednesday

Es ist wie einer dieser Gute-Nachricht-Schlechte-Nachricht-Witze. Die gute Nachricht ist, dass Shadow Moon vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen wird. Die schlechte Nachricht ist, dass seine Frau bei einem Autounfall verstorben ist. Als er auf dem Heimflug zufällig in die erste Klasse versetzt wird, wartet dort der schrullig-mysteriöse Mr. Wednesday auf ihn – und bietet dem nun jeder Existenzgrundlage entzogenen Shadow einen Job an. Einen Job, der ihn direkt an die Front eines Krieges zwischen den Pantheons der alten und neuen Götter Amerikas befördert. Seine Reise spinnt sich zu einem düsteren Märchen voller Gewalt, Humor, Sex, Weisheit und Poesie.

Dass der Autor ein Talent für das kulturelle Mashup von historischen Sagenwelten hat, zeigte er bereits in seinem Meisterwerk Sandman (der besten Comic-Reihe aller Zeiten, fight me). Gaimans Amerika ist bevölkert von tausenden großen und kleinen, berühmten und obskuren Göttern. Der für mich spannendste Aspekt des Buches ist die so liebevoll recherchierte und clever rekontextualisierte Folklore. Hier treffen altbekannte und fast völlig vergessene Sagengestalten auf ein neues, viel zu komplexes Zeitalter und geben uns mal zutiefst tragische, mal brüllend komische Einblicke in ihre göttlichen Werke. Denn jede einzelne dieser Figuren ist so spaßig und interessant, dass ihre Verehrung nur gerechtfertigt scheint – vom gewitzten afrikanischen Entertainer Mr. Nancy bis zum schnippischen ägyptischen Chronisten Mr. Ibis:

„Back in my day, we had it all set up. You lined up when you died, and you’d answer for your evil deeds and your good deeds, and if your evil deeds outweighed a feather, we’d feed your soul and your heart to Ammet, the Eater of Souls.“
„He must have eaten a lot of people.“
„Not as many as you’d think. It was a really heavy feather. We had it made special. You had better be pretty damn evil to tip the scales on that baby…“

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Es ist eine Geschichte, in der die warme Nostalgie des Alten dem industriellen und technologischen Fortschritt des Neuen die Stirn bietet. Eine Geschichte über Geschichte, über die verschwommenen Linien zwischen Sage und Bericht, Mythos und Realität.

Es ist aber auch ein Road Novel: Eine Reise durch die endlosen Weiten Amerikas, welche Neil Gaiman in den 90ern zu seiner Wahlheimat machte und fasziniert aus der Perspektive des britischen Einwanderers beobachtete. Wahrzeichen und Touristenfallen werden zu Schreinen und heiligem Boden. Das House on the Rock, welches neben abgedrehter Architektur auch das größte Karussell der Welt zu bieten hat, wird zu einem Portal und Treffplatz der Götter. Doch zwischen diesen Stationen legt Shadow weite Distanzen zurück, mal allein, mal in Begleitung sonderbarer Gesellen.

Dabei wirkt es sehr märchenhaft, dass die Handlung für die ersten zwei Drittel des Romans zunächst nur Episoden sind, eine Odyssee, durch die der Protagonist überfordert hindurchstolpert – dies ist jedoch seine Rolle als Beobachter dieser sonderbaren Welt, die er schließlich mit seinen großen Taten zum riesigen (und, liebe Serienproduzenten, unverfilmbaren) Finale eindrucksvoll auf den Kopf stellt.

Aufgebrochen wird die Reise von Shadow Moon von einer Reihe von Kurzgeschichten, die in den ‚Coming to America‘- und ‚Somewhere in America‘-Vignetten die Vielfalt des Landes und den Maßstab des Geschehens ausbauen: Da werden Geschichten von Einwanderern erzählt, die dem Ruf ihrer Götter über Landbrücken oder an unbekannte Strände folgen. Von längst vergessenen Göttern, welche die Straßen der Großstädte auf der verzweifelten Suche nach den letzten Krümeln Anbetung durchkämmen, während sie sich irgendwie durchjobben. Und von Menschen, die mit den Märchen ihrer Großeltern uralte Fabelwesen am Leben halten.

Schlussendlich ist American Gods nämlich vor allem eines – eine Geschichte über Immigration und Immigranten. Eine Geschichte über Männer und Frauen, die ihre Heimat verlassen und ihre Kultur mit sich in die neue Welt bringen, wo sie die Fragmente ihres Glaubens und ihrer Werte zu einem bunten Flickenteppich weben. Auch wenn das Buch in einer optimistischen prä-9/11-Welt geschrieben wurde, erklärt es sich von selbst, dass diese Geschichte in einer Zeit von Xenophobie und Grenzmauern nur an Relevanz gewonnen hat.

„Nobody’s American,“ said Wednesday. „Not originally. That’s my point.“


American Gods gibt es in der Sprache deiner Wahl als Buch oder TV-Serie auf Amazon:


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4 Gedanken zu “Neil Gaiman: American Gods

  1. Nach dem TheDarkTower Trailer bin ich auch noch skeptisch, ist aber sicher auch schwierig sowas zu verfilmen. Überhaupt finde ich Stephen King Verfilmungen meistens enttäuschend weil er so anschaulich schreibt, dass man es gar nicht originalgetreu verfilmen kann.
    Entweder man macht was ganz Neues draus, dann KANN es gut werden oder man muss einen Mehrteiler machen weil ein Stephen King Buch nicht in einen einzigen Film passt 😉
    Bei American Gods konnte ich mir bisher nix drunter vorstellen, da ich aber Prime Kunde bin werde ich jetzt mal einen Blick reinwerfen, danke für den Tipp.
    LG Diana

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  2. Ich war gar nicht so begeistert von American Gods. Die Grundidee finde ich wahnsinnig faszinierend, die vielen Charaktere spannend. Aber gerade der Hauptcharakter bleibt für mich ein Schatten. Eben weil er nur Beobachter ist und gerade in der ersten Hälfte kaum Gefühle zeigt. Vielleicht steh ich auch einfach nicht auf Road Trips…
    Auf die Serie bin ich sehr gespannt, die Trailer sehen außergewöhnlich aus! Nur… Die Besetzung von Wednesday irritiert mich enorm, weil er sooo stark von der Originalbeschreibung abweicht. Sowas macht mich ganz kirre…

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