American Gods

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Pantheon-Television von Bryan Fuller, Michael Green & Neil Gaiman.

Dass Neil Gaimans großartiger (und hier zuvor besprochener) Roman American Gods sich im TV-Format so großer Beliebtheit erfreut, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Immerhin haben ich und viele andere Jünger so jede Woche eine Stunde wertvoller Zeit auf dem Altar namens Amazon Prime geopfert, um den Einfluss der alten und neuen Götter durch kulturelle Teilhabe wachsen zu lassen. Dass der Großteil dieser Macht an die Götter von Fernsehen und Internet geht, die hier so wundervoll in Szene gesetzt werden, setzt die Serie in ein symbolträchtiges Konkurrenzverhältnis mit der altbackenen Buchvorlage. Wäre da nicht Göttervater Neil Gaiman, der noch immer seine Finger mit im großen Spiel hat…

Nach dem Tod seiner Frau und seiner Entlassung aus dem Knast begegnet der Gauner Shadow Moon (Ricky Whittle) dem unheimlichen Mr. Wednesday (Ian McShane). Dieser bietet dem Ex-Häftling unter ominösen Umständen einen Job an – und bald stellt sich heraus, dass er ihn als seine Schachfigur in einem kosmischen Krieg rekrutiert hat: Einem Krieg, der zwischen den aussterbenden Göttern der heidnischen Siedler Amerikas und den neuen Göttern von Serverfarm und Bildschirm ausgetragen wird. Es ist eine Geschichte von Immigranten, die ihren Glauben mit an die Küsten Amerikas bringen und dort Kompromisse mit der neuen Weltordnung schließen.

Wer mit dem Buch vertraut sein sollte, dem wird bereits aufgefallen sein, dass die Serie inhaltlich ungewöhnlich nah an der Vorlage bleibt. Es wäre so leicht gewesen, diese abgefahrene Material zu einem publikumswirksamen Action-Drama herunterzudummen, in dem Thor das Internet verprügelt oder so. Stattdessen hat sich Bryan Fuller für dieses Wunschprojekt stark gemacht, dessen Händchen für wunderschöne Szenenbilder, die man sich einrahmen und an die Wand hängen möchte, schon Hannibal von einer billigen Horrorshow zu einer stylish-makaberen Mär verwandelte. Jetzt, wo er nicht mal mehr als Ausrede an irgendeine Form von Realität gebunden ist, dreht er völlig frei – und entführt den Zuschauer auf eine psychedelische Traumreise voller explodierender Farben und kosmischer Wunder. Diese Serie ist in jedem Wortsinn bildgewaltig.

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Die Geschichte um die Rekrutierungsreise von Shadow und Mr. Wednesday bleibt zwar der erzählerische Kern dieser Serie, doch wir verbringen auch ganze Episoden mit dem bizarren Duo aus der toten Laura (Emily Browning) und dem Leprechaun Mad Sweeney (Pablo Schreiber), die auf ihrem eigenen Trip sind. Diese spannenden, tragischen und komischen Charaktere bekommen so endlich die Zeit, die sie verdienen.

Jede Folge wird zusätzlich durch ‚Coming to America‘- oder ‚Somewhere in America‘-Vignetten ergänzt. Hier werden Kurzgeschichten über Götter und Gläubige erzählt, die ein neues Leben im Land der unbegrenzten Möglichkeiten suchen. Diese gehörten schon zu den Höhepunkten des Buches und werden hier visuell beeindruckend umgesetzt und liebevoll ausgebaut. Geschichten wie die einsame Liebe zwischen einem Tandverkäufer und seinem Taxifahrer, der sich als ein Ifrit entpuppt, oder Bilquis, die einst als Königin von Saba die Herzen und Körper ihrer Anhänger regierte und nun via Online-Dating Partner finden muss, die sich ihr im Gebet hingeben, werden hier nicht nur visuell fantastisch umgesetzt, sondern sogar auf clevere Weise zurück in die Haupthandlung geflochten.

Dass man sich hier so viel Zeit mit diesen Einzelschicksalen und der Entwicklung von Nebenfiguren und Kosmologie lässt, macht American Gods zu einem lebendigen, farbenfrohen Pantheon voller großer und kleiner Götter, von denen manche in Schande und Armut leben, während andere vom Aufschwung eines neuen Zeitalters profitieren.

Das Casting dieser spannenden Figuren ist irrsinnig gut: Auf der Seite der alten Götter haben wir Peter Stormare in der Rolle des kumpelhaft-bedrohlichen Czernobog oder Orlando Jones als der afrikanische Trickster und Geschichtenerzähler Anansi, die beide auf ihre Weise mit dem Schicksal ihrer Vergessenheit umgehen. Auf der Seite der neuen Götter begegnen wir Bruce Langley als dem Herrn der digitalen Welt, der König Joffrey ernste Konkurrenz um den Titel ‚Most punchable Kid on TV‘ bietet. Und der frostigen Schönheit von Gillian Anderson, deren Göttin Media sich mal als Marilyn Monroe, mal als David Bowie verkleiden darf.

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Ich beneide die Leute ein wenig, die American Gods zuerst als Serie entdecken. Ein Großteil des Spaßes für die ersten paar Episoden ist es, dass sich der Zuschauer zeitgleich mit Shadow in völliger Reizüberflutung langsam zusammen puzzlen muss, was wir gerade gesehen haben und was hier eigentlich gespielt wird. Dass die Antworten auf solche Fragen immer leicht außerhalb der Reichweite baumeln und wir teilweise große Abstecher in scheinbar zusammenhangslose Szenen machen, dürfte so manches Publikum frustrieren. Immerhin bleibt dieser Shadow nicht passiver und regungsloser Beobachter, sondern flucht schon bald in deutlichen Worten lautstark über die Absurdität von all diesen Ereignissen. Das macht ihn mir sehr sympathisch.

So manchen könnte auch das Tempo der Erzählung frustrieren. Dadurch, dass wir so viel Zeit mit Nebenfiguren und Kurzgeschichten verbringen, bewegen sich die eigentlichen Protagonisten nur langsam ihrem Ziel entgegen. Tatsächlich liegt das aber daran, dass dies mehr als eine Adaption ist: Autor Neil Gaiman schrieb an jeder einzelnen Episode und ergänzte so das ohnehin bereits großartige Material um starke neue Visionen und detailverliebte Ausarbeitungen von Figuren, die vorher eindimensional waren – oder wie im Falle des Technical Boy um zeitgemäße Updates veralteter Stereotypen. Das diese neuen Szenen und Dialoge noch immer seine klare Handschrift tragen, ist empirisch an der Menge an Tränen messbar, die ich gelacht und geheult habe. Hier ist ein Buch zu einer begehbaren Welt geworden, in der ich gern mehr Zeit, nein, mein ganzes Leben verbringen würde.

American Gods bleibt eine wundervolle Geschichte voller Tragik, Witz und Weisheit, die im Jahr 2017 nur an Bedeutung gewonnen hat. Eine spätere Episode eröffnet mit einer Gruppe Menschen, die nach Amerika fliehen, um dort ihr Glück zu finden – nur, um von einer militanten Bürgerwehr niedergeschossen zu werden. Beide Seiten beten zum gleichen Gott, der wie seine Gläubigen ein Einwanderer in diesem Land ist.

 

 

 


Alle 8 Folgen der ersten Staffel American Gods gibt es für lau auf Amazon Prime Video:

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4 Gedanken zu “American Gods

  1. Interessanter Bericht.
    Während ich Media liebe, ist mir persönlich das Erzähltempo zu gestreckt. Gerade mit der nun kommenden Pause. Wobei nicht hilft das meine Sympathie für Wednesday übersichtlich ist

    Wegen der Einwanderer sowie die vermeintlich Christen. Da kam doch recht deutlich heraus das letztere nicht zu Christus respektive Gott beten?

    Gefällt 1 Person

    1. Ich hab mir die Szene grad nochmal angeschaut und du hast vollkommen recht, dass diese Herrschaften Vulkan-Waffen nutzen! 🙂

      Sie tragen aber auch reichlich Kruzifixe und Rosenkränze. Da diese Menschen eine ziemlich offensichtliche Spitze Richtung NRA-Republikaner sind, funktioniert das Symbol schätze ich so oder so.

      Gefällt mir

  2. Pingback: Die letzten fünf Serien: Tote Mädchen, vergessene Götter und gescheiterte Existenzen – Christian Buggischs Blog

  3. Pingback: American Gods – Staffel 1 – Kritik – Filmexe – Blog über Filme und Serien

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