Get Out

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Sozialkritische Horror-Mystery-Thriller-Komödie von Jordan Peele.

Da ich Jordan Peele bisher nur in seinen Sketch Comedy-Rollen als Präsident ObamaSexy Vampir oder Power Metal-Projekt mit Budget-Problemen kannte, war ich, wie der Rest der Welt wahrscheinlich auch, ganz schön irritiert, als er sich plötzlich als Autor und Regisseur für einen Gruselfilm versuchte. Der Trailer versprach aber einen bizarren, unheimlichen und lustigen Fingerzeig auf das Race Relations-Pulverfass – und das Ergebnis ist eine Reise in eine andere Haut, die einen erst hypnotisiert und dann gewaltsam wachrüttelt.

Chris (Daniel Kaluuya aus Black Mirror) liebt Rose. Um diese Liebe offiziell zu machen, reist er mit ihr zum dekadenten Anwesen ihrer Eltern, hat dabei jedoch Schiss – Rose hat ihrer Familie nämlich noch nicht erzählt, dass er schwarz ist. Und obwohl die erste Begegnung glimpflich zu verlaufen scheint, strahlt der abgelegene Hof mit den weißen Bonzen, schwarzen Bediensteten und unausgesprochenen Geheimnissen eine unheimliche Atmosphäre aus.

Eine Eigenschaft, die wir an Kunst jeder Art mehr feiern sollten, ist ihre Fähigkeit, Empathie zu wecken. So durfte ich mir für die Dauer des Films die Augen eines jungen Mannes ausleihen, der eine andere Hautfarbe hat. Die bekanntlich ohnehin schon unangenehme soziale Situation, Ihre Eltern kennenzulernen, erhält durch diesen lächerlich kleinen Unterschied eine ganz neue Dimension von Unbequemlichkeit. Natürlich ist es albern, wenn mein Schwiegervater mit dem Kreuzchen für Obama prahlt. Aber dann häufen sich die blöden Kommentare, die schrägen Blicke – und als Zuschauer muss ich mir selbst überlegen, wo ich meine Grenze ziehen würde: Was zur Hölle ist eigentlich Rassismus?
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Get Out ist aber viel zu clever geschrieben und toll gespielt, um einfach nur eine dünne Blaxploitation-Gaudi über Upper Class-Menschenjäger-Nazis zu sein. Stattdessen reden und handeln diese Leute so skurril und realitätsfremd wie David Lynch-Figuren: Manchmal ist es nicht, was sie sagen, sondern wie sie es sagen. Gemeinsam mit Chris navigieren wir diese total bizarre Situation und versuchen herauszufinden, was genau hier eigentlich gespielt wird.

Eigentlich möchte man gar nicht glauben, dass Peele das erste Mal Regie führt. Dafür sind die Bilder viel zu stark und schön. Sein Talent als Autor hingegen scheint durch jeden Aspekt des Skripts: Da gibt es viele kleine Vorahnungen und Echos, Zitate aus aktuellen Schlagzeilen und bedeutungsschwangere Metaphorik in den Instrumenten von Kontrolle und Widerstand. Und trotzdem ist sein Comedy-Hintergrund besonders im zum Schießen komischen B-Plot um den besten Kumpel des jungen Paares spürbar, der als Stimmungsaufheller beginnt und dann auf einmal wichtig wird.

Am Ende hätte so einfach eine, ähem, schwarz-weiße Moral über böse Ausgrenzung stehen können. Stattdessen bekommen wir durch beeindruckende Bildsprache und intensive Dialoge ein komplexes Bild von einer privilegierten Leitkultur, die sich selbst damit brüstet, Rassismus gelöst zu haben, stattdessen aber noch immer Schwarze utilisiert, fetischisiert und marginalisiert.

Die Ursachen solcher systematischer Marginalisierung lassen sich im echten Leben selbstverständlich nicht so einfach abmurksen wie ein Filmbösewicht. Gute Filme aber können ein Bewusstsein und neue Perspektiven für beide Seiten schaffen, Augen, Hirne und Diskussionen öffnen – und Get Out ist ein guter Film.

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2 Gedanken zu “Get Out

  1. Pingback: Kritik: Get Out – filmexe

  2. Pingback: Meine Listen: Media I – Es wird Zeit, dass es Zeit wird.

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