Wie blöd ist The Dark Tower?

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Fantasy-Geballer von Nikolaj Arcel.

The Man in Black fled across the desert,
and the gunslinger followed.

So beginnt The Gunslinger, das erste Buch von Stephen Kings Dark Tower-Zyklus, welcher drei Jahrzehnte und die Gesamtheit seines kreativen Schaffens umspannt. Ein Satz, der mit meisterlicher Präzision Kopfkino vom Zerrbild eines Westerns heraufbeschwört. Diese cinematische Qualität des Turms machte ihn zum Heiligen Gral der King-Verfilmungen – bis heute. Doch Sony hat das Angesicht seines Vaters vergessen.

Der junge Jake wird von Visionen einer fremden Welt geplagt – einem von Magie und Radioaktivität zerfressenen Ödland, in dem Ungeheuer und Dämonen hausen. Dort jagt der letzte Revolvermann, Roland von Gilead (Idris Elba), den Mann in Schwarz (Matthew McConaughey), welcher es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Dunklen Turm und damit das kosmische Gleichgewicht aller Existenz zum Einsturz zu bringen. Schon bald soll sich herausstellen, dass Jakes Wachtraum bittere Realität und sein Schicksal mit dem Rolands verbunden ist…

Disclaimer:
Ich hatte vor einigen Jahren eine heiße Sommeraffäre mit den Büchern, auf denen dieser Film basiert. Sie werden für mich immer Kings Kronjuwelen bleiben, nicht zuletzt weil sie so eng mit vielen anderen Geschichten und seinem eigenen Leben verflochten sind. Ohne zu viel über die Inhalte beider Versionen zu verraten, kann ich sagen, dass die Verfilmung ebenfalls auf ungewöhnliche Weise mit den Ereignissen der Bücher koexistiert (für die Leser: ja, Horn), somit aber auch gewaltige Cowboystiefel zu füllen hat. Für sich ist dieser Film okaye, wenn auch schlampig erzählte Fantasy-Action. Der große Niedergang des Projekts liegt im vergeudeten Potenzial von Stoff und Starbesetzung, weshalb ich mich im folgenden auch auf die Bücher beziehen, aber große Spoiler vermeiden werde.

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1. Ka ist ein Rad, der Turm hat 90 Minuten

Die Verfilmung von Kings Magnum Opus hat Jahrzehnte auf sich warten lassen, weil der Stoff so sperrig ist – eine wilde Mixtur aus diffuser Genre-Mythologie, die sich mit Gewalt gegen etablierte Erzählstrukturen wehrt. Daher wurde viel von Filmreihen und TV-Serien gesprochen, die dem Zuschauer die nötige Zeit geben, die bizarre Kosmologie des King-Multiversums zu verdauen. Doch das Vertrauen der Produzenten für solch ein Mammutprojekt war nie da – und so ist das Ergebnis ein 90minütiger Spielfilm, der sich die Tür für eine Serien-Fortführung offen hält.

Das wäre nun gar kein Problem gewesen, wenn man einfach The Gunslinger adaptiert hätte: Eine kurze Geschichte mit dramatischem Finale, die uns die Figur des Revolvermanns Roland und seine zerborstene Heimatwelt vorstellt. Doch diese Geschichte erweist sich als zu finster, morbide und nihilistisch für die Typen von Sony, die sich einen frei-ab-12-Actionblockbuster wünschen, der eine breite Zielgruppe anspricht. Und so kam der Auftrag, den Plot der gesamten Reihe auf 90 jugendfreie Minuten herunterzubrechen.

Das Ergebnis dieser extremen Zusammenstutzerei wirkt ein wenig so, als würde man Harry Potter am Ende seines ersten Schuljahres Lord Voldemort mit Karate verkloppen lassen, weil man nicht die Zeit hatte zu etablieren, was ein Zauberer eigentlich ist. All das über die Jahre verdiente Drama ist heraus, die komplizierten Menschen müssen zu Pappaufstellern, die Handlung auf ein beleidigendes Niveau heruntergedummt werden. Buchleser schäumen vor Wut und schreien Verrat, Filmschauer sind verwirrt und uninteressiert.

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2. No place like Midworld

Die Heimat des Revolvermanns ist Mittwelt, ein Fragment-Fegefeuer aus Wildem Westen, Rittersagen und Postapokalypse. Da tummeln sich abgefahrene Tiermutanten, uralte Roboter und verstrahlte Pianisten, die in schummerigen Tavernen auf verstimmten Klavieren ‚Hey Jude‘ spielen. Diese Welt ist ein schief gelaufener Trip durch halb-erinnerte Fieberträume und ein großer Teil des Charmes dieser Bücher.

Der Film verbringt nur ein Drittel seiner Laufzeit dort. Schlimmer, er ersetzt die irrwitzigen Bestien durch generische Dämonen, Tiermenschen durch Orks, fremdartigen Slang durch Erklärbären und Mythologie durch Klischees, um den Zuschauer nicht zu verwirren. Diese Entzauberung des Stoffes wird bereits mit der ersten Szene verdeutlicht, als man das abstrakt-subtile, den gesamten Kosmos durchziehende Gleichgewicht, welches vom Bösewicht pervertiert wird, durch bunte Laserstrahlen visualisiert bekommt. Auf ähnliche Weise wird diese ganze filmreife Welt, die als drogenzerfressener Liebesbrief an den Clint Eastwood-Western begann, zu billigem Action-Trash aus dem Jahre 2003 entzaubert.

Am furchtbarsten ist aber, dass der Film mit 5 Autoren und einer Reihe produktionstechnischer Fehlstarts und Reshoots offenkundig das Ergebnis von Produzenten-Verhackstückelung, endlosen Fokusgruppen-Feedbackschlaufen und Kompromissen ist. Die Handlung wurde nach New York und die Protagonistenrolle auf den jungen Jake verlegt, auf ein Gut-vs-Böse-Puppenspiel heruntergebrochen und all ihrer kreativen Exotik beraubt, damit der Zuschauer auf keinen Fall überfordert wird oder nachdenken muss.

Dafür wird uns langatmig und immer wieder erklärt, dass Magie und Sci-Fi-Technik und Dämonen existieren. Hollywood, auf ein Wort: Ihr braucht euren Film nicht für ne Power Point anhalten, um uns glauben zu machen, dass es Sachen gibt. Zeigt sie uns einfach, wir halten schon Schritt. Bäm, Movie Magic!
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4. The Man in Black fled across the desert…

Der Mann in Schwarz ist DER King-Bösewicht. Er ist der Walkin‘ Dude, Randall Flagg, Walter o’Dim, Nyarlathotep. Das absolute Böse, welches Raum und Zeit transzendiert. Matthew McConaughey war ein so geniales Casting, dass ich bei der Ankündigung große Lust hatte, allen Beteiligten High Fives und extragroße Eisbecher zu spendieren. Er hat diese charismatische und bedrohliche Fremdartigkeit, die er in intensive Blicke und halb-gemurmelte Drohungen stecken kann, was ihn perfekt für die Rolle des mythischen Widersachers der Schöpfung macht. Und sie machen sogar ein paar wirklich coole Dinge mit seinen Hexenmeister-Kräften, was ihn immerhin interessant werden lässt.

Leider verliert der Film keine Zeit damit, ihn sofort zu entzaubern und alle Bedrohlichkeit zu nehmen. Statt der finstere Begleiter am Horizont Rolands persönlicher Hölle zu sein, ist dieser Walter einfach nur Chef eines bösen Unternehmens, der die meiste Zeit mit Mitarbeitergesprächen und Geschmolle in seinem Büro verbringt. Die andere Hälfte der Zeit ist er mit Detektivarbeit zu Dingen beschäftigt, die wir als Zuschauer schon längst wissen. So verschwendet er wertvolle Filmminuten, statt uns durch Mark und Bein zu gehen.

Und dann muss er auch noch inkompetent und machtlos genug werden, um mit dem Revolvermann zu kämpfen. Um bei meinem Vergleich zu bleiben, ist das so, als würde man Voldemort alle Zauberei vergessen und Harry mit einem spröden Brett angreifen lassen, um das Spielfeld zu ebnen.

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5. …and the gunslinger followed.

Im Vornherein gab es viel Nerdwut über das Casting von Idris Elba als Cowboyritter Roland. Immerhin wurde dieser ja recht explizit vom Autor als Clint Eastwood höchstselbst visualisiert. Dem aufmerksamen Beobachter wird auffallen, dass Mr. Elba ein wenig mehr Melanin mitbringt, was offenbar für viele Menschen schon für seine Rolle in Thor oder als Kandidat für den nächsten James Bond ein Hindernis darstellte. Ich checke das Problem nicht so ganz – Idris Elba spielt den abgedroschenen, von seinem Leben und der unmöglichen Queste geschundenen Haudegen so selbstverständlich, dass ich gerne mehr von ihm gesehen hätte.

Leider wurde ihm wie gesagt der Status als Protagonist aberkannt, weshalb er zum Ende des ersten Aktes unzeremoniell in seinen eigenen Film hineingepupst wird. Da ist seine wertvolle Filmzeit (90 Minuten, tick tack) auf Exposition und Geballer beschränkt – nur einmal darf sein Charme durchkommen, als er sich in Jakes New York zurechtfinden und neu orientieren muss. Da wird der Film sogar lustig, bevor er sich daran erinnert, dass jetzt bald das Finale kommen muss.

Sein interner Konflikt, seine selbstmörderische Mission wird zur Rache gegen den Mörder seines Vaters vereinfacht. Auch, damit er Vatergefühle für Jake entdecken kann: Die Zielgruppe versteht Familie! Die Tragik des ewig Wandernden, der dazu verdammt ist, all seine Wegbegleiter zu verlieren, wird uns zwar erklärt – im entscheidenden Moment aber nicht gezeigt. Rolands Stunde der Wahrheit, die seine moralisch schwarzgraue Seite als Antiheld untermauert, wird uns zugunsten eines offensichtlich hastig umgeschriebenen Endes gestohlen – und lässt einen durchwachsenen Film auf der dissonanten Note der Unzulänglichkeit auströten.

 

 

 

 


Wie immer gilt: Deine eigene Meinung zu diesem Film ist genau so viel wert wie meine. Ich will dir deinen Spaß nicht nehmen, wenn du welchen hattest. Der Film ruiniert ein paar dramatische Wendungen der Bücher und ist dabei meiner Meinung nach nich mal ein Viertel so gut – wenn die Konzepte für dich spannend klingen oder du jetzt einfach mal die verdammt gute Version hiervon erleben willst, empfehle ich dringendst die Anschaffung des (kurzen, preisgünstigen) ersten Bandes: Schwarz – Der Dunkle Turm 1.

Lange Tage und angenehme Nächte.

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10 Gedanken zu “Wie blöd ist The Dark Tower?

  1. Witzig, dass du das gerade heute veröffentlichst, wo ich gestern im Kino war. Ich bin großer Fan der Bücher, aber mir war klar, dass ich vom Film enttäuscht sein könnte. Dass er schon mal von den Büchern abweicht, wusste ich im Vorfeld und damit konnte ich tatsächlich leben.
    Aber: Der Film wird den Büchern nicht gerecht und ich hätte mir ein mehrteiliges Epos gewünscht. Und zwar wirklich ein Epos, denn das sind die Bücher.
    Da die Kingsche Beteiligung am Film recht groß war, verstehe ich nicht, wie er sowas durchgehen lassen konnte.
    Ich weiß noch nicht, ob ich dir in allen Punkten zustimme, aber ich könnte gerade auch nicht viel postives sagen.

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  2. Sehr interessant, eine ausführliche Kritik eines passionierten Buchfans zu lesen. Als totaler Nichtkenner, der im Nachhinein belehrt wurde, hatte ich auch Schwierigkeiten, dem Film was abzugewinnen, obwohl da für mich doch ein paar gute Sachen waren. Ich war sehr zufrieden mit dem Hauptdarsteller-Trio, auch wenn das Drehbuch ihnen nicht gerecht wurde. Wenn es dich interessiert, hier der Link zu meiner Kritik: https://wirlebenleinwand.wordpress.com/2017/08/12/the-dark-tower-us-2017/

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  3. Ich mag weder King-Romane noch Western, hab aber Respekt und Achtung vor beidem und hab gelesen, die Schießszenen sollten das Beste an dem Film sein. Die Fantasie dieses Autors ist schon sehr beachtlich, schade dass das jetzt auf wilde Ballereien reduziert wird. Vielleicht findet ein geneigter Mensch ja doch auch Dinge in dem Film, die für sich gut sind, wenn man nicht immer mit die Qualtiät des Films mit der Qualität des Buches vergleicht. Man ist eigentlich immer enttäuscht, wenn man das Buch gelesen hat und dann ins Kino geht, weil die Fantasie eben unendlich ist und die Leinwand nur ein paar Meter .. Ich bin verkatert und drück mich schlecht aus, aber ich denke, es kommt rüber, was ich meine. LG Sven

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  4. Es ist wie du sagst: die Bücher sind ein wirrer Mix aus Western, Endzeit und Multidimensionen. Beim Lesen fragt man sich oft, was zur Hölle hier gerade vor sich geht. Das macht den Charme der Bücher aus, ist aber unheimlich schwer zu verfilmen. Die Tiefe der Bücher ensteht ja, wenn man mit der Welt des Revolvermanns auseinandergesetzt wird und man erkennt, warum er so handelt wie er handelt. Dann noch die Charakterentwicklungen und ein bisschen mystisches Geplänkel zum Nachdenken, sowie ein paar Actionszenen für die Erheiterung. So etwas verfilmt man nicht in 90 Minuten. Vielleicht in einem dreiteiler oder in einer Serie. Sonst wird es nur typischer Hollywoodmist…Moral der Geschichte: manchen Bücher sind einfach nicht Leinwandtauglich.

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  5. Zwei Bücher hab ich von King gelesen, weil man sich ja seine Meinung nur bilden kann, wenn man den Stoff kennt. Und ich fand die Verfilmungen recht gut, bin auch ein wenig anspruchslos, wenn es um anspuchslose Literatur geht: Das war einmal Carrie und dann der Friedhof der Kuscheltiere. Fand ich gut umgesetzt. Ansonsten nur Filme gesehen. Zimmer 1408 (habs in der Blechdose) hat mich richtig mitgerissen und das Ende fand ich absolut originell und einmalig, was wohl auch an einem meiner Lieblingsschauspieler John Cusack lag.

    Shining war super, auch Misery oder Neeful Things. Aber ich kuck mir nicht mehr so viel von King an, weil der immer so einen unterschwelligen Duktus hat, den ich nicht mag: Ich kanns nicht erklären. Bei den Kindern im Mais kam dies extrem raus und da ist immer ein Element, das mich stört in Film und Literatur, so als wollte King sagen: Ich hab zwar keine Ahnung vom wirklichen Seelenhorror, aber mach euch jetzt eine Menge Angst, indem ich Situationen aufbaue, die euer Blut gefrieren lässt.

    Der Meister des wahren Seelenhorrors war Edar Allan Poe und wenn auch King ihn zitiert, zeigt er wenig Seele. Kings Spuck kommt immer von außen und dies mag es sein, was mir nicht genügt. Wems Freude bereitet, dem seis gegönnt. Mir ist King zu trivial. Ein Kitschautor erster Güte, aber auch nicht mehr. Und seine Sprache ist die von Heftchenromanen. LG PP 🙂

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  6. Ich habe im Vorfeld dieses Review von Robin Furth einer der Beteiligten in der Umsetzung der (u.a) Graphic Novels gelesen: Interview, indem sie sagt, dass es nicht die Geschichte der Bücher widerspiegelt, sondern eine alternative Geschichte ist, eine weitere in der Welt des Turms. Ich glaub ich bin dadurch schon mit einer ganz anderen Einstellung in den Film reingegangen.

    Ich fand ihn als Film in Ordnung; sehr kurzweilig, viele Sprünge und auch ein paar Lücken und Fragezeichen (aber hey, Fran Kranz, den ich als Barde aus JourneyQuest kenne, hatte eine Nebenrolle 😀 ); aber als tatsächliche Verfilmung grottig, wobei ich sagen muss, dass ich vor ca 10 Jahren die ersten Bände gelesen habe und vorletztes Jahr Band 5, mir fehlen also noch zwei Bände…aber selbst so, waren mir einige Dinge fremd und fehlten und zeigten nicht die ganze Möglichkeiten, die hinter der Welt des Turms stecken (wie du schon sagtest: verschenktes Potential).

    Die Leute mit denen ich den Film angeschaut habe, die die Bücher nicht kannten, hat er gefallen.

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