Wie blöd ist Valerian?

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Space-Pupskonzert von Luc Besson.

Die allerschlimmsten Filme sind nicht die Totalschäden, die ungewollt oder absichtlich schlechten, die so-bad-it’s-good-Kandidaten: Es sind die Filme, die mit tollen Ideen und unglaublichen Bildern um die Ecke kommen, nur um sie dann mit flammender Inkompetenz gegen die nächste Wand zu setzen. Valerian ist so ein Film. Die wunderschönen Trailer versprechen ein kunterbuntes Multiversum voller kosmischer Wunder, welches 20 Jahre nach Luc Bessons Das Fünfte Element eine noch größere Space Opera mit überschäumender Kreativität verspricht. Und irgendwie liefert das Endprodukt auch genau das – und findet dann einen Weg, all dies mit Blödheit zu versenken. So viel Blödheit, dass ich eine Liste machen muss, um meinen Frieden zu finden.

Im 28. Jahrhundert koexistiert die Menschheit friedlich mit allerlei ulkigem Alien-Gefläuch – und der Schmelztiegel ihres kulturellen Austausches ist die zur Utopia gewachsene Raumstation Alpha. Valerian (Dane DeHaan) und Laureline (Cara Delevigne) sind Regierungsbeamte, die der vereinten Menschheit und unter ihrem Commander (Clive Owen) dienen und Geheimaufträge an der Schmerzensgrenze der Legalität ausführen. Nach einem solchen Raubzug finden sie heraus, dass ihr Diebesgut heißer als gedacht ist – und ihr Commander wird entführt, Schreck lass nach!

Disclaimer:
Das ist der Punkt, an dem ich gestehe, die Comics nie gelesen zu haben. Nach allem, was ich darüber gehört habe, sind die sehr gut – und der Film fängt zumindest konzeptuell die drogeninduzierte, sexy Abgefahrenheit der französischen Métal Hurlant-Szene ein. Ich kann aber eben nicht sagen, wie eng man sich hier an die Vorlage hält und wie viele Probleme das verursacht. Die folgenden Beobachtungen beziehen sich daher einzig auf den Film – und sind meine Meinung. Du darfst gerne Spaß dabei haben und wir werden trotzdem Freunde bleiben, versprochen.
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1. Erzähltempo

Valerian hat einen so starken Start, dass man ernsthaft die erste halbe Stunde als Kurzfilm oder Pilotfolge für deine neue Lieblingsserie auskoppeln sollte. Die erste große Actionszene ist ein Heist auf einen intergalaktischen Markt, der zum größten Teil in anderen, nur über VR-Brillen wahrnehmbaren Dimensionen existiert. Das klingt schon wie der geilste Scheiß – und ist auf der Leinwand irre kreativ und clever.

Dann kehren unsere Helden auf die Raumstation Alpha zurück – und das Tempo kriecht bis zum völligen Stillstand. Da laufen wir erst in einer Reihe langweiliger Korridore durch zwei Briefings, in denen uns genau das gleiche erzählt wird. Und als die Action dann endlich wieder startet, schneidet der Film alle fünf Minuten zu einem General in einem weißen Raum, der mit Monitoren interagiert, die uns Sachen sagen, die wir schon wissen. Da spielt auch eine Szene, in der er endlich die Sicherheitsfreigabe für ein paar Akten bekommt – nur um festzustellen, dass diese nur wenige Infos enthalten und der interessante Kram eine höhere Sicherheitsfreigabe erfordert. Das ist eine Szene in diesem Film über Space Aliens!

Je näher wir dem Finale kommen, um so schleppender bewegt sich der Plot voran, mit einer Reihe von Szenen, die eigentlich nur Eye Candy ohne Substanz sind. So müssen wir zum Beispiel Rihanna gefühlte fünf Minuten lang beim Strippen zuschauen. Oder wir sehen, wie Laureline mit einer Lebensform interagiert, die ihre Gedanken durchforstet – in Form einer minutenlangen Clipshow von Szenen von vor einer Stunde, die uns gar nix über die Charaktere sagen. Und das Finale selbst ist dann ein schmerzhaft langer, beschissen geschriebener Dialog im langweiligsten Raum des ganzen Films. Langweiliger als der weiße Raum mit den Monitoren.

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2. Der Idioten-Plot

Der Plot von Valerian ist… konfus. Man könnte ein Trinkspiel daraus machen, das Ding alle zehn Minuten anzuhalten und seine Freunde zu zwingen, die Ziele und Motivationen der Charaktere in einer gegebenen Szene zusammenzufassen. Zu keinem Zeitpunkt scheint irgendeine Dringlichkeit zu bestehen, als unsere Helden episodische Abstecher in Nachtclubs, Ork-Paläste und Unterwasser-Reservate machen und dort so lange rumgammeln, dass wir schon längst vergessen haben, dass es eigentlich um die Rettung eines Regierungsbeamten geht. Oder so. Stattdessen werden immer mal wieder dumme, offensichtliche Sachen direkt in die Kamera gesagt, falls der Zuschauer zwischendurch eingenickt ist.

Mein Leidensgenosse Pierre (Hi Pierre!) macht mich nach dem Abspann darauf aufmerksam, dass der Bösewicht des Films schon lange vor den gesehenen Ereignissen 1.) komplette Kenntnis über sein Problem und 2.) die perfekte Lösung in Form einer loyalen und umprogrammierbaren Roboterarmee hatte. Der gesamte Plot baut also darauf auf, dass der Schurke wie ein Vollidiot darauf wartet, dass sein Plan auffliegt und vereitelt werden kann, wenn er ihn schon vor Ewigkeiten gefahrlos in die Tat hätte umsetzen können, ohne dass irgendwer Fragen stellt. Wenn der Plan einfach nur eine tickende Bombe im Herzen der Stadt gewesen wäre, wäre das schon um ein Vielfaches spannender gewesen.

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3. Die totale Abwesenheit von Charakter oder Identität

Die Space Opera funktioniert nur dann, wenn die wirre Abgefahrenheit der unbegrenzten Möglichkeiten durch Menschlichkeit geerdet wird. Unsere Anknüpfpunkte in diesem Film sind beide tolle Schauspieler, denen leider Rollen mit der Konsistenz von nassem Weißbrot zugeschneidert wurden. Die Hälfte ihrer Interaktionen besteht daraus, dass sie gegenseitig Charaktereigenschaften beschreiben, die wir niemals in irgendeiner Form zu Gesicht bekommen. Szenen enden mit One-Linern, die den Tonfall und das Timing von Punchlines haben, aber nicht im geringsten lustig sind. Zwei Mal bringt mich der Film zum Schmunzeln, das wars aber auch.

Die größte Sünde dieses Films ist aber, dass er uns in einem hirnsprengend turbogenialen Setting aussetzt – und nach dem ersten Akt überhaupt nichts damit macht. Es wird nur mit wenigen Aliens interagiert, und die sind alle auch die langweiligsten Figuren. Die abgefahrenen Viecher und Habitate werden nur als Hintergrund für langweilige Prügeleien oder noch langweiligere Gespräche benutzt. Unsere Protagonisten haben Raumschiffe, die durch die Zeit reisen können, und ein Arsenal futuristischer Gadgets – aber wir sehen die Dinger nie (oder nie bedeutungsvoll) im Einsatz. Am sauersten stößt mir auf, dass sie die ganze Zeit mit einem schnuffigen Schoßhündchen (Transmutator-Plüschtier wann?) herumlaufen, das Materie unendlich vervielfältigen kann – und es darf nie aus seiner Box raus geschweige denn Energiespeicher oder Munition oder irgendwas anderes schlaues für unsere Helden reproduzieren. Und als dann eine interessante Außerirdische (Rihanna) mit nützlichem Gimmick auftaucht, darf sie nur in einer Szene mitmachen. Könnte ja zu aufregend werden.

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4. Sexismus! Yay!

Rihanna ist dann auch die Hälfte des unverzeihlichsten Problems mit diesem Film. Ich mache keinen Hehl daraus, ein hochstufiger Social Justice Wizard zu sein, aber die hier präsentierten Frauenbilder sollten selbst Menschen, die sich nicht als Feministen bezeichnen, als arg problematisch auffallen. Alien-Rihanna wird für ihre kurze Zeit auf dem Schirm einzig dadurch motiviert, dass Valerian sie dafür lobt, wie gut sie für ihn gestrippt hat. Ihr ganzer Lebensinhalt ist ihre Bestätigung als Lustobjekt.

Und dann wäre da noch Laureline, die eindrücklich bestätigt, dass Karate-Skills keine starke weibliche Rolle machen. Sie tänzelt durch eine Reihe knapper Kostümchen – mit dem einzigen Ziel, ebenfalls Bestätigung von ihrem männlichen Vorgesetzten und Mitstreiter zu erhalten. Ihr einer Witz ist buchstäblich ein „Women be shopping“-Gag, ihre Charakterentwicklung endet damit, dass sie endlich den Heiratsantrag eines Mannes akzeptiert, der sich in keiner Weise gebessert hat. Dieser beweist seine Liebe dadurch, dass er mit dem letzten Satz des Films die Sextapes seiner vergangenen Affären löscht, weil so gesunde Beziehungen funktionieren. Schnitt auf den Abspann, über den ein Pop-Song läuft, in dem Sängerin Alexiane das Mantra „I gotta be a man“ skandiert. In einem Film, dessen Titel vorsätzlich die weibliche Hälfte des „Valerian and Laureline“-Comics verschluckt.

Soll das irgendein dämlicher Witz sein? An diesem Punkt isses doch Absicht, Lektion und Take-Home-Message. Ich weiß, dass diese französischen Comics nicht zwangsweise die besten Frauenbilder präsentieren, aber hier lag die Gewalt wirklich in der Hand eines Regisseurs und Autors, dessen Vorwerke Filme wie Das Fünfte Element, Léon der Profi oder Nikita umfassen, deren mal stylisch überzeichnete, mal niedlich-infantilisierte Mädels auf einmal alle einen wirklich unangenehmen Beigeschmack durch genau so nen Bullshit bekommen.

 

 


Valerian ist mit einem Budget von 200+ Millionen Frankreichs teuerster Film aller Zeiten. So viel Gutwillen wurde auf dieses vielversprechende Mammutprojekt gehievt, dessen Endprodukt ein so seelenloses Green Screen-Müllfeuer ist. Ich habe wirklich versucht, dich zu lieben – aber ich kann nicht.

Wer Bock auf ne wirklich spaßige Space Opera hat, kuckt sich lieber den letzten Guardians of the Galaxy an. Oder spielt Mass Effect. Oder schaut mit mir zum hundertsten Mal Rick and Morty. Aber bitte vermeidet Valerian, wenn euch Zeit und Geld wertvoll sind. Es sei denn natürlich, das klingt für euch alles trotzdem nach Spaß.

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17 Gedanken zu “Wie blöd ist Valerian?

  1. Sólveig Freysdóttir

    Danke für deine Einschätzung.
    Genau das was du beschreibst, habe ich befürchtet. :-/
    Ich dachte darüber nach mir den Film anzusehen und habe dann gehadert, weil ich mir meinte: bestimmt haben die im Trailer wieder alles verbraten was gut ist.
    Aber ich mag auch die Figuren nicht, ehrlich gesagt.

    Warum meinen neuerdings alle es wäre so toll, mit dem Durchbrechen der Vierten Wand zu arbeiten? Das funktioniert nicht immer, es ist nicht immer gut.

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    1. Sorry, irreführende Formulierung: Vierte Wand bleibt intakt. Gerade gegen Ende hin haben die Figuren aber eine Tendenz, Plotpunkte ohne jede Subtilität zusammenzufassen, weil der Zuschauer nicht ernst genommen wird. Da fallen Sätze wie „Das wird der Grund sein, warum diese Person gefangen und verhört wurde“, als wären wir nicht selber vor zwanzig Minuten drauf gekommen. Im Kontext isses noch dümmer, versprochen.

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  2. Danke für die ehrliche Besprechung. Ich persönlich halte ja Luc Besson für überschätzt. Im Gegensatz ihm verwechsle ich auch nicht sexualisierte Actionmiezen mit starken Frauenfiguren. Der Trailer sieht wirklich toll aus, aber ansehen werde ich mir den Film im Kino trotzdem nicht. Da greife ich lieber zu einem der Comic-Bände, die ich noch nicht kenne.

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  3. Hmm… Ich wollte mir dem Film ja ansehen. Nun bin ich zumindest unentschlossen. Ich werde es wohl trotzdem tun, wenn auch nun mit völlig anderen Erwartungen. Bin nämlich neugierig, ob es echt so übel ist… Vielleicht sollte ich aber warten, bis er im Free TV kommt.

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  4. Danke für deine ausführliche und absolut verständliche Sicht.
    Ich wollte mit den Film auch anschauen, nun bin ich davon ab.
    Ist der Film denn in irgendeiner Form technisch gut? Hat er irgendwas, was ihn doch ansehnlich macht?
    Auch wenn ich ihm mir nicht im Kino schauen werde, so läuft es vermutlich darauf hinaus, dass ich ihn mir auf DVD holen werde.

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    1. Optisch macht der Film einiges her. Der Trailer lügt nicht, wenn er beeindruckende Bilder mit kreativen Viechern, quietschbunten Schauplätzen und wunderschönen Kostümen verspricht. Leider isses wirklich style over substance.

      Wenn du dir die DVD zulegst, empfehle ich, einfach nach der ersten halben Stunde aufzuhören und es als einen irre spannenden Kurzfilm über einen interdimensionalen Schatzraub mit vielen cleveren Science Fiction-Ideen zu sehen.

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      1. Naja, ganz so einfach ist es nicht.
        Ich kann nur schwer einen Film vorher aus machen.
        Ich muss das ganze Bild haben und dann will ich es für mich und meine Leser beurteilen.
        Ich will einen Film nicht nur die ersten 30 Minuten sehen, sondern auch die letzten 90.
        Aber deine Einschätzung hilft mir, was ich zu erwarten habe.

        Vielen Dank.

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  5. Danke! Mal wieder würde ich nur zu gern 5.000mal auf den Like-Button hämmern! Ich selbst komme gerade aus dem Film und habe innerlich gekocht. Was für ein verschenktes Potenzial! Welch unfassbar schlechten Dialoge! Der Film führt derzeit unangefochten meine Hitlist der schlechten Filme 2017. Eine Schande, dafür Geld ausgegeben zu haben …

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  6. Super Rezension, du hast die Missgriffe der Macher wirklich gut auf den Punkt gebracht. Auch ich war von dem Film ziemlich enttäuscht…auch wenn ich es in meiner Rezension weniger krass ausgedrückt habe und ihm dank der teilweise doch sehr beeindruckenden Bilder trotz allem noch einen gewissen Schauwert zusprechen würde.
    Den Plot fand ich eigentlich keineswegs konfus sondern eher sehr vorhersehbar…sobald Valerian und Laureline den Kommandoraum auf Alpha betreten und ihnen Clive Owen als einziger weiterer größerer Name des Cast gegenübertritt weiß man sofort was es geschlagen hat. Auch das Trara rund um die Beziehung der beiden Hauptfiguren ist von der ersten Interaktion an in Stein gemeißelt und weicht keine Sekunde vom vorgegebenen Standardmodell ab.
    Außerdem hat mich nocn ein Punkt sehr gestört – Dane DeHaan mag ein guter Schauspieler sein aber meiner Meinung nach eine komplette Fehlbesetzung. Nicht mal für eine Sekunde habe ich dem blass und kränklich ausschauenden DeHaan den Badass und weltbesten Superagenten abgekauft.

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  7. Oh je, ich hatte es mir eigentlich überlegt, in den Film zu gehen. Habe die Comics aus den Zack-Heften und Zack-Alben abstrus gefunden, aber gemocht. Okay, Luc Orient fand ich damals besser.
    Französische Filme sind immer irgendwie „anders“. Nach 1 Minute innerhalb eines beliebigen Filmes kommt man mit der Kameraführung und den Dialogen schon auf die französische Herkunft. Genauso wie deutsche Filme zu erkennen sind.
    Also warten, bis der Film gestreamt wird. Und @ ainu89: vielleicht ist er gerade deswegen der Superagent. Ein Super Agent muss unterschätzt werden.

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  8. Pingback: Valerian Kritik – Filmexe – Blog über Filme und Serien

  9. Also einiges was in dem Artikel erwähnt stimmt durchaus. Ja, die Romanze wirkt aufgesetzt, die optische Bombastik täuscht über so manches Plothole hinweg. Viel schlechter als der Klassiker Das fünfte Element ist es aber insgesamt auch nicht. Insofern eigentlich genau das was man sich aus den Trailer schon erwartet.

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  10. Ich bin positiv überrascht: Ich habe jetzt ja wirklich viele Kritiken durchgelesen, aber kaum einer erwähnt den sexistischen Aspekt (und ich zweifelte schon an mir, ob ich jetzt komplett Hypersensibel geworden bin) – was aber vermutlich zugunsten des Namens „Luc Besson“ und der Bildergewalt einfach übersehen wird. Ich erhoffte mir deutlich mehr von dem Film aber schon in der ersten Szene der Hauptdarsteller fragte ich mich: Chemie? Regie? Hallo? Hat da jemand zugeschaut oder einfach nur die Kamera laufen lassen und gesagt: Macht mal, ich geh Kaffee trinken. Denn so wirkt das ganze. Jedenfalls, tolles Review 🙂

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  11. Florian Stumpf

    Ich kann die in fast allem zustimmen, außer bei Guardians of the Galaxy vol. 2… Dieser Film ist, für mich zumindest, auch nicht das Geld wert das die Kinokarte gekostet hat.

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